Stahljobs in Gefahr: Warum EU-Zölle nicht reichen
Wirtschaft

Stahljobs in Gefahr: Warum EU-Zölle nicht reichen

Am Freitag demonstrierten in Berlin und Völklingen rund 10.000 Stahlarbeiter gegen drohenden Jobabbau. IG Metall-Vize Jürgen Kerner nannte den Industriestrompreis nur 'homöopathisch' wirksam. Die entscheidende Frage ist die Energie, nicht die Zölle.

13. Juni 2026, 4:41 Uhr 755 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Kurz vor der Demonstration hatten IG Metall-Chefin Christiane Benner und Zweiter Vorsitzender Jürgen Kerner stundenlang mit der Koalitionsführung im Kanzleramt beraten. Trotzdem riefen sie zur Straße auf. Diese Reihenfolge ist das eigentliche Signal der Stahlkrise: Die Bundesregierung hat Maßnahmen ergriffen, aber die Gewerkschaft hält sie für unzureichend und zeigt das auf zwei Wegen gleichzeitig.

Tiefststand seit der Finanzkrise

Die Rohstahlproduktion in Deutschland sank 2025 auf 34,1 Millionen Tonnen, der niedrigste Stand seit der Finanzkrise 2009. Es war das vierte Krisenjahr in Folge. Unter 70 Prozent Auslastung laufen die Hochöfen im Schnitt, ein Wert, bei dem viele Anlagen kaum kostendeckend produzieren können.

Drei Probleme überlagern sich. Die Automobilindustrie, Hauptabnehmer für deutschen Stahl, steckt selbst in der Krise. Asiatische Produzenten, vor allem aus China, liefern zu Preisen, die strengere Umweltauflagen und Sozialstandards nicht zulassen würden. Und für europäische Hersteller kommen die Kosten des Emissionshandelssystems hinzu: Sie zahlen für jede Tonne CO2, Konkurrenten in China nicht.

In der deutschen Stahlindustrie arbeiten rund 80.000 Menschen direkt, viele davon im Ruhrgebiet und im Saarland, wo der Stahl seit dem 19. Jahrhundert das wirtschaftliche Rückgrat bildet. Nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl hängen entlang der gesamten Wertschöpfungskette rund vier Millionen Arbeitsplätze von ihr ab. ThyssenKrupp Steel hat bereits den Abbau von 11.000 Stellen angekündigt, was allein diesem Konzern rund 40 Prozent der Belegschaft kosten würde.

Was die Bundesregierung bereits getan hat

Die Koalition hat nicht untätig zugeschaut. Ein Industriestrompreis soll energieintensive Branchen entlasten. Die Deutsche Bahn verpflichtete sich, ihren Stahlbedarf vollständig aus deutschem Grünstahl zu decken. Auf europäischer Ebene tritt ab 1. Juli 2026 ein Strafzoll von 50 Prozent auf Stahlimporte in Kraft, die eine Freigrenze von 18,3 Millionen Tonnen jährlich übersteigen. Das ist doppelt so hoch wie der bisherige Satz und der stärkste Handelsschutz, den die EU je für Stahl aufgelegt hat.

Für Jürgen Kerner reicht das nicht. Nach dem Berliner Demonstrationszug sagte der Zweite IG Metall-Vorsitzende: "Die Politik hat in den vergangenen Monaten einiges für die Stahlindustrie getan. Sie darf jetzt nicht auf halbem Weg stehen bleiben. Sie muss ihre Versprechen erfüllen." Den Industriestrompreis bezeichnete Kerner als nur "homöopathisch" wirksam gegen die Energiekosten: Das Programm sei zeitlich befristet, stehe unter Finanzierungsvorbehalt und greife zu schwach.

In Berlin marschierten nach IG Metall-Angaben rund 1.700 Beschäftigte aus mehr als 40 Betrieben vom Brandenburger Tor zum Bundeswirtschaftsministerium; die Polizei zählte rund 900 Menschen. Im saarländischen Völklingen, Heimat der UNESCO-Welterbestätte Völklinger Hütte, versammelten sich nach Polizeiangaben 8.500 Menschen zu mehreren Demonstrationszügen. Unter dem Motto "Stahl hat Zukunft, bei uns!" war auch Grünen-Parteichef Felix Banaszak in Berlin dabei.

Das eigentliche Problem ist die Energie

EU-Importzölle schützen vor Billigware. Was sie nicht leisten: Sie senken nicht die Produktionskosten im Inland. Genau das ist der Kern des Problems.

Deutsche Industrieunternehmen zahlen für Strom deutlich mehr als Wettbewerber in Frankreich, das durch seine Kernkraftwerke niedrigere Industriepreise erzielt. Die Hormusblockade im Zuge des Irankriegs hat diesen Nachteil weiter verschärft. Stahl ist extrem energieintensiv: Ein Hochofen läuft rund um die Uhr, ein ungeplantes Abschalten kostet Millionen und beschädigt die Anlage. Die Branche kann kurzfristig nicht auf günstigere Energiequellen umsteigen.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an den CO2-Umbau. Das europäische Emissionshandelssystem wird schrittweise verschärft. Kerner mahnte in Berlin, die Politik dürfe den Emissionshandel nicht abschwächen, weil das genau jene Unternehmen bestrafen würde, die bereits in Elektrolichtbogenöfen oder Direktreduktionsanlagen investiert haben. Diese Technologien sind auf verlässlich günstigen Strom angewiesen. Fehlt er, war die Investition umsonst.

Die Wirtschaftsvereinigung Stahl sieht die EU-Zölle als notwendige erste Maßnahme, pocht aber auf eine dauerhafte Senkung der Energiekosten als langfristige Lösung. Ein Schutz vor Importkonkurrenz helfe wenig, wenn die eigene Produktion im Kostenvergleich mit Asien strukturell nicht konkurrenzfähig bleibt.

Bis zur Tarifrunde im Herbst bleibt wenig Zeit

Am 1. Juli treten die EU-Schutzmaßnahmen in Kraft. Kurzfristig dürfte das die Importkonkurrenz dämpfen. Ob das ausreicht, um betriebsbedingte Kündigungen aufzuhalten, ist offen: ThyssenKrupp hatte seinen Stellenabbau lange vor der Zollentscheidung angekündigt.

Im Herbst 2026 stehen Tarifverhandlungen für die Stahlindustrie an. Wenn die Energiekostenlage bis dahin nicht verbessert ist, werden sie unter extremem Druck stattfinden. Was die Bundesregierung bis dahin an konkreten Maßnahmen nachlegt, entscheidet darüber, ob nach dem nächsten Kanzleramtstreffen erneut zur Demonstration aufgerufen wird.

Quellen (10)

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