
Russland verdoppelt Raketenangriffe auf Ukraine
Quellen (8)
- Militär Aktuellmilitaeraktuell.at
- Audimaxaudimax.de
- Der Freitag (Ehrhart)freitag.de
- FAZfaz.net
- n-tvn-tv.de
- Berliner Zeitungberliner-zeitung.de
- Spiegelspiegel.de
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
Im Juli feuerte Russland 376 ballistische Raketen und Marschflugkörper auf die Ukraine, mehr als doppelt so viele wie im Vormonat. Gleichzeitig sank der Einsatz von Shahed-Drohnen um 41 Prozent gegenüber dem Höhepunkt im Mai. Moskau wechselt seine Angriffsmethode und die Konsequenzen für die ukrainische Luftverteidigung sind direkt: Was abgefangen werden kann, trifft es; was nicht abgefangen werden kann, trifft sein Ziel.
Der taktische Schwenk im Sommer 2026
Russland hatte über Monate auf die schiere Masse billiger Geran-2-Drohnen gesetzt, Kopien der iranischen Shahed-136, die in großen Schwärmen ukrainische Luftabwehrsysteme überlasten sollten. Im Mai setzte Moskau nach ukrainischen Militärangaben noch mehr als 8.000 Langstreckendrohnen ein. Im Juli waren es noch rund 4.800. Was diese Drohnen ersetzte, sind Waffen mit einer anderen Qualität: ballistische Iskander-M-Raketen, die in einem steilen Bogen auf ihr Ziel zufallen, Hyperschallraketen vom Typ Zircon mit bis zu neunfacher Schallgeschwindigkeit und Kalibr-Marschflugkörper aus dem Schwarzen Meer.
Der Grund für die Umstellung ist strategisch. Shahed-Drohnen sind vergleichsweise langsam und lassen sich mit modernen Systemen verlässlich abschießen. Ballistische Raketen bieten ein Zeitfenster von wenigen Sekunden für Abfangmanöver. Welche Defizite dieses Zeitfenster in der Praxis bedeutet, zeigte die Nacht des 6. Juli.
Eine Nacht als Maßstab: Der 6. Juli
In dieser Nacht feuerte Russland 68 Raketen und 351 Drohnen auf ukrainische Ziele. Die Raketenkomponente gliederte sich nach ukrainischen Militärangaben in 23 ballistische Iskander-M- und S-400-Raketen, sechs Raketen vom Typ Zircon oder Onyx sowie 33 Kh-101-Marschflugkörper und sechs Kalibr-Raketen. Die ukrainische Luftverteidigung hielt dem Andrang in Teilen stand: 31 der 33 Kh-101 wurden abgeschossen, alle sechs Kalibr abgefangen, 326 von 351 Drohnen zerstört.
Ballistische Raketen schlugen dagegen zu einem erheblichen Teil ungehindert ein. Jeder Patriot-PAC-3-Abfangschuss kostet mehrere Millionen Euro. Russland produziert Geran-2-Drohnen zu Stückkosten, die ein Bruchteil davon ausmachen. Indem Moskau auf ballistische Raketen wechselt, zwingt es Kiew, seine teuersten und schwer ersetzbaren Abfangraketen einzusetzen.
Das Ressourcenproblem der ukrainischen Luftverteidigung
Die Ukraine steht dabei vor einem strukturellen Engpass, der sich durch den Irankrieg verschärft hat. Der Spiegel berichtet unter Berufung auf Insider, die USA hätten seit Beginn der Kämpfe gegen Iran im Februar 2026 fast alle ihre landgestützten Langstreckenraketen aufgebraucht. Damit sinkt die amerikanische Kapazität, ukrainische Abfangraketen-Bestände kurzfristig aufzufüllen.
Russland hat diesen Zusammenhang erkannt und nutzt ihn. Eine neue Doppelschlag-Taktik schickt zunächst eine Drohne vor, um ukrainische Abwehrpositionen zur Reaktion zu zwingen und damit zu orten. Der zweite Schlag trifft dann den enttarnten Standort. Zudem wurden Geran-2-Drohnen bereits mit Minenwerfer-Aufsätzen ausgerüstet, die jeweils acht Minen aus zylindrischen Behältern abwerfen können und erstmals gegen Schiffsziele eingesetzt: Zwei ukrainische Schnellboote vor der Küste Odessas wurden auf diese Weise versenkt.
Angriffe auf Ernteinfrastruktur und Tankstellen
Parallel zu den Raketenangriffen auf Städte und Energieinfrastruktur hat Russland nach Berichten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Angriffe auf Tankstellen und Landwirtschaftsbetriebe intensiviert. Wer Kraftstofflager zerstört, trifft gleichzeitig die Treibstoffversorgung für Panzer und Erntemaschinen sowie die Heizölbestände für den Winter. Die ukrainische Armee greift ihrerseits weiterhin Lagerhallen des russischen Versandhändlers Wildberries an, dem das Militär Verbindungen zur Rüstungslogistik nachsagt.
September als nächste Zäsur
Hans-Georg Ehrhart, Sicherheitsforscher und Autor in der Wochenzeitung „Der Freitag“, legte in dieser Woche eine Analyse der strategischen Lage vor. Sein Befund: Alle Seiten setzen auf Zeit und auf Sieg, was eine Eskalationsspirale antreibt. Ohne eine grundlegende Kursänderung seien bis Jahresende mehr als 200.000 weitere Todesopfer zu erwarten. Ehrhart empfiehlt einen Waffenstillstand mit entmilitarisierter Zone unter UN-Aufsicht und einen Verzicht der Ukraine auf eine NATO-Mitgliedschaft als Sofortmaßnahmen.
Aus Kreisen westlicher Nachrichtendienste wird berichtet, Moskau bereite eine neue Bodenoffensive noch vor dem September vor, wenn in Russland die Parlamentswahl (Duma) stattfindet. Ein Teilerfolg an der Front würde sich innenpolitisch verwerten lassen. Ob dafür eine Teilmobilisierung angeordnet wird, gilt als offene Frage. Die Raketeneskalation im Juli dürfte dabei auch eine psychologische Funktion haben: Sie soll die ukrainische Zivilbevölkerung erschöpfen und den Glauben an westliche Schutzgarantien erschüttern, bevor Moskau am Boden einen neuen Anlauf startet.
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