4.996 Pleiten in einem Quartal: Höchststand seit 2005
Wirtschaft

4.996 Pleiten in einem Quartal: Höchststand seit 2005

Im zweiten Quartal 2026 meldeten 4.996 Unternehmen in Deutschland Insolvenz an, der höchste Quartalsstand seit 21 Jahren. Das Wirtschaftsinstitut IWH Halle warnt: Das dritte Quartal werde noch schlimmer.

15. Juli 2026, 10:41 Uhr 830 Wörter · 5 Min. Lesezeit

45.500 Menschen verloren im zweiten Quartal 2026 ihren Arbeitsplatz durch Firmeninsolvenzen. Das ist kein abstrakter Konjunkturwert, das sind Fachkräfte aus Gastronomie, Bau und Handel, die keine Stelle mehr haben. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zählte in diesen drei Monaten 4.996 Unternehmensinsolvenzen, den höchsten Quartalsstand seit 21 Jahren. Und der Trend beschleunigt sich: Im Juni allein lag die Zahl der Insolvenzmeldungen 80 Prozent über dem Durchschnitt der Vorpandemiejahre 2016 bis 2019.

Warum Q2 2026 eine neue Warnstufe markiert

Das IWH erhebt seinen Insolvenztrend auf Basis von Handelsregistereinträgen, die früher verfügbar sind als die amtliche Statistik des Statistischen Bundesamtes. Die aktuelle Zahl von 4.996 betrifft Personen- und Kapitalgesellschaften: GmbHs, AGs und vergleichbare Gesellschaftsformen, keine Einzelunternehmen.

Der historische Vergleich macht die Dimension sichtbar. Im zweiten Quartal 2005, auf dem Höhepunkt der Nachwirkungen der Dotcom-Krise und der deutschen Strukturkrise, wurden 5.295 Insolvenzen registriert. Das zweite Quartal 2026 kommt diesem Wert auf 300 Fälle nahe. Im ersten Quartal 2026 hatte das IWH bereits 4.573 Insolvenzen gezählt; das zweite Quartal übertrifft diesen Wert nochmals um 9 Prozent.

Besonders auffällig ist der Verlauf innerhalb des Quartals. Der Juni 2026 brachte allein 1.702 Insolvenzmeldungen, 12 Prozent mehr als der Mai und 20 Prozent mehr als der Juni 2025. Der entscheidende Vergleichswert: 80 Prozent mehr als in einem durchschnittlichen Juni zwischen 2016 und 2019. Das legt nahe, dass die Kurve sich beschleunigt hat, nicht beruhigt.

Bau, Handel, Gastgewerbe: Fast alle Branchen gleichzeitig

Das IWH stellt fest, dass der Anstieg nahezu alle großen Wirtschaftsbereiche erfasst hat. Baugewerbe, Grundstücks- und Wohnungswesen, Handel, Gastgewerbe und Dienstleistungen verzeichneten jeweils neue Höchstwerte seit Januar 2020. Nur das verarbeitende Gewerbe liegt unter dem Niveau des zweiten Quartals 2025, was als eingeschränktes Gegenzeichen in exportorientierten Sektoren zu interpretieren ist.

Das regionale Bild zeigt klare Schwerpunkte. Nordrhein-Westfalen und Hessen verzeichneten außergewöhnlich hohe Werte; in den meisten anderen Bundesländern wurden neue regionale Höchststände seit 2020 erreicht.

Allein im Juni gingen in den insolventen Unternehmen der oberen zehn Prozent nach Beschäftigtenzahl über 14.000 Jobs verloren, 26 Prozent mehr als im Vormonat und 30 Prozent über dem Vorpandemieniveau. Das deutet darauf hin, dass nicht nur Kleinstbetriebe scheitern, sondern auch mittelgroße Unternehmen mit langjährigen Belegschaften.

Warum die Pleitewelle jetzt alle Branchen gleichzeitig trifft

Das Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW) analysiert drei Hauptursachen. Erstens: die Energiepreise, die nach IKW-Berechnungen rund 45 Prozent über dem Niveau von 2019 liegen und sowohl die Produktionskosten der Unternehmen als auch die Kaufkraft der Haushalte belasten. Zweitens: die Finanzierungskosten. Gestiegene Zinsen haben Kreditraten erhöht und Refinanzierungen verteuert. Drittens: Bürokratiekosten, die im Schnitt rund fünf Stunden pro Mitarbeiter und Woche binden.

Hinzu kommt ein struktureller Aufholeffekt. In den Pandemiejahren 2020 bis 2022 hielten staatliche Hilfsprogramme und Stundungsregelungen auch schwächelnde Betriebe am Leben. Als diese Stützen wegfielen und gleichzeitig Zinsen und Energiepreise stiegen, fehlte vielen Unternehmen der Puffer. Creditreform hatte für das gesamte erste Halbjahr 2026 bereits 12.900 Insolvenzen ausgewiesen, den höchsten Halbjahreswert seit 2013. Die IWH-Q2-Zahlen zeigen, dass die Hälfte dieser Fälle allein im zweiten Quartal anfiel.

Die Bundesregierung hat auf die Pleitewelle bislang nicht mit einem spezifischen Konjunkturprogramm reagiert. DIHK-Präsident Peter Adrian hatte im Mai gegenüber Kanzler Merz sinkende Energiekosten, Bürokratieabbau und verlässliche Investitionsrahmen als überfällig bezeichnet. Die IKW-Analyse verweist auf den internationalen Vergleich: Deutschland liegt bei den Energiekosten für Industrie und Gewerbe deutlich über dem EU-Durchschnitt, was strukturell Wettbewerbsnachteile schafft.

IWH: Das dritte Quartal wird noch höher ausfallen

Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung am IWH, formulierte die Prognose eindeutig: "Für das dritte Quartal ist weiterhin mit höheren Insolvenzzahlen als im Vorjahr zu rechnen." Eine Entspannung ist in den aktuellen Frühindikatoren nicht erkennbar.

Die Ausnahme im Branchenbild, das verarbeitende Gewerbe, ist dabei ein vorsichtiges Gegenzeichen. Wenn Industrie und Maschinenbau ihre Insolvenzquote unter dem Vorjahresniveau halten, deutet das auf eine selektive Stabilisierung in exportorientierten Sektoren hin. Das ändert nichts an der Gesamtlage: Für Millionen Arbeitnehmer in Bau, Handel, Gastronomie und Dienstleistungen bleibt die Situation angespannt.

Für die rund 45.500 Beschäftigten, die im zweiten Quartal ihren Arbeitsplatz durch Insolvenz verloren haben, sind Prognosen abstrakt. Konkret ist: Sie haben keine Firma mehr.

Quellen (9)

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