Gentest spart vielen Brustkrebspatientinnen die Chemo
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Gentest spart vielen Brustkrebspatientinnen die Chemo

Ein Gentest erkennt, welche Brustkrebspatientinnen trotz hohem klinischem Risiko keine Chemotherapie brauchen. Die OPTIMA-Studie mit 4.429 Patientinnen zeigt: 68 Prozent der Frauen, die nach bisherigen Regeln chemotherapiepflichtig wären, kommen mit gleich gutem Ergebnis ohne die toxische Behandlung aus.

16. Juni 2026, 9:24 Uhr 880 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Rund 68 Prozent der Frauen mit klinisch riskantem Brustkrebs, die nach bisherigen Standards Chemotherapie erhalten sollten, können sie ohne messbare Abstriche beim Überleben vermeiden. Das zeigt die OPTIMA-Studie der Phase 3 mit 4.429 Patientinnen, präsentiert am 30. Mai 2026 beim Jahrestreffen der American Society of Clinical Oncology in Chicago und gleichzeitig im Journal of Clinical Oncology veröffentlicht. Ein 50-Gen-Test namens Prosigna erkennt, wessen Tumorbiologie gutartig genug ist. Für Zehntausende Patientinnen pro Jahr weltweit bedeutet das weniger Herzschäden, weniger Nervenstörungen und die Möglichkeit, eine der einschneidendsten Behandlungen der Onkologie zu vermeiden.

Was ist eigentlich Hochrisiko-Brustkrebs?

Nicht jeder Brustkrebs verhält sich gleich. Rund 75 Prozent aller Brustkrebsdiagnosen sind östrogenrezeptorpositiv und HER2-negativ, kurz ER+ HER2-. Bei diesen Tumoren regt das Hormon Östrogen das Wachstum der Krebszellen an, ein Eiweißmolekül namens HER2 spielt dagegen keine Rolle. Hormontherapien wirken bei solchen Tumoren gut. Aber bei großen Primärtumoren (ab 30 Millimetern) oder befallenen Lymphknoten galt jahrzehntelang: zusätzlich Chemotherapie. Das ist die Gruppe, die Onkologie als klinisch hochriskant einstuft.

brustkrebs

Chemotherapie ist toxisch. Anthrazykline und Taxane, die bei Brustkrebs häufig eingesetzten Substanzen, schädigen das Herzgewebe, verursachen bei einem erheblichen Teil der Patientinnen Polyneuropathien mit anhaltenden Nervenschmerzen und Taubheitsgefühlen in Händen und Füßen, können die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und erhöhen langfristig das Risiko für sekundäre Bluterkrankungen. Die entscheidende Frage war stets: Wer braucht das wirklich? Tumorgröße und Lymphknotenbefall sagen etwas über anatomische Ausbreitung, aber wenig über das biologische Verhalten eines Tumors.

Was der Prosigna-Test misst

Prosigna ist kein genetischer Test im Sinne von BRCA1 oder BRCA2. Er untersucht keine vererbten Mutationen, sondern die Aktivität von 50 Genen im Tumorgewebe selbst, die sogenannte Genexpression. Zwei Tumoren, die unter dem Mikroskop identisch aussehen, können biologisch völlig verschieden ticken: der eine wächst aggressiv und streut früh, der andere bleibt ruhig. Prosigna macht diesen Unterschied messbar und verdichtet ihn zu einem numerischen Risikowert, dem ROR-Score (Risk of Recurrence). Patientinnen mit einem Score bis 60 gelten als genomisch niedrigriskant. Genau diese Gruppe stand im Zentrum der OPTIMA-Studie.

Was die OPTIMA-Studie zeigt

Das OPTIMA-Konsortium unter Leitung von Professor Rob Stein am UCL Cancer Institute rekrutierte von Januar 2017 bis Dezember 2025 insgesamt 4.429 Patientinnen aus dem Vereinigten Königreich, Norwegen, Schweden, Australien, Neuseeland und Thailand. Alle galten als klinisch hochriskant: entweder Tumoren ab 30 Millimetern oder bis zu neun befallene Lymphknoten. Ohne Studie hätten sie standardmäßig Chemotherapie erhalten.

Die eine Hälfte bekam genau das: Chemotherapie plus anschließende Hormontherapie. Bei der anderen Hälfte entschied der Prosigna-Test. Wer einen ROR-Score über 60 hatte, erhielt weiter Chemotherapie. Wer darunter lag, bekam nur Hormontherapie. Das traf auf 68 Prozent der Patientinnen in der testgesteuerten Gruppe zu.

Die Ergebnisse nach fünf Jahren: Für die Frauen mit niedrigem Prosigna-Score lag die krankheitsfreie Fünfjahresüberlebensrate bei 93,6 Prozent ohne Chemotherapie, verglichen mit 94,8 Prozent bei denjenigen, die Chemotherapie bekommen hatten. Die Differenz von 1,2 Prozentpunkten blieb innerhalb der vorab definierten Nichtunterlegenheitsgrenze. Die Studienautoren formulieren es konkret: Chemotherapie verhindert in dieser Gruppe statistisch maximal zwei Rückfälle pro 100 behandelten Patientinnen, fügt aber bei allen 100 Toxizität hinzu. Das Netzwerk der europäischen Brustkrebspatientinnen Europa Donna bezeichnete die Ergebnisse als wichtigen Schritt zur personalisierten Therapie.

chemotherapie

Im Vergleich: Wo OPTIMA über frühere Tests hinausgeht

Genomische Tests bei Brustkrebs haben in den vergangenen 15 Jahren schrittweise die klinischen Entscheidungsregeln verändert. Die TAILORx-Studie, 2018 im New England Journal of Medicine mit 10.273 Frauen veröffentlicht, zeigte für den Test Oncotype DX: 70 Prozent der Patientinnen ohne Lymphknotenbefall konnten Chemotherapie sicher vermeiden. Das war ein Paradigmenwechsel, galt aber ausschließlich für Frauen mit nodal-negativen Tumoren ohne nachgewiesenen Lymphknotenbefall.

Die RxPONDER-Studie (2021, ebenfalls New England Journal of Medicine) erweiterte das auf Frauen mit ein bis drei befallenen Lymphknoten. Postmenopausale Frauen in dieser Gruppe konnten auf Chemo verzichten. Damit blieb ein großer blinder Fleck bestehen: Frauen mit vier oder mehr Lymphknoten oder sehr großen Tumoren galten weiterhin als pauschal chemotherapiepflichtig.

OPTIMA schließt genau diese Lücke. Die Studie schließt erstmals Patientinnen mit bis zu neun positiven Lymphknoten und Tumoren über 30 Millimeter ein und zeigt: Auch in dieser bisher konsequent chemotherapierten Gruppe lassen sich mit dem Prosigna-Score 68 Prozent der Frauen identifizieren, die ohne Chemo gleich gut abschneiden. Für eine Patientin mit vier positiven Lymphknoten, die nach bisherigem Standard definitiv Chemo bekäme, ist das ein grundlegend anderer Befund.

Wann Prosigna in Deutschland zur Kassenleistung wird

Von Studiendaten in die klinische Praxis ist es ein langer Weg. Die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) Breast Committee, das in Deutschland die maßgebliche Leitliniengruppe für Brustkrebstherapie ist, bewertet solche Ergebnisse jährlich. Eine aktualisierte Empfehlung für den Prosigna-Einsatz in der OPTIMA-Population wird frühestens im Herbst 2026 erwartet. Die European Society for Medical Oncology (ESMO) hat die neuen Daten noch nicht in ihre Richtlinien integriert. Einzelne Onkologen weisen darauf hin, dass 1,2 Prozentpunkte Unterschied in der Fünfjahresüberlebensrate für eine 45-jährige Patientin mit Jahrzehnten verbleibender Lebenserwartung klinisch bedeutsam sein können.

Hinzu kommt die Erstattungsfrage. Prosigna kostet je nach Labor zwischen 2.500 und 4.000 Euro pro Test. In Deutschland ist er für bestimmte Niedrigrisikogruppen bei einzelnen Kassen erstattungsfähig, eine flächendeckende gesetzliche Kassenerstattung für die OPTIMA-Population fehlt bisher. Wie groß die Patientengruppe ist, die in Deutschland potenziell profitieren könnte, lässt sich noch nicht beziffern: Jährlich erkranken rund 74.500 Frauen neu an Brustkrebs, davon etwa 75 Prozent mit ER+ Tumoren. Ob die Leitlinienkommission die OPTIMA-Daten schnell genug integriert, entscheidet darüber, wie viele Frauen die Wahl zwischen Test und pauschaler Chemo überhaupt erhalten.

Quellen (14)

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