Israel baut 40 Basen in Gaza: Besatzung statt Rückzug
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Israel baut 40 Basen in Gaza: Besatzung statt Rückzug

Satellitenbilder zeigen 40 israelische Militärposten im Gazastreifen, acht davon wurden nach dem Waffenstillstand vom Oktober 2025 neu gebaut. Die Befunde stehen in direktem Widerspruch zu den Rückzugsverpflichtungen des US-vermittelten Abkommens.

16. Juni 2026, 4:42 Uhr 701 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wo in Khan Younis im Oktober 2025 noch ein Friedhof stand, haben israelische Streitkräfte bis Mai 2026 eine Militärbasis errichtet. Das ist der eindringlichste Fund einer Satellitenbildanalyse der Open Source Unit von Al Jazeera, die Israel beim systematischen Aufbau von Militärinfrastruktur im Gazastreifen dokumentiert. Insgesamt 40 Posten hat das Team identifiziert, acht davon nach dem Waffenstillstand vom Oktober 2025 vollständig neu errichtet; ein weiterer befindet sich laut dem Bericht vom 3. Juni 2026 noch im Bau.

Was die Satellitendaten zeigen

Al Jazeeras Open Source Unit analysierte Satellitenbilder bis einschließlich Mai 2026. Die Ergebnisse zeichnen ein konsistentes Muster: Bestehende israelische Militärposten wurden massiv erweitert, neue entstanden auf Freiflächen und, in mindestens einem Fall, auf einem Friedhof. Der Posten östlich von Gaza-Stadt wuchs laut der Analyse zwischen Oktober 2025 und Mai 2026 um rund 70 Prozent seiner ursprünglichen Fläche. In Zentralgaza wurden tiefe Verteidigungsgräben um bestehende Anlagen ausgehoben. Neue Straßen verbinden befestigte Stützpunkte mit frisch eingeplantem Gelände.

Die acht nach dem Waffenstillstand errichteten Posten verteilen sich über den gesamten Gazastreifen: zwei im Norden bei Beit Lahiya, zwei in der Mitte nahe der Lager von Zentralgaza, einer östlich des Netzarim-Korridors und drei im südlichen Khan Younis. Kein Bereich des Gazastreifens ist von dieser Infrastruktur ausgenommen.

Der Friedhof als Militärbasis

Der eindringlichste Einzelbefund der Analyse betrifft den östlichen Friedhof in Khan Younis. Satellitenbilder zeigen, dass israelische Streitkräfte die Begräbnisstätte ab November 2025 planiert haben. Was Ende Oktober noch ein Friedhof war, ist laut Al Jazeera zum 18. Mai 2026 eine vollständig eingerichtete Militärbasis mit Fahrzeugstellzonen und Strukturen für Truppenmeetings und Unterkünfte. Ähnliche Entwicklungen dokumentierte die Analyse in Beit Lahiya im Norden, wo ab Mitte November 2025 Bauarbeiten begannen und bis Mai 2026 eine vollständig umschlossene Militäranlage entstanden ist.

Der Netzarim-Korridor und seine militärische Logik

Am strategisch folgenreichsten ist der Ausbau um den sogenannten Netzarim-Korridor, die Ost-West-Achse, die Israel zum Trenner zwischen dem nördlichen und dem südlichen Gazastreifen ausgebaut hat. Al Jazeeras Analyse identifizierte drei separate Militärposten, die den Korridor und seine östliche Verlängerung sichern. Diese Postenkette sichert die israelische Kontrolle über Bevölkerungsbewegungen zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des Territoriums.

Das strategische Muster, das sich aus der Gesamtschau ergibt, ist laut der Analyse eindeutig: Die Posten sind über das gesamte Territorium verteilt und durch Erdwälle, Gräben und Militärstraßen miteinander verbunden. Sie umgeben palästinensische Bevölkerungszentren und kontrollieren Zugangsachsen. Das entspricht nicht dem Bild einer vorübergehenden Sicherungspräsenz, sondern dem einer dauerhaft angelegten Besatzungsinfrastruktur.

Bruch des Abkommens, dem Trump seinen Namen gibt

Der Waffenstillstand vom Oktober 2025, ausgehandelt von den USA, Katar, Türkei und Ägypten, basiert auf einem 20-Punkte-Plan der Trump-Administration. Er sah einen schrittweisen Rückzug israelischer Streitkräfte aus dem Gazastreifen vor. Die Realität seit Oktober 2025 widerspricht diesem Rahmen an mehreren Punkten. Laut einer Auswertung von Al Jazeera, gestützt auf Daten des Armed Conflict Location and Event Data Project (ACLED), startete Israel in den ersten 182 Tagen nach Inkrafttreten des Waffenstillstands an 160 Tagen Angriffe auf Gaza. Israelische Truppen verschoben die im Abkommen festgelegte sogenannte gelbe Linie um mehr als 580 Meter in die für die palästinensische Zivilbevölkerung vorgesehenen Bereiche.

Der Internationale Gerichtshof (IGH) hatte bereits am 19. Juli 2024 in einem Rechtsgutachten festgestellt, dass Israels Besatzung der palästinensischen Gebiete nach internationalem Recht rechtswidrig ist und so rasch wie möglich beendet werden muss. Das Gutachten verpflichtet zudem alle anderen Staaten, die Lage nicht als rechtmäßig anzuerkennen und keine Beihilfe zu ihrer Aufrechterhaltung zu leisten. Für Israel selbst existiert kein Vollstreckungsmechanismus, der die Einhaltung erzwingen könnte.

Fast zwei Jahre IGH-Gutachten ohne Konsequenzen

Das IGH-Gutachten vom Juli 2024 hat nahezu zwei Jahre nach seiner Verkündung keine messbaren rechtlichen Konsequenzen für Israel erzeugt. Im UN-Sicherheitsrat blockieren die USA als ständiges Mitglied Resolutionen mit Bindungswirkung. Nickolay Mladenov, Hochrepräsentant des von den USA initiierten Board of Peace, warnte öffentlich vor einem gefährlichen Status quo und einer Verfestigung der israelischen Langzeitpräsenz. CNN berichtete im Mai 2026 unter Berufung auf UN-Funktionäre, dass Gaza Gefahr laufe, dauerhaft geteilt zu werden.

Die Satellitendaten zum Aufbau permanenter Militärinfrastruktur während eines noch gültigen Waffenstillstands stellen das internationale Kondemnationssystem vor eine Belastungsprobe. Westliche Regierungen haben individuelle Maßnahmen wie Waffenembargos bislang nur zögernd und lückenhaft umgesetzt. Ein konkreter Mechanismus, der eine Umkehr dieser Entwicklung erzwingen könnte, ist derzeit nicht erkennbar. Die nächste reguläre UN-Sicherheitsratsdebatte über Gaza ist für Ende Juni angesetzt.

Quellen (10)

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