Iran schließt Hormus drei Tage nach dem Deal
International

Iran schließt Hormus drei Tage nach dem Deal

Drei Tage nach dem Versailles-Memorandum hat Iran die Straße von Hormus erneut für gesperrt erklärt. CENTCOM widersprach: 55 Handelsschiffe seien am Samstag ungehindert passiert.

20. Juni 2026, 21:04 Uhr 1025 Wörter · 6 Min. Lesezeit

Ob die Straße von Hormus derzeit gesperrt ist, hängt davon ab, wen man fragt. Das US-Zentralkommando CENTCOM erklärte am Samstag, 55 Handelsschiffe seien ungehindert passiert und Iran kontrolliere die Straße nicht. Die IRGC-Marine hatte kurz zuvor gewarnt, Schiffe begäben sich in Gefahr, wenn sie das Seegebiet passierten. Auslöser des Konflikts ist der Fortgang israelischer Luftangriffe im Südlibanon, drei Tage nachdem Trump und Pezeshkian in Versailles ein Memorandum of Understanding unterzeichnet hatten.

Das Versailler Memorandum und seine Lücke

Am 17. Juni unterzeichneten US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Masoud Pezeshkian im Schloss Versailles ein Memorandum of Understanding. Der Kern: Iran verpflichtet sich, keine Atomwaffen anzustreben. Die USA heben die Marineblockade auf iranische Häfen auf und lockern Sanktionen auf iranische Ölexporte. Iran öffnet die Straße von Hormus. Anschließend soll innerhalb von 60 Tagen ein umfassendes Abkommen über Irans Atomprogramm, sein Raketenprogramm und seine regionalen Verbündeten verhandelt werden.

Der Text enthält eine entscheidende Lücke: Der Libanon wird nur in einer weichen Formulierung zur territorialen Integrität erwähnt, ohne verbindlichen Abzugsauftrag an Israel. Iran erklärte unmittelbar nach der Unterzeichnung, keine Delegation nach Bürgenstock zu entsenden, solange Israel keine vollständige militärische Räumung des Südlibanon durchführe. Weder Israel noch die Hisbollah sind Unterzeichner des Memorandums. Das ist der strukturelle Fehler, der die Hormus-Schließung vom Samstag ermöglicht.

IRGC-Warnung und CENTCOM-Dementi

Am frühen Samstagmorgen bestätigten Irans Staatsmedien die erneute Schließung. Die Marine der Islamischen Revolutionsgarde IRGC erklärte in einer Stellungnahme, die Sicherheit von Schiffen könne im Seegebiet nicht gewährleistet werden. Wenige Minuten zuvor hatte US-Vizepräsident JD Vance erklärt, die Straße sei offen. CENTCOM widersprach der iranischen Darstellung direkt: 55 Handelsschiffe seien am Samstag ungehindert passiert. Iran kontrolliere die Straße von Hormus nicht.

Beide Aussagen können nicht gleichzeitig stimmen. Das Muster ist aus früheren Phasen dieses Konflikts vertraut: Seit Iran die Straße erstmals im März 2026 schloss, widersprachen sich CENTCOM-Verlautbarungen und iranische Staatsmedien regelmäßig. Was feststeht: Die IRGC-Erklärung erhöht das Risiko für Schiffsoperateure erheblich, unabhängig davon, ob US-Kriegsschiffe die Durchfahrt sichern. Versicherer werden die Prämien für Fahrten durch die Straße anheben, Reedereien werden Alternativrouten und höhere Kosten kalkulieren.

Warum der Hebel für Iran funktioniert

Das Versailler Memorandum wurde als bilaterales Arrangement zwischen den USA und Iran konzipiert, um einen Krieg zu beenden, der im Februar 2026 mit US-Angriffen auf iranische Atomanlagen begonnen hatte. Was es nicht enthält: einen Mechanismus, der Israel zur Einhaltung einer Waffenruhe im Libanon zwingt. Damit hat die Vereinbarung eine strukturelle Schwäche: Iran kann die Hormus-Schließung jederzeit mit Libanon-Verstößen begründen, auf die Teheran nur begrenzt Einfluss hat und die USA gegenüber Israel nicht direkt steuern können.

Rund 20 Prozent des weltweiten Handels mit Rohöl und Flüssiggas passieren die Straße von Hormus. Seit der ersten Schließung im März liegt der Brent-Rohölpreis deutlich über 100 Dollar pro Barrel. Das Muster von Öffnung und erneuter Schließung treibt die Volatilität an den Energiemärkten, belastet Lieferketten und erhöht den Inflationsdruck in Europa. Das RWI prognostiziert für Deutschland in diesem Jahr eine Inflation von 3,1 Prozent und ein Wachstum von nur 0,8 Prozent.

Bis 17. August läuft die Frist

Die 60-Tage-Uhr des Memorandums begann am 18. Juni und endet am 17. August. US-Sondergesandter Steve Witkoff und Jared Kushner befanden sich laut Weißem Haus am Samstag in der Schweiz, um technische Details der Verhandlungen vorzubereiten. Vance kündigte an, in den nächsten Tagen nach Bürgenstock zu reisen. Die eigentlichen Verhandlungen über Atomprogramm, Raketenkapazitäten und regionale Milizen haben noch nicht begonnen.

Dass das Memorandum bereits 72 Stunden nach der Unterzeichnung in dieser Weise unter Druck gerät, stärkt die republikanischen Kritiker in Washington. Senator John Cornyn aus Texas hatte gewarnt, Iran könne die Straße von Hormus im Grunde jederzeit wieder sperren. Senator Bill Cassidy nannte das Memorandum den schlimmsten außenpolitischen Lapsus seit Jahrzehnten. Am Samstag bekamen beide recht. Solange die Libanon-Lücke im Memorandum ungeklärt bleibt, ist die Straße von Hormus weniger eine neutrale Wasserstraße als ein Druckmittel im Verhandlungspoker zwischen Teheran und Washington.

Update 23. Juni, 21:08 Uhr: Am Sonntag (22. Juni) trafen sich US-Vizepräsident JD Vance und Irans Parlamentspräsident Mohammad Ghalibaf am Bürgenstock in der Schweiz zu einem Gespräch, das Vermittler Pakistan und Katar als historisch bezeichneten: Das erste direkte Treffen auf dieser Ebene seit fast 50 Jahren. Die Gespräche standen zwischenzeitlich auf der Kippe, nachdem Trump via Truth Social mit Konsequenzen gedroht hatte, falls Iran die Meerenge nicht sofort vollständig öffne. Vance beanspruchte vier Ergebnisse: die Einladung von IAEA-Inspektoren zurück ins Land, einen Kommunikationskanal zur Verhütung von Zwischenfällen in der Straße von Hormus, ein Krisenforum für den Libanon sowie die Verlängerung des 60-Tage-Rahmens. Irans Außenminister Abbas Araghchi sprach von "wesentlichen Fortschritten", dementierte aber, in Bürgenstock neue Zugeständnisse beim Atomprogramm gemacht zu haben. Das Muster widersprüchlicher Verlautbarungen setzt sich damit fort: Vance sagte, IAEA-Inspektoren reisten noch diese Woche an, Iran bestritt das. Parallel dazu hat das US-Finanzministerium eine 60-Tage-Allgemeinlizenz ausgestellt, die Irans Ölindustrie bis zum 21. August nahezu vollständig von Sanktionen befreit. In den ersten fünf Tagen nach Inkrafttreten verschiffte Iran fast 18 Millionen Barrel Rohöl im Wert von rund 1,44 Milliarden Dollar. Am Sonntagabend verzeichneten Schifffahrtsanalytiker der Firma Kpler aber nur noch fünf Schiffe bei der Durchfahrt durch Hormus, verglichen mit 26 am Vortag und rund 120 vor Kriegsbeginn. Auf das ausgehandelte Libanon-Krisenforum reagierte Israels Premier Benjamin Netanjahu mit einer öffentlichen Zurückweisung: Die israelischen Streitkräfte behielten ihre volle Handlungsfreiheit im Südlibanon. Das ist die Ausgangslage für die technischen Arbeitsgruppen, die am Bürgenstock diese Woche weiterarbeiten: Ein institutioneller Rahmen existiert nun, aber er ist umstritten und der Schlüsselfaktor Libanon bleibt außerhalb der Kontrolle beider Unterzeichnerstaaten.

Update 24. Juni, 09:06 Uhr: JD Vance hat den Bürgenstock am Montag verlassen, nach zweitägigen direkten Gesprächen mit dem iranischen Parlamentspräsidenten Ghalibaf. "So schön dieser Ort auch ist, ich kann nicht die nächsten 60 Tage hierbleiben", sagte Vance vor Medienvertretern. Technische Arbeitsteams beider Seiten verbleiben in der Schweiz und sollen entlang der vereinbarten 60-Tage-Roadmap auf Arbeitsebene weiterverhandeln. Zugleich ist ein neuer Kernstreit entstanden: Iran erklärte, die Straße von Hormus werde "nie wieder in den Vorkriegszustand zurückkehren" und müsse künftig von der Islamischen Republik verwaltet werden. Für den Transitverkehr seien "Servicegebühren" vorgesehen. US-Außenminister Marco Rubio widersprach umgehend: "Kein Land darf Maut oder Gebühren auf einer internationalen Wasserstraße erheben." Wie die Verwaltung der Meerenge und die Kostenteilung geregelt werden, zählt damit zu den offenen Kerndisputen der Verhandlungen.

Quellen (18)

Kommentare