Italiens Rechte spaltet sich vor den Wahlen 2027
Futuro Nazionale, die Partei des ehemaligen Generals Roberto Vannacci, steht in aktuellen Umfragen bei 4,5 bis 4,8 Prozent. Sollte sie bei der Parlamentswahl 2027 außerhalb des Regierungsbündnisses um Giorgia Meloni kandidieren, verliert der rechte Block nach Hochrechnungsmodellen seine Mehrheit. Am Samstag trat dieser Widerspruch in Rom auf die Straße: 4.000 Menschen marschierten unter dem Slogan „Remigration und Rückeroberung” durch das Prati-Viertel, Zehntausende protestierten dagegen und Vannacci hielt parallel den ersten Parteikongress seiner Bewegung ab.
Wer Roberto Vannacci ist
Vannacci, 57 Jahre alt und bis 2023 Kommandeur einer Eliteeinheit des italienischen Heers, wurde im Juni 2024 auf der Liste von Matteo Salvinis Lega ins Europaparlament gewählt. Er erhielt 530.000 Vorzugsstimmen und war damit der zweitmeistgewählte Kandidat Italiens bei dieser Wahl. Salvini machte ihn im Mai 2025 zum stellvertretenden Lega-Vorsitzenden, was parteiinterne Spannungen auslöste. Im Februar 2026 verließ Vannacci die Lega und registrierte Futuro Nazionale als eigenständige Partei. Mehrere prominente Lega-Mitglieder folgten ihm, darunter Mario Borghezio und Massimiliano Simoni.
Seine Partei wuchs schnell: Im März 2026 hatte sie 12.000 Mitglieder, Ende Mai 60.000, nach eigenen Angaben mittlerweile rund 100.000. Acht Abgeordnete im Abgeordnetenhaus sitzen für Futuro Nazionale, im Senat keiner. Auf dem Parteikongress am Samstag zählten die Delegierten 1.500 Teilnehmer. Vannacci erklärte dort: „Wenn es nach mir ginge, dürfte niemand nach Italien einreisen.“
Was auf der Straße passierte
Die Kundgebung zog neben Anhängern von Futuro Nazionale auch Mitglieder der neofaschistischen Bewegung CasaPound an. Teilnehmer zeigten den Hitlergruß und riefen „Duce, Duce“, eine Anspielung auf den faschistischen Diktator Benito Mussolini. CasaPound-Sprecher Luca Marsella formulierte das Ziel offen: Man wolle „illegale Einwanderer loswerden und auch die legalen, weil wir nicht politisch korrekt sind.“ Die Polizei sperrte alle Seitenstraßen ab; Hubschrauber und Drohnen kreisten über dem Zug.
Gleichzeitig versammelten sich Zehntausende am Colosseum zur Gegendemonstration. Linke Gruppen und Gewerkschaften hatten mobilisiert. Der linke Abgeordnete Angelo Bonelli von Alleanza Verdi Sinistra warf Meloni vor, zum rechtsextremen Vokabular der Kundgebung zu schweigen.
Die Arithmetik des Rechtsblocks
Meloni wies Vannaccis Vorwurf, sie sei zu weich in der Migrationspolitik, scharf zurück. Hinter der öffentlichen Reaktion steckt ein Rechenproblem. Aktuelle Umfragen sehen Futuro Nazionale bei 4,5 bis 4,8 Prozent, die Lega bei 5,7 bis 5,8 Prozent, Melonis Fratelli d’Italia bei rund 27 bis 29 Prozent. Das rechte Lager aus Fratelli, Lega und Forza Italia gewann die Parlamentswahl 2022 gemeinsam mit einer stabilen Mehrheit. Wenn Vannaccis Wähler bei den nächsten Wahlen 2027 außerhalb dieser Koalition bleiben, verliert das rechte Lager laut Hochrechnungsmodellen seine Mehrheit im Parlament.
Salvini und die Lega befinden sich in einer Zwickmühle. Vannaccis Weggang im Februar hatte die internen Spannungen in der Partei entspannt. Gleichzeitig konkurriert Futuro Nazionale nun direkt um denselben Wählerkreis wie die Lega. Eine Wiedereinbindung Vannaccis in ein Wahlbündnis wäre das rechnerisch einfachste Mittel, die Mehrheit zu sichern. Meloni und Vannacci gelten jedoch als persönlich und politisch tief zerstritten. Ihr Verhältnis wird von Beobachtern als äußerst frostig beschrieben.
Ein Muster, das in Europa wiederkehrt
Das ist kein spezifisch italienisches Muster. In Frankreich positioniert sich Reconquête von Éric Zemmour rechts des Rassemblement National von Marine Le Pen und Jordan Bardella: Die einst radikale RN moderierte sich, Reconquête besetzt den Raum weiter rechts. In Deutschland zog die AfD zunächst als Abspaltungsprojekt Wähler aus der Union ab; inzwischen konkurriert sie mit kleineren Rechtsparteien. Der Mechanismus läuft immer gleich: Eine Rechtspartei gewinnt an institutioneller Bedeutung und mäßigt sich notgedrungen, eine neue Formation besetzt die freigewordene Radikalposition.
Die neofaschistischen Elemente der Samstagsdemo, CasaPound mit Hitlergruß und Duce-Rufen, illustrieren eine Folgedynamik: Breite rechte Mobilisierungsereignisse ziehen Akteure an, die unter normalen Bedingungen an den Rändern des demokratischen Systems operieren. Dass die Gegendemonstration am Colosseum erheblich größer war als die Remigrationskundgebung, zeigt aber auch, was das andere Mobilisierungspotenzial in der Gesellschaft ist.
Ob Meloni den Block bis 2027 zusammenhält
Die Parlamentswahlen 2027 sind der Fixpunkt, auf den alle Berechnungen hinauslaufen. Meloni hat bisher weder signalisiert, Vannacci in ein Bündnis einzubinden, noch hat Vannacci Kooperationsbereitschaft gezeigt. Innerhalb der Lega ist die Frage umstritten: Einige Funktionäre drängen auf eine Annäherung an Futuro Nazionale, andere lehnen das ab. Mit 100.000 Mitgliedern und 1.500 Kongressdelegierten hat Vannacci eine Basis, die sich nicht durch Koalitionsrhetorik absorbieren lässt.
Das Samstagswochenende in Rom hat das Kräfteverhältnis auf der Straße sichtbar gemacht: 4.000 auf einer Seite, Zehntausende auf der anderen. Die entscheidendere Zahl ist die 4,5 bis 4,8 in den Umfragen, die Vannaccis Partei zugeschrieben wird. Ob Meloni die Wahlen 2027 gewinnt, hängt wesentlich davon ab, was Salvini und Vannacci bis dahin miteinander aushandeln.
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