Irans Staatsakt: Chameneis Begräbnis als Machtdemonstration
Teheran kommt seit diesem Freitag zum Stehen. Das Regime hat Chameneis Begräbnis vier Monate lang vorbereitet: als geopolitisches Signal, nicht nur als Abschied. Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf erwartet bis zu 20 Millionen Trauernde in den nächsten Tagen. Der neue Oberste Führer, Mojtaba Chamenei, wird bei der Zeremonie seines Vaters nicht erscheinen. Er liegt verletzt im Krankenhaus.
28. Februar: Ein Angriff verändert den Iran
Ali Chamenei starb am 28. Februar 2026 gegen 08:10 Uhr Ortszeit in seiner Residenz in Teheran. Ein gemeinsamer US-israelischer Luftangriff traf das Beit-e Rahbari, die offizielle Wohn- und Arbeitsstätte des Obersten Führers. Chamenei, 86 Jahre alt, befand sich zum Zeitpunkt des Angriffs nicht im Bunker der Anlage, der als Notfallkommandozentrale vorgesehen war, sondern im oberen Gebäudeteil, wie die New York Times berichtete. Bei demselben Angriff starben seine Frau Mansoureh Khojasteh Bagherzadeh und weitere Familienangehörige. Sein Sohn Mojtaba überlebte schwer verletzt mit Verbrennungen im Gesicht und Körper sowie Beinverletzungen.
Chamenei hatte 36 Jahre als Oberster Führer regiert, länger als jeder andere in der Geschichte der Islamischen Republik. Sein Tod hinterließ eine Nachfolgelücke, die das Regime unter enormem Druck der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) innerhalb von zwei Wochen löste.
9. März: Die Nachfolge durch IRGC-Druck
Der Expertenrat wählte am 9. März 2026 Mojtaba Chamenei, den Sohn des Getöteten, zum neuen Obersten Führer. Er ist 56 Jahre alt, Geistlicher im Rang eines Hodschatoleslam, also eine Stufe unterhalb des Ajatollah-Titels und gilt als enger Verbündeter der Revolutionsgarden. Die Wahl war umstritten: Iran International berichtete, IRGC-Kommandeure hätten Mitglieder des Expertenrats durch wiederholten Kontakt und psychologischen Druck zur Wahl Mojtabas gedrängt.
Ali Chamenei selbst soll die Erbfolge strikt abgelehnt haben, weil sie die Islamische Republik in eine Art Monarchie verwandeln würde, so ein Mitglied des Expertenrats. Iranische Kritiker zogen offen Vergleiche mit der Schah-Herrschaft, die 1979 gestürzt wurde. Seit seiner Ernennung ist Mojtaba Chamenei nicht öffentlich aufgetreten. Das iranische Staatsfernsehen veröffentlichte stattdessen ein KI-generiertes Video, das ihn in einem Operationszentrum zeigt. NBC News berichtete, er werde auch nicht an den Begräbnisfeierlichkeiten für seinen Vater teilnehmen. Sein tatsächlicher Gesundheitszustand ist unklar.
4. bis 9. Juli: Das Begräbnis als diplomatische Karte
Delegationen aus mehr als 100 Ländern werden zu den Staatsfeierlichkeiten erwartet, westliche Nationen ausgenommen. Russland schickt Dmitri Medwedew als Delegationsleiter. Pakistan ist durch Premierminister Shehbaz Sharif vertreten. China sendet NVK-Vizepräsident He Wei; Indien schickt Staatsminister Pabitra Margherita. Auch die Taliban-Regierung Afghanistans nimmt teil.
Die USA, alle EU-Mitgliedstaaten, Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich fehlen vollständig. Das Regime nutzt die Zeremonie bewusst als diplomatische Karte: Wer kommt, signalisiert Distanz zum Westen. In dieser Logik wird Chameneis Begräbnis zum Stimmungsbarometer einer sich verschiebenden Weltordnung. Die offiziell erwarteten 20 Millionen Trauernden sind dabei auch eine Propagandazahl: Iranische Behörden neigen dazu, Massenveranstaltungen systematisch größer darzustellen als sie sind. Zum Vergleich zog Chomeinis Begräbnis 1989 nach unabhängigen Schätzungen rund 10 Millionen Menschen an.
Der Leichnam Chameneis wird in einem mehrtägigen Zug durch Teheran, Qom, dann in den Irak nach Nadschaf und Kerbala geführt und am 9. Juli in Maschhad, seiner Geburtsstadt, beigesetzt. Die Route hat religiöse Symbolik: Nadschaf und Kerbala gelten im schiitischen Islam als heiligste Stätten und stärken den Anspruch des Regimes auf religiöse Führerschaft.
Doha ab 10. Juli: Hormusverhandlungen nach der Trauerwoche
Während Teheran trauert, laufen im Hintergrund Verhandlungen. US-Gesandter Steve Witkoff und Jared Kushner verhandelten in Doha über eine Lösung in der Hormuskrise. Katar als Vermittler meldete nach zwei Tagen Gesprächen positive Fortschritte. Iran fordert weiterhin Kontrolle über die Schiffsrouten durch die Straße von Hormus und besteht auf Transitgebühren, die IRGC seit März erheben. Am 2. Juli warnte der Iran Schiffe erneut: Wer nicht die vorgeschriebenen Routen nutze, riskiere eine sofortige und kraftvolle Antwort.
Die nächste Verhandlungsrunde soll nach dem Ende der Begräbnisfeierlichkeiten ab dem 10. Juli stattfinden. Golfstaaten suchen parallel eigene Wege. Saudi-Arabien investiert in Pipelines zur Roten See, um seine Abhängigkeit von Hormus zu verringern; die kombinierte Pipeline-Kapazität Riads und Abu Dhabis liegt bei rund 5,5 Millionen Barrel pro Tag. Die VAE haben ihre Luftverteidigung erweitert und nehmen eine deutlich härtere Linie gegen den Iran ein als andere Golfstaaten. Chatham House sieht in dieser Divergenz ein wachsendes Spannungspotenzial zwischen Riad und Abu Dhabi, das durch den Krieg weiter verstärkt wird.
Aktualisierungen
Update 6. Juli, 23:00 Uhr: Bei den Trauerzeremonien in Teheran sind am 4. Juli drei Söhne Chameneis erstmals seit dem Attentat im Februar öffentlich aufgetreten: Masoud, Mostafa und Meysam Chamenei beteten in der Großen Moschee Imam Khomeini neben den Särgen ihres Vaters und vier weiterer Familienmitglieder. Sein Sohn und Nachfolger Mojtaba fehlte erneut. Der Aufenthaltsort des amtierenden Obersten Führers gilt inzwischen als unbekannt, was Fragen aufwirft, wer den Iran in diesem Krieg faktisch führt. Am zweiten Tag der Zeremonien leitete Großayatollah Jafar Sobhani (97 Jahre alt) das Totengebet. Nach den Teheraner Veranstaltungen (3. und 4. Juli) und der Zeremonie in Qom (5. Juli) wird der Leichnam am 7. Juli durch die irakischen Städte Nadschaf und Karbala geführt, bevor die Beisetzung am 9. Juli im Schrein des Imam Reza in Maschhad stattfindet.
Kommentare