Abschied von Huawei kostet Europa bis zu 40 Milliarden
Die EU hat es verbindlich gemacht: Huawei und ZTE müssen aus europäischen Mobilfunknetzen verschwinden. Die EU-Kommission schätzt die Gesamtkosten des Rückbaus auf 10 bis 13 Milliarden Euro. Sieben europäische Netzbetreiber kommen in einer eigenen Studie auf bis zu 40 Milliarden. Deutschland, mit Huawei noch Ende 2024 in rund 60 Prozent aller 5G-Standorte, hat bis Ende 2026 Zeit, zumindest den Kern des Netzes zu bereinigen.
Vier Schichten, eine Lücke: Warum EU und Branche so weit auseinanderliegen
Am 4. Mai 2026 empfahl die EU-Kommission den Mitgliedstaaten auf Basis des EU-Cybersicherheitspakets: Alle 27 Mitgliedstaaten müssen Huawei und ZTE als Hochrisikoanbieter einstufen und aus kritischer Infrastruktur entfernen. Bislang hatte das auf freiwilliger Basis geschehen sollen, mit entsprechend ungleichen Ergebnissen. Per Januar 2026 hatten erst 13 von 27 EU-Staaten konkrete Maßnahmen ergriffen.
Die Kommission schätzt die Gesamtkosten des Umbaus laut ihrer Folgenabschätzung auf 10 bis 13 Milliarden Euro für die gesamte Union. Sieben große europäische Netzbetreiber, darunter Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica und Orange, ließen über den Branchenverband GSMA eine eigene Studie erstellen. Das Ergebnis: bis zu 40 Milliarden Euro.
Die Diskrepanz liegt in der Definition von kritischer Infrastruktur. Die Kommission kalkulierte zunächst eng, mit Blick auf das Kernnetz: die zentralen Steuereinheiten, auf wenigen Servern konzentriert. Die GSMA-Studie bezieht alle vier Netzschichten ein. Das Funkzugangsnetz allein, also Basisstationen und Antennen, kommt auf 16 bis 22 Milliarden Euro. Das Transportnetz auf 9 bis 12 Milliarden. Das Festnetz auf bis zu 5 Milliarden. Zusammengerechnet: 30 bis 39 Milliarden Euro, rund dreimal bis viermal die Kommissionsschätzung.
Wer recht hat, ist keine akademische Frage. Die Kostenverteilung zwischen Netzbetreibern und Staat hängt daran, welche Schichten als regulatorisch bedingt gelten. Wer nur für das Kernnetz zuständig ist, zahlt einen Bruchteil. Wer das gesamte Zugangsnetz einschließt, zahlt das Vielfache.
Deutschland: 60 Prozent, 2,5 Milliarden, eine offene Subventionsfrage
Kein EU-Land steht beim Abschied von Huawei weiter als Schweden. Stockholm verbot Huawei im Oktober 2020 und setzte die Abbaufrist bis Januar 2025. Alle drei schwedischen Betreiber, Telia, Telenor und Hi3G, haben seither auf Ericsson oder Nokia umgestellt. Rumänien hat ebenfalls ein vollständiges Verbot verhängt.
Deutschland steht am anderen Ende der Skala. Ende 2024 war Huawei noch in rund 60 Prozent aller deutschen 5G-Standorte verbaut, wie Light Reading auf Basis von Netzdaten berichtet. Deutsche Telekom, Vodafone Deutschland und Telefónica Deutschland haben vereinbart, ihre Kernnetze bis Ende 2026 zu bereinigen. Zugangsnetz und Transportnetz folgen bis Ende 2029.
Die Investmentbank Barclays beziffert die Gesamtkosten für Deutschland auf rund 2,5 Milliarden Euro: Deutsche Telekom allein rund 1,1 Milliarden Euro, Vodafone Deutschland und Telefónica Deutschland je etwa 700 Millionen Euro. Ob der Staat mitfinanziert, ist offen. Bloomberg berichtete, die Bundesregierung diskutiere, ob Teile der Umbaukosten aus dem Verteidigungshaushalt oder dem Infrastrukturhaushalt gedeckt werden sollen. Eine Entscheidung wurde demnach noch nicht getroffen.
Das ist nicht ohne Vorgeschichte. Die Deutsche Telekom hat Huawei jahrelang als zuverlässigen Ausrüster verteidigt, auch nachdem andere europäische Länder bereits Verbote verhängt hatten. Die Entscheidung folgte einer rationalen Kalkulation: Huawei-Geräte waren günstiger und technisch ausgereift. Die Zeche dafür wird jetzt fällig.
Das strukturelle Risiko im chinesischen Geheimdienstgesetz
Der Kern des Problems ist nicht, was Huawei bisher getan hat, sondern was chinesisches Recht von chinesischen Unternehmen verlangen kann. Das chinesische Geheimdienstgesetz von 2017 verpflichtet alle Unternehmen und Staatsbürger, mit den Behörden zu kooperieren und auf Anfrage Informationen bereitzustellen. Das Gesetz kennt keine geografische Grenze: Es gilt auch für Aktivitäten außerhalb Chinas.
In der Praxis heißt das: Enthalten Telekommunikationsnetze Huawei-Ausrüstung, könnten chinesische Behörden das Unternehmen theoretisch verpflichten, Zugang zu Wartungsschnittstellen oder Systemarchitektur zu gewähren. Ob und dass Huawei das je tut oder getan hat, ist öffentlich nicht dokumentiert. Europäische Nachrichtendienste halten allein die strukturell angelegte Möglichkeit für inakzeptabel.
Die EU-Kommission bezeichnet Huawei und ZTE deshalb als Hochrisikoanbieter nicht wegen nachgewiesener Spionage, sondern wegen eines rechtlich bedingten strukturellen Risikos. Das ist eine vergleichsweise neue Kategorie in der Sicherheitspolitik: gefährlich nicht durch Handeln, sondern durch die potenzielle Pflicht zum Handeln. Die Entscheidung fällt damit in eine Zeit, in der Infrastrukturabhängigkeiten generell neu bewertet werden, von Gasleitungen bis zu Halbleitern.
Kernnetz-Frist Ende 2026: Was Subventionen und Kapazität entscheiden
In fünf Monaten muss Deutschland zeigen, dass Huawei und ZTE aus den 5G-Kernnetzen verschwunden sind. Das ist der technisch handhabbarere Teil: Im Kernnetz laufen die Geräte auf wenigen zentralen Servern, die sich leichter austauschen lassen als die Zehntausenden Basisstationen im Zugangsnetz.
Zwei Fragen bestimmen das Tempo bis dahin. Erstens die Subventionsfrage: Ohne staatliche Beteiligung landen die Rückbaukosten in den Betriebskosten der Netzbetreiber und von dort in höheren Mobilfunktarifen. Wie stark das den Marktpreis bewegt, hängt auch daran, ob alle drei Betreiber gleichzeitig umstellen und damit keine Möglichkeit zur Kostenumgehung über Anbieterwechsel bleibt.
Zweitens die Kapazitätsfrage: Nokia aus Finnland und Ericsson aus Schweden sind die wichtigsten europäischen Anbieter für Kernnetztechnik und Basisstationen; beide haben mit Lieferengpässen zu kämpfen. Der südkoreanische Hersteller Samsung ist in europäischen Netzen noch wenig verbreitet. Wer den Rückbau beschleunigen will, braucht Lieferanten, die liefern können. Das ist kein rein politisches, sondern auch ein industrielles Problem, das erklärt, warum selbst Länder mit politischem Willen an Grenzen stoßen.
Für die 13 EU-Staaten, die noch keine konkreten Maßnahmen ergriffen haben, ist die Kernnetz-Frist Deutschlands auch ein Signal: Wer jetzt beginnt, zahlt den Preis früher. Wer wartet, zahlt ihn mit einem doppelten Zeitdruck.
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