WM 2026: Infantinos Privatjet verbraucht 230.000 Liter
Flightradar24 zeichnet es auf: Gianni Infantinos Reiseroute bei der Fußball-WM in Nordamerika ist ein Zickzack über den Kontinent. Zehn Stadien in sieben Tagen. Jeden Tag zwei Spiele. Jede Strecke per Privatjet. Die Gulfstream G650ER, die FIFA-Sponsor Qatar Airways dem FIFA-Präsidenten für das Turnier zur Verfügung gestellt hat, verbrennt laut Berechnungen der Schweizer Umweltjournalisten pro Flugstunde so viel CO2, wie ein Durchschnittsmensch im ganzen Jahr verursacht. Allein in der Gruppenphase bedeutet das: über 230.000 Liter Kerosin.
Drei Länder, 104 Spiele, 4.500 Kilometer
Die Weltmeisterschaft 2026 ist die erste, die auf drei Länder verteilt wurde: USA, Kanada und Mexiko. Sechzehn Stadien in drei Ländern sollten das Turnier größer und integrativer machen. Für die Logistik bedeutet das etwas anderes: Bei der WM 2022 in Katar lagen alle Stadien innerhalb eines Radius von rund 75 Kilometern. Bei der aktuellen WM betragen die Distanzen zwischen Spielstätten bis zu 4.500 Kilometer. Wer täglich zwei Spiele besuchen will, fliegt zwangsläufig.
Infantino hat genau das angekündigt und eingehalten. Das Flugverfolgungsportal Flightradar24 dokumentiert seine Route: In den ersten sieben Tagen des Turniers besuchte der FIFA-Präsident zehn verschiedene WM-Stadien. Für die Strecken von insgesamt über 70.000 Kilometern allein in der Vorrunde hätte kein handelsüblicher Flugplan gereicht. Das Institut New Weather hat berechnet, dass die gesamte WM rund neun Millionen Tonnen CO2-Äquivalent verursachen wird. Davon entfallen 7,7 Millionen Tonnen auf den Flugverkehr der Zuschauer und Offiziellen. Das ist mehr als das Vierfache des Durchschnitts der Weltmeisterschaften zwischen 2010 und 2022.
Was Infantinos Reiseprogramm kostet
Innert einer Woche hat Infantinos Privatjet nach Berechnungen des Schweizer Nachrichtenportals 20 Minuten rund 200 Tonnen CO2 ausgestoßen. Wenn er auch die Achtelfinale und Viertelfinals auf diese Weise bereist, summieren sich die Emissionen seines Flugzeugs allein auf 300 bis 500 Tonnen. Das entspricht dem jährlichen CO2-Fußabdruck von 35 bis 55 Franzosen.
John Hocevar von Greenpeace USA sagte zu den Reiseplänen: „Dass Funktionäre täglich in extrem klimaschädlichen Privatjets fliegen, vermittelt nicht gerade den Eindruck, dass die FIFA die Ursachen des Klimawandels oder ihre eigene Verantwortung, Teil der Lösung zu sein, erkannt hat.“ Die FIFA wies die Kritik zurück. Infantinos Reisen fänden „nicht nur per Charterflug, sondern auch mit regulären Linienflügen statt, je nachdem, welche Option unter den jeweiligen Umständen effizienter und kostengünstiger ist“. Die FIFA übernehme die Reisekosten.
Infantino ist nicht der einzige Offizielle, der per Privatjet durch Nordamerika reist. Mehrere Nationalverbände chartern ebenfalls Flugzeuge, um ihren Delegierten möglichst kurze Reisezeiten zwischen den Spielstandorten zu ermöglichen. Für Zuschauer, die mehrere Spiele verschiedener Nationalmannschaften verfolgen wollen, ist ein Inlandsflug oft die einzige praktische Option zwischen Städten wie Vancouver, New York und Miami. Dieser Reisezwang ist in der Turnierstruktur selbst angelegt.
Das Nachhaltigkeitsparadoxon der FIFA
David Gogishvili, Geograph an der Universität Lausanne, bezeichnete die Situation als „Nachhaltigkeitsparadoxon“: Die FIFA habe darauf verzichtet, neue Stadien zu bauen und nutze vorhandene Infrastruktur. Das ist einer der wenigen echten ökologischen Vorteile dieses Turniers. Gleichzeitig habe das Drei-Länder-Format eine logistische Abhängigkeit von emissionsintensiven Inlandflügen erzeugt, die diesen Vorteil mehrfach zunichtemacht.
Der Unterschied zwischen Katar und Nordamerika ist nicht allein das Format. Er liegt auch in der Entscheidung, ein Turnier auf vier Zeitzonen und 4.500 Kilometer Breite auszudehnen und Nachhaltigkeit anschließend mit dem Argument vorhandener Stadien gegenzurechnen. Wer Stadien spart, aber Millionen Fans und Tausende Offizielle zu Langstreckenflügen zwingt, hat das Rechenbeispiel falsch gewählt. Die FIFA hatte im Vorfeld der WM angekündigt, Nachhaltigkeit als zentrales Thema zu behandeln. Dass der Präsident im Privatjet von Spiel zu Spiel pendelt, passt nicht zu dieser Botschaft.
Was die FIFA bis zum Finale nicht ändert
Auf die Frage, ob die FIFA Infantinos Reiseprogramm überdenkt, antwortete das Verbandsbüro nicht konkret. Greenpeace hat nach eigenen Angaben keine formelle Reaktion erhalten. Der laufende Turnierbetrieb lässt keine grundlegende Änderung mehr zu: Infantino hat Spiele in verschiedenen Städten zugesagt, Termine sind fixiert. Bis zum Finale am 19. Juli wird die Gulfstream weiterfliegen.
Was nach dem Turnier bleibt, ist die Frage, ob die FIFA das Format für 2030 überdenkt. Spanien, Portugal und Marokko sind gemeinsam als Austragungsorte vorgesehen, erneut mit langen Distanzen zwischen Spielstätten auf zwei Kontinenten. Gogishvili von der Universität Lausanne schätzt, dass die Emissionen der WM 2030 jene von 2026 noch übertreffen werden, wenn das Drei-Länder-Modell zur Norm wird. Greenpeace USA hat bisher keine formelle Antwort der FIFA auf die Kritik erhalten. Hocevar sagte, die Organisation erwarte von der FIFA eine konkrete Erklärung, wie sie den Widerspruch zwischen Nachhaltigkeitsversprechen und Privatjetflügen auflösen wolle.
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