Brent über 100 Dollar: Ein Krieg, drei Schauplätze
Am Donnerstag überschritt Brent-Rohöl erstmals seit Mai wieder die Marke von 100 Dollar je Barrel und stieg auf 100,36 Dollar. Den Preisanstieg von mehr als 30 Prozent in vier Wochen haben drei simultane Eskalationen ausgelöst: Huthi-Milizen griffen im Roten Meer zwei saudische Tanker an, die Ukraine attackierte iranische Schiffe im Kaspischen Meer und an der Straße von Hormus hält die iranische Abriegelung an. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hatte berechnet, dass ein dauerhafter Ölpreis von 100 Dollar die Bundesrepublik über zwei Jahre rund 40 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung kosten dürfte.
Von 70 auf 100 Dollar in einem Monat
In der ersten Julihälfte hatten sich an den Ölmärkten kurzzeitig Entspannungssignale eingestellt. Nachdem die USA ihre Luftangriffe auf den Iran für zwei aufeinanderfolgende Nächte ausgesetzt hatten und US-Präsident Trump ein Treffen in Doha angekündigt hatte, sank Brent auf rund 70 Dollar je Barrel, den niedrigsten Stand seit Kriegsbeginn im Februar 2026. Die diplomatische Pause dauerte nicht lang.
Als die US-Luftangriffe weiterliefen und die Huthi-Milizen ihre maritime Blockade ausweiteten, begann die Gegenbewegung. Brent legte in vier Wochen mehr als 30 Prozent zu. Im Frühjahr hatte der Preis im Zuge der US-Invasion zeitweise 115 Dollar überschritten; nach der gescheiterten Waffenruhe im April fiel er kurzzeitig auf rund 78 Dollar, ehe eine neue Eskalationsspirale einsetzte. Das aktuelle Niveau von 100 Dollar ist nicht der Höhepunkt dieses Krieges, aber es ist die zweite Welle und diesmal kommt sie von mehreren Seiten gleichzeitig.
Drei Schauplätze gleichzeitig unter Druck
Der entscheidende Unterschied zum Frühjahr: Nicht nur die Straße von Hormus ist betroffen, sondern drei kritische Seeverbindungen gleichzeitig.
An der Straße von Hormus läuft die iranische Blockade weiter. Rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels passiert die Meerenge in normalen Zeiten; Iran hat seit Kriegsbeginn den Durchgang für Handelsschiffe eingeschränkt und führt Angriffe auf Tanker in der Umgebung durch. CNBC beschrieb die Situation am 24. Juli als wirtschaftlichen Mehrfrontenkrieg auf den wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt.
Im Roten Meer griffen die Huthi-Milizen am 22. Juli die saudischen Tanker "Encelia" und "Layla" mit Raketen und Drohnen an. Die Huthis hatten eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien ausgerufen; die Angriffe auf die beiden Schiffe sind die bislang schwerwiegendste Umsetzung dieser Drohung. Saudi-arabisches Rohöl wird vorwiegend über das Rote Meer und den Bab el-Mandeb nach Asien exportiert, die Huthi-Eskalation trifft damit die wichtigste Route des weltgrößten Ölexporteurs.
Im Kaspischen Meer attackierte die Ukraine am 26. Juli iranische Schiffe, die laut ukrainischem Geheimdienst SBU Militärmaterial unter Sanktionsumgehung transportiert hatten. Die Kaspi-Pipeline-Gesellschaft stellte als Reaktion vorübergehend die Ölverladungen ein. Davon betroffen ist auch kasachisches Rohöl, das über die Pipeline von Tengiz in russische Schwarzmeerhäfen transportiert wird. Irans Außenminister Araghchi bezeichnete die Angriffe als "feindlichen und kriminellen Akt".
Was die Preisspitze für Deutschland bedeutet
An deutschen Tankstellen kostet Diesel aktuell rund 2,35 Euro je Liter, Benzin E10 etwa 1,92 Euro. Die Energiesteuersenkung von rund 17 Cent je Liter, die Bundesregierung von Mai bis Ende Juni 2026 beschlossen hatte, ist ausgelaufen; eine Verlängerung steht laut Bundesfinanzministerium nicht zur Debatte.
Das IW Köln hat in einer Simulation mit dem Oxford-Economics-Modell berechnet: Bei einem anhaltenden Ölpreis von 100 Dollar je Barrel verliert die deutsche Volkswirtschaft über zwei Jahre rund 40 Milliarden Euro an Bruttoinlandsprodukt: 0,3 Prozent in 2026 und 0,6 Prozent in 2027. Die Verbraucherpreise steigen dabei um 0,8 Prozentpunkte in 2026 und 1,0 Prozentpunkte in 2027 stärker als im Basisszenario. Dieser Effekt trifft nicht nur Autofahrer: Transportkosten, Heizöl und energieintensive Produkte aus Chemie und Stahl verteuern sich mit.
Bei einem Weiteranstieg auf 150 Dollar je Barrel würde das BIP laut IW um 0,5 Prozent in 2026 und 1,3 Prozent in 2027 schrumpfen, was einem Verlust von über 80 Milliarden Euro entspricht. Analysten verschiedener Investmentbanken haben diese Schwelle als realistisches Risikoszenario bezeichnet, falls die Hormus-Blockade weiter anhält und eine weitere Eskalation eintritt.
Zwischen Doha-Verhandlungen und 140-Dollar-Prognosen
Die diplomatische Lage bleibt widersprüchlich. US-Präsident Trump behauptete Ende Juli, Iran habe ein Verhandlungstreffen in Doha für den 28. Juli beantragt. Das iranische Außenministerium widersprach: Gespräche würden erst stattfinden, wenn Voraussetzungen geschaffen und Datum sowie Ort vereinbart seien. Alle bisherigen Vermittlungsformate über Irak, Katar, Pakistan und Oman sind gescheitert, weil Iran die Frage der Hormus-Souveränität als Vorbedingung setzt.
Analysten warnen, dass die aktuelle Preisentwicklung kein Höhepunkt sein muss. Mehrere Investmentbanken haben Szenarien veröffentlicht, in denen Brent bei weiterer Eskalation auf 140 Dollar oder mehr steigen könnte, sofern die Hormus-Blockade nicht aufgehoben wird. Goldman Sachs hatte noch im Juni bei einem Verhandlungsdurchbruch einen Rückfall auf 80 Dollar für das vierte Quartal prognostiziert. Diese Prognose setzt voraus, was bisher nicht eingetreten ist: eine stabile Öffnung der Meerenge. Für deutsche Verbraucher und Industriebetriebe bedeutet das: Die Preissituation hängt von einem Verhandlungsdurchbruch ab, dessen Wahrscheinlichkeit sich seit Tagen täglich ändert.
Aktualisierungen
Update 27. Juli, 13:00 Uhr: Brent gab am Montag mehr als sieben Prozent nach und handelte bei rund 92 Dollar je Barrel; WTI sank auf rund 85 Dollar. Die Kurskorrektur folgte auf eine Militärpause: Die USA stellten ihre Schläge auf den Iran seit Freitagabend ein, Teheran verzichtete seinerseits auf Gegenschläge gegen Nachbarländer. Irans Außenminister meldete Fortschritte in Gesprächen mit Oman über gemeinsame Grundsätze zur sicheren Schifffahrt durch die Straße von Hormus. Trumps UN-Botschafter erklärte, der Präsident gebe den Verhandlungen "etwas Raum". Pakistan soll auf Betreiben Chinas eine Wiederaufnahme der US-Iran-Friedensgespräche anstreben. Die Preisbewegung folgt dem Muster früherer Pausen in diesem Krieg: Schon im April und in der ersten Julihälfte fielen die Notierungen deutlich, wenn beide Seiten diplomatische Signale schickten.
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