
Ulbricht holt EM-Silber nach zwei Jahren ohne Förderung
Quellen (8)
- Sportschau: Ulbricht holt sensationell Silbersportschau.de
- Tagesspiegel: Sensation im Speerwurftagesspiegel.de
- nordkurier: EM-Silberheldin aus Rostocknordkurier.de
- kicker: Von der Babysitterin zu EM-Silberkicker.de
- ZDF: LA-EM Silber Ulbricht im Speerwurfzdfheute.de
- WZ: Sensation im Speerwurf EM-Silberwz.de
- news.de: Sensation im Speerwurfnews.de
- t-online: Christin Hussong Gold Berlin 2018t-online.de
"Ehrlich gesagt waren die letzten Jahre sehr schwierig für mich. Ich war an einem Punkt, an dem ich ernsthaft überlegt habe aufzugeben." Das sagte Julia Ulbricht nach dem Speerwurf-Finale der Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham, in dem sie mit 61,53 Metern Silber gewonnen hatte. Die 25-Jährige aus Rostock war zwei Jahre ohne Bundeskader, ohne staatliche Sportförderung, mit Nebenjobs für die Miete. Wer sie am vergangenen Dienstag auf dem Platz beobachtete, hätte das nicht geahnt.
Vom Kader auf den Nebenjob
Im vergangenen Jahr wurde Ulbricht aus dem DLV-Bundeskader gestrichen. Das klingt bürokratisch, hat aber konkrete Konsequenzen: Der Bundeskader ist die Voraussetzung für die staatliche Sportförderung über die Deutsche Sporthilfe, für Zugang zu Trainingsstützpunkten und für hauptberufliche Trainingszeiten. Wer draußen ist, trainiert nebenher. Ulbricht arbeitete als Babysitterin, um ihre Miete zu decken und das Training fortsetzen zu können.
Kein Bundestrainer mehr, keine Fördermittel, keine institutionelle Rückendeckung. In dieser Phase, sagt Ulbricht, habe sie überlegt aufzuhören. Was sie hielt, war die Vorstellung, doch noch bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 2028 dabei zu sein. Sie trainierte weiter, verbesserte im Juli bei den deutschen Meisterschaften ihre persönliche Bestleistung und fuhr nach Birmingham.
Das Finale in Birmingham
Die Leichtathletik-EM 2026 in Birmingham war das erste große internationale Finale in Ulbrichts Karriere. In der Qualifikation warf sie 60,86 Meter und qualifizierte sich als Zweite. Bereits das galt als kleine Überraschung. Im Finale traf ihr erster Versuch: 61,53 Meter. Nur die Kroatin Sara Kolak blieb vor ihr, die neue Europameisterin mit 62,43 Metern. Adriana Vilagos aus Serbien wurde mit 60,93 Metern Dritte.
Ulbrichts Silberwurf lag nur fünf Zentimeter unter ihrer persönlichen Bestleistung, die sie drei Wochen zuvor bei den deutschen Meisterschaften aufgestellt hatte. Die letzte EM-Medaille einer deutschen Speerwerferin liegt acht Jahre zurück: Christin Hussong gewann 2018 bei der Heim-EM in Berlin Gold mit einem Rekordwurf von 67,90 Metern. Seitdem hatte keine deutsche Athletin im Speerwurf bei einer EM gepunktet.
Das Finale verlief trotz des starken ersten Wurfes nicht ohne Nerven. Beim zweiten und dritten Versuch blieb Ulbricht unter 60 Metern. In den letzten Versuchen steigerte sie sich wieder, ohne die Weite des ersten Wurfs zu erreichen. Silber stand am Ende fest. Kolak ließ in keinem Moment Zweifel aufkommen, wer an diesem Abend die Beste war. Aber wer in ihrem Schatten stand, hat alle überrascht.
Was Ulbrichts Fall über das Fördersystem zeigt
Das Kadersystem des DLV soll Athletinnen mit internationalem Medaillenpotenzial identifizieren und unterstützen. Im Fall Ulbricht versagte die Identifikation: Sie wurde gestrichen, obwohl sie ein Jahr später EM-Silber holte. Das ist kein Betriebsunfall, sondern ein Strukturproblem.
Die Deutsche Sporthilfe, die staatliche Athletenförderung abwickelt, orientiert sich an den Kaderentscheidungen der Fachverbände. Wer nicht im Kader steht, bekommt keine Grundförderung, keinen Zugang zu Lehrgangsangeboten, keine systematische Wettkampfvorbereitung. Die Alternative ist Eigenfinanzierung: Minijobs, Nebentätigkeiten, Trainingskosten aus eigener Tasche. Wie viele Medaillenkandidaten auf diesem Weg verloren gehen, ist statistisch nicht erfasst.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Initiative Athleten Deutschland haben in der Vergangenheit strukturelle Kritik am deutschen Sportsystem geäußert. Athleten Deutschland, ein unabhängiger Interessenverband der deutschen Leistungssportlerinnen, kritisiert regelmäßig die zu enge Kopplung zwischen Verbandskadern und staatlicher Förderung. Wer keine Medaille hat, bekommt keine Förderung. Wer keine Förderung hat, hat schlechtere Chancen auf eine Medaille. Ulbrichts Werdegang macht diese Logik besonders sichtbar.
Erschwerend kommt hinzu, dass Speerwurf zu den weniger medienträchtigen Disziplinen gehört. Sponsoring, das einzelne Athletinnen in anderen Sportarten trägt, ist im Speerwurf für Talente unterhalb der Weltspitze kaum verfügbar. Wer kein Nationalkader-Mitglied ist und nicht selbst Einnahmen generiert, trainiert auf eigene Rechnung.
Olympia 2028 und eine offene Systemfrage
Das EM-Silber bedeutet für Ulbricht unmittelbar: Sie erfüllt die Qualifikationskriterien für den Olympia-Kader und hätte damit Anspruch auf die Grundförderung, die ihr bisher fehlte. Der DLV hat sich dazu noch nicht offiziell geäußert. Laut DLV-Kriterien gilt Ulbrichts EM-Silber als Zugangsvoraussetzung für den Olympia-Kader.
Um sich für Los Angeles 2028 zu qualifizieren, muss Ulbricht die Qualifikationsnorm im Speerwurf erreichen und sich bei nationalen und internationalen Ausscheidungswettkämpfen behaupten. Ihr persönlicher Rekord liegt nach den deutschen Meisterschaften höher als vor einem Jahr. Vor zwei Jahren hätte niemand darauf gewettet, dass sie überhaupt bei einer EM starten würde. Jetzt ist die Frage, wie weit sie noch gehen kann.
Für den DLV stellt Birminghams Ergebnis eine unbequeme Systemfrage: Wie viele Athletinnen und Athleten mit internationalem Medaillenpotenzial trainieren gerade im Verborgenen, ohne Förderung, mit Nebenjob, weil das System ihre Entwicklungskurve zu früh abgeschrieben hat? Julia Ulbrichts Antwort auf diese Frage wog am Dienstag 61,53 Meter.
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