
Wie Fliegenlarven die Überfischung der Meere bremsen
Quellen (10)
- PetfoodIndustry: Innovafeed raises €51 millionpetfoodindustry.com
- EU-Startups: Innovafeed sichert sich 51 Millionen Euro, Juni 2026eu-startups.com
- AgFunder News: Innovafeed raises $59M, scales productionagfundernews.com
- Europäische Kommission: Genehmigungen Insekten als Novel Foodfood.ec.europa.eu
- IPIFF: EU Novel Food Regulierung für Insektenipiff.org
- Springer Nature: BSF als nachhaltige Proteinquelle in Aquakulturlink.springer.com
- PMC: BSF-Mehl vs. Soja als Fischfutter (Barramundi-Studie)pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Finsmes: Innovafeed raises €51M in funding, Juni 2026finsmes.com
- Nofima: Lachsfutter verändert sich, Fischmehlanteil von 65% auf 12%nofima.com
- The Fish Site: Norwegen Lachsfutter Nachhaltigkeitthefishsite.com
Rund ein Fünftel aller weltweit gefangenen Wildfische landet nicht auf dem Teller, sondern in der Futtermittelmühle. Das Ergebnis ist ein strukturelles Paradox: Aquakulturen sollen die Überfischung der Meere lindern, konsumieren aber selbst beträchtliche Mengen Wildfang. Ein Pariser Startup hat in Nordfrankreich bewiesen, dass Larven der Schwarzen Soldatenfliege diesen Kreislauf durchbrechen können, billiger und nachhaltiger als bisherige Alternativen.
Das Fischmehlproblem
Aquakultur ist die weltweit am schnellsten wachsende Lebensmittelbranche und bereits für rund die Hälfte des global konsumierten Fisches verantwortlich. Ihr strukturelles Problem liegt in der Futtermittelkette: Fischmehl entsteht aus industriell geangelten Kleinfischen wie Anchovis und Sardellen, einem Prozess, der Meeresökosysteme destabilisiert und Bestände belastet. Sojaextraktionsschrot ist billiger, aber mit erheblichen Landnutzungskonflikten verbunden: Ein Großteil der dafür genutzten Flächen stammt aus ehemals bewaldeten Gebieten in Südamerika.

Hinzu kommt ein wirtschaftliches Problem: Der Fischmehlpreis ist seit 2020 stark volatil und überstieg in Spitzenphasen 2.000 Dollar pro Tonne. Aquakulturbetriebe, die langfristig kalkulieren müssen, suchen nach stabileren Zutaten mit weniger Abhängigkeit von Welterntemärkten.
Wie Fliegenlarven die Lücke schließen
Innovafeed, 2016 in Paris gegründet, züchtet Larven der Schwarzen Soldatenfliege (Hermetia illucens) in Industriebioreaktoren in Nesle, Nordfrankreich. Das Prinzip folgt der Kreislaufwirtschaft: Die Larven ernähren sich von Lebensmittelabfällen und organischen Reststoffen und wandeln diese in Protein und Fett um. In drei Jahren hat die Anlage mehr als 15.000 Tonnen Insektenprotein und Insektenöl produziert, bei gleichzeitig auf ein Siebtel gesunkenen Produktionskosten pro Kilogramm. Im Juni 2026 schloss Innovafeed eine Finanzierungsrunde über 51 Millionen Euro ab, getragen von bestehenden Investoren darunter Creadev, QIA und Temasek sowie dem Agrarunternehmen ADM. Das Kapital fließt in die kommerzielle Skalierung.
Die Schwarze Soldatenfliege hat gegenüber anderen Proteinquellen strukturelle Vorteile: Sie braucht kein Ackerland, weil die Larven in vertikalen Bioreaktoren wachsen. Sie konkurriert nicht mit menschlichen Nahrungsmitteln. Gegenüber Sojabohnen verbraucht BSF-Zucht laut Aquakulturfachstudien rund 80 Prozent weniger Wasser. Die Larven liefern 30 bis 58 Prozent Protein und 10 bis 40 Prozent Lipide, vergleichbar mit dem Nährstoffprofil von Fischmehl mit 60 bis 72 Prozent Protein.
Mehrere Aquakulturfachstudien, darunter eine 2024 veröffentlichte Vergleichsstudie der North Dakota State University, zeigen, dass BSF-Mehl in Fischfutter für Salmoniden, Tilapia und Barramundi herkömmliches Fischmehl weitgehend ersetzen kann, ohne Wachstum oder Futterverwertung zu beeinträchtigen. Innovafeed beliefert nach eigenen Angaben Aquakulturbetriebe in Europa sowie Hersteller von Heimtiernahrung.
Was die EU-Regulierung inzwischen erlaubt
Parallel zur Skalierung von Insektenprotein als Tierfutterzutat hat die EU-Regulierung für Insekten als Lebensmittel erhebliche Fortschritte gemacht. Im Dezember 2024 veröffentlichte die EFSA ihre neunte positive Sicherheitsbewertung für eine Insektenart als Novel Food, diesmal für die Hausgrille (Acheta domesticus) in gefrorenem, getrocknetem und pulverisiertem Zustand. Aktuell sind vier Insektenarten in der EU als Lebensmittel zugelassen: Hausgrille, Wanderheuschrecke, Mehlkäferlarve und kleiner Mehlkäfer.
Die EFSA wies in ihrer Bewertung darauf hin, dass Menschen mit Allergien gegen Schalentiere oder Hausstaubmilben möglicherweise auch auf Insektenproteine reagieren können. Dieser Hinweis auf Kreuzreaktivität ist Teil der Kennzeichnungspflichten für insektenhaltige Lebensmittel in der EU.

Für den deutschen Markt bedeutet die Zulassung als Novel Food: Cricketmehl in verarbeiteten Produkten ist legal und kennzeichnungspflichtig. Mehrere europäische Hersteller vertreiben Proteinriegel und Nudelprodukte mit Insektenmehl.
Im Vergleich mit anderen Proteinquellen und dem bisherigen Wandel in der Aquakultur
Die norwegische Lachsindustrie hat gezeigt, dass grundlegende Änderungen in der Futtermittelzusammensetzung möglich sind: Im Jahr 1990 stammten rund 65 Prozent des Proteins im Lachsfutter aus Fischmehl, bis 2020 sank dieser Anteil auf 12 Prozent, laut einer Auswertung der Norwegischen Meeresforschungsanstalt NIFES und Nofima. Erreicht wurde das durch den Einsatz von Sojaproteinkonzentrat und anderen Pflanzenmehlen. Das Problem: Diese Umstellung hat die Nachfrage nach Soja erhöht und damit die Landnutzungskosten verlagert statt gelöst.
Insektenprotein könnte denselben Übergang erneut ermöglichen, diesmal ohne die Landnutzungsproblematik. Algenprotein, eine weitere vielversprechende Alternative, bleibt im Preis weit zurück: Industrielle Algenproteinproduktion kostet derzeit zwischen 50 und 200 Euro pro Kilogramm Protein, verglichen mit rund 1,50 bis 2 Euro für günstige Sojamehle. BSF-Insektenprotein liegt je nach Standort zwischen 2 und 8 Euro pro Kilogramm mit klarer Abwärtsentwicklung. Innovafeed berichtet eine Versiebenfachung der Kosteneffizienz in drei Jahren, was auf eine schnelle Kurvendynamik hindeutet.
Bis 2030: Wenn Insektenprotein auf Augenhöhe mit Fischmehl kommt
Europäische Insektenproteinproduzenten rechnen damit, die Preisparität mit Fischmehl bis 2028 bis 2030 zu erreichen, abhängig von Energiekosten und weiterer Skalierung der Bioreaktortechnologie. Das wäre der Moment, in dem Insektenprotein keine Premiumalternative mehr wäre, sondern ein wirtschaftlich gleichwertiger Standardbestandteil industrieller Aquakulturfuttermittel.
Die EU unterstützt die Entwicklung über das französische Investitionsprogramm France 2030, aus dem Innovafeed-Projekte gefördert werden, sowie über das Forschungsprojekt FrenchFly in Partnerschaft mit dem Institut für Insektenbiologie IRBI. Der strategische Aspekt geht über Klimaschutz hinaus: Die EU importiert jährlich große Mengen Fischmehl und Sojaschrot aus Drittländern. Jede Tonne Insektenprotein, die diese Importe ersetzt, stärkt die Versorgungssicherheit und reduziert die Abhängigkeit von volatilen Weltmarktpreisen.
Dass das Konzept funktioniert, hat Nesle bereits bewiesen. Was jetzt folgt, ist keine Forschungsfrage mehr, sondern eine Skalierungsfrage.
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