74 Peitschenhiebe: Irans Krieg gegen Kultur
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74 Peitschenhiebe: Irans Krieg gegen Kultur

Ein Strafgericht in Qom verurteilte die iranische Sängerin Parastoo Ahmadi zu 74 Peitschenhieben, einem zweijährigen Berufsverbot und Ausreiseverbot, weil sie ohne Kopftuch gesungen hatte. Das Urteil fällt in eine Repressionswelle, die seit dem US-israelischen Militärangriff vom Februar 2026 über 6.000 Menschen in Iran einsperrt.

20. Juni 2026, 8:44 Uhr 779 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Im Dezember 2024 sang Parastoo Ahmadi ein patriotisches Lied in einem historischen Karawanserei-Hof, ohne Hijab, ohne Publikum, als Videokonzert für ein imaginäres Auditorium. Fast drei Millionen Menschen schauten das Video auf YouTube. Am 19. Juni verurteilte ein Strafgericht in Qom die 29-Jährige zu 74 Peitschenhieben, zwei Jahren Berufsverbot und zwei Jahren Ausreiseverbot.

Das Konzert im Deir-e Gachin Karawanserei

Im Dezember 2024 filmte Ahmadi ein 27-minütiges Konzert in der historischen Karawanserei Deir-e Gachin. Begleitet von vier Musikern sang die 1997 geborene Sängerin das Lied "As Khoone Javane Vatan" - "Aus dem Blut der Jugend der Nation" - ohne Kopftuch, in einem schwarzen Outfit. Das Konzert fand ohne Live-Publikum statt. Ahmadi beschrieb die Zuschauer in einer Erklärung als "Phantompublikum". Das Video verbreitete sich auf YouTube und in sozialen Medien und wurde knapp drei Millionen Mal aufgerufen.

Ahmadis Bekanntheit war nicht neu. Während der landesweiten Proteste von 2022 nach dem Tod von Mahsa Amini kursierten Aufnahmen, auf denen sie dasselbe patriotische Lied sang, als Teil der Freiheitsbewegung. Dass das Regime nun ausgerechnet dieses Lied als Grundlage für eine Verurteilung nimmt, zeigt die Breite der staatlichen Repression: Es geht nicht nur um Oppositionslieder, sondern um jeden öffentlichen Auftritt von Frauen ohne Hijab.

Das Urteil des Qom-Strafgerichts

Das Strafgericht in Qom verurteilte Ahmadi und alle acht Mitglieder ihres Produktionsteams. Ahmadis Strafe: 74 Peitschenhiebe, zwei Jahre Berufsverbot und zwei Jahre Ausreiseverbot. Das Gericht begründete die Strafe laut IBTimes UK mit der Verbreitung "obszöner und unmoralischer Inhalte" auf Online-Plattformen. Das Urteil ist nach iranischem Recht noch nicht rechtskräftig, ein Berufungsverfahren ist möglich.

Der Fall ist nicht der erste dieser Art, aber die Strafe eskaliert den Trend. Frühere Urteile gegen iranische Künstlerinnen nach Auftritten ohne Kopftuch umfassten häufig Geldstrafen oder vorübergehende Auftrittsverbote. 74 Peitschenhiebe sind eine körperliche Strafe, die über symbolische Abschreckung hinausgeht.

Das Urteil erfolgte innerhalb des breiteren rechtlichen Rahmens des Hijab-Gesetzes, das seit der islamischen Revolution von 1979 für Frauen in der Öffentlichkeit verbindlich ist. Die Strafverfolgung von Verstößen hat sich seit 2022 verschärft, seither setzt das Regime verstärkt auf Strafrecht statt auf Sozialkontrollen.

Wie Iran den Krieg als Schutzschild nutzt

Seit dem US-amerikanischen und israelischen Militärangriff auf den Iran vom 28. Februar 2026 hat Teheran eine Repressionswelle ausgelöst, die Amnesty International als "Intensivierung der Unterdrückung" bezeichnet. Laut einer Amnesty-Analyse vom Mai 2026 wurden seit dem Angriff mehr als 6.000 Menschen willkürlich festgenommen, darunter Protestierende, Journalisten, Anwälte, Menschenrechtsaktivisten und Angehörige ethnischer Minderheiten.

Die iranische Justiz rechtfertigt Schnellverfahren und erhöhte Strafmaße mit dem Verweis auf "Kriegsbedingungen". Amnesty International dokumentierte mindestens 41 politisch motivierte Hinrichtungen seit Februar 2026, darunter Verfahren, die nach internationalem Recht als grob unfair gelten. Zwei Minderjährige stehen laut Amnesty auf der Warteliste für eine Hinrichtung nach expeditiven Verfahren.

Die Unterdrückung kulturellen Lebens hat dabei Methode. Im November 2025 waren vier prominente Akademiker festgenommen worden: der Ökonom Parviz Sedaghat, der Wirtschaftsforscher Mohammad Maljoo, die Soziologin Mahsa Asadollahnejad und die Schriftstellerin Shirin Karimi. Amnesty International dokumentierte außerdem, dass iranische Behörden eine Liste von mehr als 500 in Deutschland lebenden Oppositionellen, Journalisten und Akademikern erstellt hatten - ein Hinweis auf Überwachung weit über die Landesgrenzen hinaus.

Was Ahmadis Urteil außerhalb des Irans auslöst

Die Verurteilung hat international Aufmerksamkeit erregt, was mit Ahmadis vorangegangener Bekanntheit zusammenhängt: Sie ist keine unbekannte Aktivistin, sondern eine Sängerin, deren Auftritte Millionen berührt haben. Das macht ihren Fall zu einem Symbol in einer Weise, die typische politische Inhaftierungen nicht erreichen.

Der Nationale Widerstandsrat Iran, der im Exil operiert, hat die Verurteilung als Beleg dafür gewertet, dass das Regime jeden künstlerischen Ausdruck verfolge, der außerhalb seiner Kontrolle stattfindet. Amnesty International hat europäische Regierungen aufgefordert, die Situation iranischer Künstler und Akademiker in bilateralen Gesprächen mit Teheran anzusprechen.

Ob internationaler Druck die iranische Justiz beeinflusst, bleibt nach der Erfahrung vergleichbarer Fälle fraglich. Die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi sitzt trotz jahrelanger internationaler Proteste und einer schweren Herzerkrankung im Gefängnis. Ahmadis Urteil aber ist konkreter und unmittelbarer: 74 Peitschenhiebe sind keine symbolische Strafe, sie sind eine körperliche Vollstreckung, gegen die ein Berufungsverfahren das einzige verbleibende Mittel darstellt.

Quellen (13)

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