KI-Hörgeräte 2026: Erstmals echte Sprachseparation
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KI-Hörgeräte 2026: Erstmals echte Sprachseparation

Phonak und ReSound haben 2025 und 2026 Hörgeräte mit dedizierten KI-Chips auf den Markt gebracht, die Sprache erstmals in Echtzeit vom Umgebungslärm trennen. Klinische Tests zeigen bis zu 36,7 Prozent besseres Sprachverstehen. Dazu kommt ein überraschender Befund aus der Demenzforschung.

30. Juni 2026, 16:42 Uhr 718 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Mehr als neun Millionen Deutsche geben laut der EuroTrak-Hörstudie 2025 an, hörgemindert zu sein. Nur 47 Prozent davon tragen Hörgeräte. Was viele bisher abhielt: Ältere Geräte machen alles lauter, Tellergeklapper, Hintergrundmusik und fremde Gespräche eingeschlossen. Phonak und ReSound haben 2025 und 2026 Modelle mit einem dedizierten KI-Chip eingeführt, der Sprache erstmals in Echtzeit vom Umgebungslärm trennt, statt alles gleichzeitig zu verstärken.

Warum alte Hörgeräte in Restaurants versagen

Herkömmliche digitale Hörgeräte arbeiten mit regelbasierter Signalverarbeitung: Sie messen Lautstärke, erkennen Richtung und dämpfen, was als Lärm eingestuft wird. Das Problem: Ein Geräusch auf 75 Dezibel ist für das Gerät nicht automatisch Hintergrundlärm, wenn es aus derselben Richtung kommt wie das Gespräch. In lauten Umgebungen scheitern diese Systeme systematisch. Sie dämpfen Lärm, nehmen dabei aber auch Sprache mit oder sie verstärken alles zusammen und zwingen das Gehirn, die Trennung selbst zu leisten.

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Dieser kognitive Mehraufwand summiert sich. Audiologische Studien sprechen von Listening Effort, also Höranstrengung, die sich über Stunden aufaddiert und erschöpft. Für Menschen mit leicht nachlassendem Kurzzeitgedächtnis bedeutet das häufig: sozialer Rückzug nicht aus Entscheidung, sondern aus Erschöpfung.

Was der DEEPSONIC-Chip erstmals kann

Phonaks Audeo Infinio Ultra Sphere und das In-Ear-Modell Virto R Infinio nutzen zwei separate Chips. Der ERA-Chip übernimmt die klassische digitale Signalverarbeitung. Der DEEPSONIC-Chip ist ein dedizierter neuronaler Netzwerkbeschleuniger, der laut Phonak auf 22 Millionen realen Klangsituationen trainiert wurde und in Echtzeit 7,7 Milliarden Operationen pro Sekunde ausführt. Das System trennt Sprache nicht nach Lautstärke oder Richtung, sondern nach erlernten Mustern, die Sprache von anderen Geräuschen unterscheiden.

Das Ergebnis in klinischen Tests: Bis zu 10,2 Dezibel Verbesserung des Signal-Rausch-Verhältnisses (SNR), verglichen mit 2,9 Dezibel bei einem einfachen Richtmikrofon. Träger des Infinio Ultra verstanden in Studien 36,7 Prozent mehr Sprache im Lärm als mit dem Vorgängermodell und dreimal so viele Wörter wie mit zwei getesteten Konkurrenzgeräten. Die Höranstrengung sank dabei um 35 Prozent. Das Virto R Infinio gewann 2026 den AI Excellence Award der Business Intelligence Group, den iF Design Award und den Red Dot Award.

ReSound Vivia, seit Februar 2025 auf dem deutschen Markt, nutzt eine ähnliche Zwei-Chip-Architektur. Das tiefe neuronale Netz wurde auf 13,5 Millionen gesprochenen Sätzen trainiert, führt täglich 4,9 Billionen Operationen durch und orientiert sich zusätzlich an der Blickrichtung des Trägers: Schaut jemand zu einer bestimmten Person, priorisiert das Gerät Sprache aus dieser Richtung.

Im Vergleich: Sprache im Lärm und das Demenzrisiko in Zahlen

Zum Einordnen: Ein Dezibel SNR entspricht grob dem Unterschied, ob man in einem mittellauten oder einem sehr lauten Raum sprechen muss. Der Sprung von 2,9 auf 10,2 Dezibel bedeutet, dass Situationen, in denen ältere Geräte systematisch versagten, für viele Träger erstmals handhabbar werden könnten.

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Die gesundheitliche Dimension geht weit über akustischen Komfort hinaus. Der Lancet Commission Report 2024 identifizierte unbehandelten Hörverlust als den größten einzeln beeinflussbaren Risikofaktor für Demenz im mittleren Lebensalter. Eine JAMA-Studie vom November 2025 fand: Leichter Hörverlust in der Lebensmitte erhöht das Demenzrisiko über 15 Jahre um 71 Prozent. Eine Auswertung mit 437.704 Teilnehmern (Lancet Public Health) zeigte, dass Hörgeräteträger ein ähnlich niedriges Demenzrisiko hatten wie Menschen ohne Hörverlust. Konsequente Hörversorgung könnte laut Lancet die weltweite Zahl der Demenzkranken um bis zu sieben Prozent senken.

Einen sozialen Befund lieferte die ACHIEVE-Studie (977 ältere Erwachsene, 2025): Hörgeräteträger behielten über drei Jahre im Schnitt eine Person mehr in ihrem sozialen Netzwerk als Nicht-Träger. Sozialer Rückzug, oft als individuelle Entscheidung wahrgenommen, ist in vielen Fällen eine direkte Folge des Nicht-Verstehens.

Wer profitiert und was die Krankenkasse zahlt

Die gesetzliche Krankenversicherung erstattet rund 704 Euro pro Gerät. Bei Basismodellen innerhalb des Festbetrags bleibt nur ein Eigenanteil von zehn Euro. Für die KI-Topmodelle wie das Phonak Infinio Ultra liegt der Preis in Deutschland bei 2.335 bis 2.499 Euro pro Ohr, der Eigenanteil nach Kassenerstattung also bei 1.600 bis 1.800 Euro pro Ohr.

Peter Berlit von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie betont, dass die Behandlung von Hörverlust eines der wirksamsten Instrumente der Demenzprävention sei, die heute zur Verfügung stehen. Ein erster Schritt ist ein einfacher Hörtest, den Hausärzte veranlassen können. Die Kassenleistung umfasst dann Verordnung und Versorgung mit einem Basisgerät ohne weiteren Eigenanteil.

Dass dieser Schritt so selten getan wird, zeigt eine andere Zahl aus der EuroTrak-Studie: 64 Prozent der Menschen mit Hörverlust in Deutschland wissen nicht, dass die Krankenkasse Hörgeräte bezuschusst. 34 Prozent der Betroffenen haben noch nie einen Hörtest gemacht. 97 Prozent der Hörgeräteträger berichten dagegen eine verbesserte Lebensqualität. Und 64 Prozent bedauern, das Gerät nicht früher beantragt zu haben.

Quellen (10)

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