
Tanker Sidr: Wie Iran die Straße von Hormuz lähmt
Quellen (14)
- Al Jazeera: Saudi Arabia condemns tanker attackaljazeera.com
- The National: Two Filipino crew killed on Saudi vesselthenationalnews.com
- Rappler: Saudi Iran attack Hormuzrappler.com
- Philstar: Two Filipino seafarers killedphilstar.com
- France24: Iran attacks US targets Kuwait UAEfrance24.com
- US News: Iran urges US comply interim dealusnews.com
- CBS News: US Iran war live updatescbsnews.com
- Al Jazeera: US military launches new attacks on Iranaljazeera.com
- JustSecurity: Early Edition September 3 2026justsecurity.org
- Wikipedia: 2026 Iranian strikes on Arab countriesen.wikipedia.org
- Deutschlandfunk: USA und Iran attackieren sich erstmals seit Wochendeutschlandfunk.de
- tagesschau: Iran USA Konflikttagesschau.de
- Spiegel Ausland: Irankrieg und die Supermächtespiegel.de
- taz: Angriffe im Nahen Ostentaz.de
Um 23:40 Uhr Ortszeit des 31. August wurde der saudische Öltanker „Sidr” im Persischen Golf von unidentifizierten Projektilen getroffen. Zwei philippinische Seeleute starben, 14 überlebten. Saudi-Arabien beschuldigte Iran des Angriffs, Teheran sprach von Minen. Es ist der erste bestätigte Fall, in dem ein Tanker des staatlichen saudischen Schifffahrtskonzerns Bahri bei einem Angriff im Irankonflikt Menschenleben kostete. Er ist Teil eines größeren Zusammenbruchs: Der tägliche Schiffsverkehr durch die Straße von Hormuz ist von 25 auf fünf Einheiten eingebrochen.
Die Nacht des 31. August
Die „Sidr” ist ein Very Large Crude Carrier der saudi-arabischen Staatsreederei Bahri, 2019 in Betrieb genommen und mit 16 philippinischen Besatzungsmitgliedern unterwegs. Als der Tanker sich dem Hormuz näherte, schlugen unidentifizierte Projektile ein und lösten einen Brand aus, den die Besatzung einschränken konnte. Die Überreste der zwei Toten wurden nach Oman geflogen, die 14 Überlebenden werden repatriiert. Saudi-Arabiens Außenministerium machte Iran direkt verantwortlich und forderte alle Konfliktparteien auf, „die Eskalation zu beenden, das Völkerrecht zu respektieren und zu Verhandlungen zurückzukehren”. Irans Revolutionsgarden erklärten, die Tanker seien „nach dem Treffen von Minen” in Brand geraten. Kuwait und Katar schlossen sich der Verurteilung an.
Der Angriff auf die „Sidr” fügte sich in eine Nacht mehrerer simultaner iranischer Operationen. Irans Streitkräfte feuerten Drohnen und Raketen auf US-Stützpunkte in Jordanien sowie auf Al Minhad in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Am 3. September griff Iran die Ahmed Al-Jaber Air Base in Kuwait an; Kuwait rief seinen Botschafter aus Teheran ab und sprach von flagranter Aggression. US-Streitkräfte griffen erstmals auch iranische Regierungstanker mit Hellfire-Raketen an.
Fünf Schiffe, wo einst fünfundzwanzig fuhren
Der Angriff auf die „Sidr” ist kein Einzelfall. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) zählte seit Beginn des Konflikts am 28. Februar mindestens 70 verifizierte Schiffsangriffe und 19 getötete Seeleute. Rund 400 Schiffe mit 6.000 Besatzungsmitgliedern können die Meerenge demnach derzeit nicht sicher passieren. Das sichtbarste Ergebnis ist der Einbruch des Transits: Am Dienstag nach dem Sidr-Angriff durchquerten nur fünf Schiffe den Hormuz, verglichen mit 25 am vorherigen Donnerstag.
Durch die Straße von Hormuz fließt nach Schätzungen der US-Energieinformationsbehörde (EIA) rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls. Eine anhaltende Einschränkung des Transits hat damit unmittelbare Konsequenzen für die globalen Energiemärkte. Was als Konflikt zwischen zwei Regionalmächten begann, hat mittlerweile wirtschaftliche Folgen für Länder, die weit entfernt vom Persischen Golf liegen.
Besonders betroffen sind die Philippinen: Etwa 3.000 philippinische Staatsangehörige arbeiten noch auf Schiffen im Persischen Golf. Die Philippinen stellen traditionell einen erheblichen Teil der weltweiten Handelsschifffahrtsbesatzungen. Das Staatssekretariat für maritime Arbeit in Manila forderte nach dem Tod der beiden Sidr-Besatzungsmitglieder erneut Sicherheitsgarantien für seine Staatsangehörigen auf See.
Saudi-Arabiens Doppelreaktion
Saudi-Arabien steckt in einer schwierigen Lage. Als einer der größten Rohölexporteure der Welt ist das Königreich auf sichere Schifffahrtswege durch den Hormuz angewiesen. Die „Sidr“ gehört dem saudischen Schifffahrtskonzern Bahri, an dem Saudi Aramco rund 20 Prozent hält. Gleichzeitig hat Riad den USA Stützpunkte auf saudischem Boden bereitgestellt und ist militärisch eng mit der US-Allianz verbunden, die den Krieg gegen Iran führt.
Riad reagierte auf zwei Ebenen. Diplomatisch verurteilte das Außenministerium den Angriff in scharfen Worten und rief zur Rückkehr zu Verhandlungen auf. Logistisch weicht Saudi-Arabien aus: Exporte über das Rote Meer durch den Suezkanal nehmen zu und nach Berichten mehrerer Brancheninformationsdienste erwägt Riad eine Beschleunigung des Pipelineausbaus. Die bestehende East-West-Pipeline durch die arabische Halbinsel hat eine Kapazität von rund fünf Millionen Barrel täglich und wurde bislang nicht voll ausgelastet. Wenn der Hormuz auf Dauer unpassierbar bleibt, dürfte sich das ändern.
Neun Wochen bis zu den US-Midterms
Hinter der amerikanischen Kriegführung läuft eine politische Uhr. Mehrere Mitarbeiter des Weißen Hauses versuchten nach Berichten amerikanischer Medien in den vergangenen Wochen, die Eskalation vor den Midterm-Wahlen am 3. November einzudämmen. Die Abstimmungen gelten als erste große Bewertung der Trump-Regierung; Verluste für die Republikanische Partei wären als Niederlage des Präsidenten lesbar. Steigende Energiepreise und ein ausufernder Krieg passen schlecht in einen Wahlkampf, in dem die Republik ihre Mehrheiten im Kongress verteidigen will.
Bislang blieb die Bremse wirkungslos. Am 1. September führten US-Streitkräfte den größten Einzelschlag seit Ende Juli aus, mit über 100 IRGC-Zielen entlang Irans Südküste. Iran drohte mit weiteren Vergeltungsangriffen für einen Angriff auf Zivilisten in Kuhestak am 26. August. Iran antwortete seinerseits mit rund 25 ballistischen Raketen auf Stützpunkte in Jordanien und Kuwait sowie mit Drohnen auf Bahrain. Ob Trumps Berater die Spirale bis November bremsen können, ist offen. Was sicher ist: Jeder weitere Angriff auf ein ziviles Schiff wie die „Sidr” vergrößert den internationalen Druck auf alle Beteiligten und macht den Weg zurück zu einer geregelten Schifffahrt durch den Hormuz schwerer.
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