
Iran: Ghalibaf erklärt proportionale Ära für beendet
Quellen (10)
- finanzen.net: Ghalibaf neue Spielregeln im Konflikt mit USAfinanzen.net
- The National: Ghalibaf re-elected as Parliament Speaker May 2026thenationalnews.com
- CNN: US strikes three Iranian oil tankers September 5cnn.com
- CSIS: How Would Iran Respond to a U.S. Attack?csis.org
- Middle East Eye: Ghalibaf IRGC veteran takes on hardliners for diplomacymiddleeasteye.net
- WION: From IRGC commander to chief negotiator: Ghalibaf's risewionews.com
- Dawn: Tehran will respond if Washington intensifies siegedawn.com
- SRF: Mohammed Ghalibaf – Irans neuer starker Mannsrf.ch
- Deutschlandfunk: USA und Iran attackieren sich erstmals seit Wochen wiederdeutschlandfunk.de
- tagesschau: Iran USA Konflikttagesschau.de
Am Sonntag, 6. September, trat ein iranischer Politiker vor das offene Parlament in Teheran und ließ ein Grundprinzip fallen, das sechs Monate lang die Grenzen des Konflikts mit den USA gezogen hatte. „Die Ära der proportionalen Reaktionen ist vorbei", erklärte Mohammad Bagher Ghalibaf. Das Bemerkenswerte an dieser Aussage ist nicht ihr Inhalt, sondern wer sie traf: Ghalibaf war derjenige gewesen, der Washington als Chefunterhändler monatelang signalisiert hatte: Teheran ist gesprächsbereit.
Ein Pragmatiker dreht die Eskalationsspirale
Ghalibaf ist kein Hinterbänkler. Der 65-Jährige war Brigadegeneral der IRGC, befehligte deren Luftstreitkräfte, war viermal Kandidat für das Präsidentenamt und wurde im Mai 2026 erneut als Parlamentssprecher bestätigt, mit 235 von 271 abgegebenen Stimmen. Parallel übernahm er die Rolle des Chefunterhändlers im Konflikt mit den USA. In dieser Doppelfunktion war er monatelang das Gesicht einer iranischen Strategie, die Verhandlungen und militärische Zurückhaltung kombinierte.
Was hat diese Strategie gebrochen? Die Tankerrechnung vom 5. September. Die Islamischen Revolutionsgarden hatten zwei US-Kriegsschiffe mit ballistischen Raketen beschossen. CENTCOM-Admiral Brad Cooper antwortete mit der Vernichtung von drei iranischen Öltankern, darunter der M/T Kylo im Golf von Oman. Coopers Botschaft war explizit: „If you shoot at two of our ships, we will impose an even higher economic cost, taking out three of yours." Drei gegen zwei. Wirtschaftsgüter gegen Militärangriffe. Aus Irans Sicht: asymmetrisch und inakzeptabel.
Ghalibaf trat daraufhin vor das Parlament und ließ die bisherige Doktrin fallen. „Die Spielregeln haben sich geändert. Von nun an wird jede Verletzung der Interessen und Sicherheit des Irans eine schnellere, härtere und schmerzhaftere Reaktion erhalten", sagte er. Und weiter: „Unsere Schläge auf die Stützpunkte der Aggressoren in den jüngsten Operationen waren erst der Anfang."
Was das Ende der Verhältnismäßigkeit bedeutet
Irans Doktrin der proportionalen Reaktion war seit Kriegsbeginn das kalkulierende Prinzip hinter den militärischen Antworten Teherans. Iran hat US-Angriffe beantwortet, aber in einer Weise, die eine kontrollierbare Eskalationsspirale aufrechterhalten sollte: Keine direkte Tötung amerikanischer Soldaten, keine Angriffe auf US-Heimatgebiet und Reaktionen in ähnlicher Größenordnung wie die US-Schläge. Internationalen Sicherheitsexperten zufolge war dieses Gleichgewicht das Einzige, was den Konflikt bis jetzt begrenzt gehalten hat.
Ghalibaf erklärt dieses Gleichgewicht für beendet. Was konkret folgen könnte, nennt er nicht. In einer Drohung gegenüber Washington deutete er an, die Angriffe könnten sich räumlich ausweiten: Stützpunkte, die bisher verschont blieben, wären demnach nun mögliche Ziele. Als Iran in den letzten Wochen Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate angriff, galt das bereits als Überschreitung einer Schwelle. Wenn diese Schwelle nun weiter nach oben verschoben wird, kämen Angriffe auf Saudi-Arabien, Jordanien oder direkt auf US-Trägerschiffe als Ziele in Frage.
Parallel zu Ghalibafs Aussage laufen US-Finanzminister Bessents Ankündigungen beim G20-Treffen in Asheville: Washington will Iran wöchentlich mit neuen Bankensanktionen belegen, um die verbleibenden Devisenquellen zu treffen. Diplomatische Kontakte zwischen Teheran und Washington in Doha haben sich seit Mitte August nicht wieder aufgenommen. Die wirtschaftliche Strangulierung und die militärische Eskalation laufen also gleichzeitig und wechselseitig verstärkend ab.
Innenpolitischer Druck als Eskalationsmotor
Ghalibaf erwähnte in seiner Parlamentsrede auch die wirtschaftliche Lage im Iran. Wechselkursschwankungen, Inflation und Arbeitslosigkeit setzen die Lebensbedingungen der Bevölkerung stark unter Druck. Das ist kein Zufall. Wer im Iran eine härtere Außenpolitik gegen die USA ankündigt, gewinnt innenpolitisches Kapital. Wer im Iran eine Einigung mit den USA sucht, riskiert den Vorwurf des Verrats an islamischen Grundsätzen.
Ghalibaf hat als Pragmatiker Hardliner-Angriffe seit Monaten abgewehrt. Mit der Rede vom Sonntag hat er sich deren Sprache angeeignet. Das ist möglicherweise kein Strategiewechsel, sondern ein taktisches Manöver: Eskalationsrhetorik, die Spielraum für spätere Verhandlungen nicht vollständig schließt, aber die Kritiker im Inland beruhigt. Ob dahinter eine echte Doktrinänderung steht oder politisches Theater, lässt sich erst daran messen, was als nächstes geschieht.
Schweizer Nahost-Experten, die Ghalibaf seit Jahren beobachten, betonen ein Grundmuster: Er eskaliert rhetorisch, wenn er unter Druck steht und moderiert, wenn Spielräume entstehen. Die Frage ist, ob der amerikanische und der iranische Kalkül ausreichend Spielräume lassen.
Bis zur nächsten Angriffsspirale: Was die Hormuzstraße aushält
Die Straße von Hormuz ist der strukturelle Zwang beider Seiten. Seit Kriegsbeginn ist der Schiffsverkehr durch das Nadelöhr von täglich 25 auf fünf Einheiten eingebrochen. Jede weitere Eskalation trifft Irans Ölexportmöglichkeiten genauso wie die Weltwirtschaft. Das ist der Widerspruch, der Ghalibaf bindet: Je mehr er eskaliert, desto teurer wird es für Iran selbst.
Wenn die Doktrinänderung echt ist, werden die nächsten US-Angriffe auf iranische Ziele mit Reaktionen beantwortet, die qualitativ oder quantitativ über das Bisherige hinausgehen. Das wäre die erste reale Probe, ob die Ankündigung Substanz hat. Bis dahin sind es Worte: Worte aber, die CENTCOM und US-Flottenkommandanten kennen und in ihre Lagebeurteilung einbeziehen müssen.
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