Lukaschenkos Doppelspiel: Friedensappell und Waldai-Treffen
Am 15. Juni gab Alexander Lukaschenko dem arabischen Nachrichtenkanal Al Arabiya ein ungewöhnliches Interview: Er nannte den Ukrainekrieg militärisch unlösbar, sprach sich für Verhandlungen aus und entschuldigte sich bei Wolodymyr Selenskyj für vergangene Aussagen. Elf Tage später, am 26. Juni, reiste er unangekündigt nach Russland und verbrachte zwei Tage in Putins privater Residenz in Waldai. Was in Waldai besprochen wurde, ist öffentlich nicht bekannt. Lukaschenkos Signal zwischen Friedensappell und Kremlbesuch wirft die Frage auf, welche dieser beiden Gesten die eigentliche ist.
Das Friedenssignal aus Minsk
Im Interview mit Al Arabiya sagte Lukaschenko, weder Russland noch die Ukraine könne den Krieg militärisch gewinnen. Beide Seiten müssten Kompromisse schließen, anders sei ein Ende des seit über vier Jahren andauernden Konflikts nicht denkbar. Laut einer Analyse der Kyiv Post ist das eine erkennbare Abkehr von seiner bisherigen Haltung: Lukaschenko hatte bis Anfang 2026 die russische Kriegspropaganda unterstützt und von einem russischen Sieg gesprochen.
Im selben Interview sagte Lukaschenko, Belarus stelle keine militärische Bedrohung für die Ukraine dar und entschuldigte sich bei Selenskyj: „Falls sich Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj beleidigt gefühlt hat, entschuldige ich mich bei ihm." Eine Entschuldigung vom engsten Verbündeten Putins an den ukrainischen Präsidenten ist eine diplomatische Geste ohne Präzedenz in diesem Krieg.
Kurz vor dem Interview hatte die Ukraine Lukaschenko ein Ultimatum gestellt: Belarus müsse die Drohnenrelaisausrüstung abschalten, die russische Angriffsdaten durch belarussisches Staatsgebiet leitet. Belarus schaltete die Ausrüstung ab, wie das Kyiv Independent berichtete. Selenskyj kommentierte das als „ersten Test", den Lukaschenko bestanden habe.
Das Treffen in Waldai
Am 26. Juni reiste Lukaschenko nach Russland. Zwei Tage verbrachte er in Waldai, einem privaten Anwesen zwischen Moskau und Sankt Petersburg, das Putin für vertrauliche Gespräche nutzt. Pressestatements waren nicht geplant, Dokumente wurden nicht unterzeichnet. Die staatliche belarussische Nachrichtenagentur Belta meldete den Besuch, ohne Inhalte zu nennen.
Die Spekulationen gehen in zwei Richtungen. Die eine: Lukaschenko versucht, Belarus als Vermittler zu positionieren. Er hat Russland und die Ukraine wiederholt zu direkten Gesprächen in Minsk eingeladen, Putin lehnte bisher ab. Die andere Interpretation findet sich in einem Bericht des Portals tkp.at: Moskau übe seit Monaten erheblichen Druck auf Lukaschenko aus, sich militärisch stärker an den Kriegshandlungen zu beteiligen. US News berichtete, der Besuch in Waldai habe an einem „angespannten Moment im Ukrainekrieg" stattgefunden.
Ebenfalls auffällig: Laut finanzen.net führte Lukaschenko in den Tagen um den Waldaibesuch auch Gespräche mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Das suggeriert, dass Lukaschenko nicht nur mit Moskau kommuniziert, sondern sich breiter positioniert.
Lukaschenkos Dilemma
Lukaschenko hängt von Putin ab. Nach den Massenprotesten im Sommer 2020, als belarussische Wähler seine manipulierte Wiederwahl anfochten, rettete Moskau sein Regime mit finanzieller und politischer Unterstützung. Seither ist er tiefer in Abhängigkeit von Russland geraten als je zuvor.
Gleichzeitig hat Lukaschenko nie belarussische Soldaten in die Ukraine geschickt. Belarus bleibt formal kein Kriegsteilnehmer. Diesen Status zu bewahren, ist für ihn zentral: Belarussische Einheiten in der Ukraine würden seinen letzten Rest Legitimität im Inland zerstören und ihn in den Zuständigkeitsbereich des Internationalen Strafgerichtshofs rücken, der bereits einen Haftbefehl gegen Putin ausgestellt hat.
Sein öffentlicher Friedensappell hat also einen rationalen Kern: Lukaschenko braucht das Ende des Krieges, um sich aus der militärischen Umklammerung durch Moskau zu lösen, ohne mit Putin zu brechen. Seine Al Arabiya-Aussagen klingen wie ein Signal an Kiew: Er wolle raus aus dieser Position, könne aber nicht zu weit gehen. Das Handelsblatt berichtete unter dem Titel „Lukaschenko ruft zu Verhandlungen auf" über seine öffentlichen Äußerungen nach den Waldai-Gesprächen.
Die drei offenen Fragen nach dem Waldai-Treffen
Was Putin und Lukaschenko in Waldai besprochen haben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Drei Fragen bleiben offen.
Erstens: Hat Moskau Belarus aufgefordert, militärische Infrastruktur bereitzustellen? Die belarussische Grenze zu Polen und Litauen ist eine NATO-Flanke. Jede Stationierung schwerer russischer Waffen in Belarus würde das Bündnis zwingen zu reagieren, was das Risiko einer direkten Konfrontation erhöhen würde.
Zweitens: Wird Lukaschenko seinen Vermittlerkurs weiterverfolgen? Sein nächster logischer Schritt wäre ein formeller Vorschlag für Verhandlungsgespräche in Minsk. Ob Selenskyj darauf eingehen würde, ist fraglich: Kiew hat Belarus als feindliches Territorium definiert, solange es russischen Streitkräften offensteht.
Drittens: Spielt China eine größere Rolle als bisher bekannt? Peking hat ein Interesse am Ende des Krieges, das keine russische Niederlage beinhaltet. Lukaschenko als Kanal zwischen Kreml und möglichen Verhandlungspartnern wäre für China ein nützliches Instrument. Die zeitliche Nähe des Xi-Gesprächs zum Waldai-Treffen könnte kein Zufall sein.
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