Koretskyj bestätigt: Chmara soll Verteidigung übernehmen
Selenskyjs Kabinettsumbau ist vollzogen. Das ukrainische Parlament bestätigte am 16. Juli Serhij Koretskyj mit 289 Stimmen als neuen Ministerpräsidenten. Gleichzeitig schlug Selenskyj SBU-Chef Jewhenij Chmara als Nachfolger für das Verteidigungsministerium vor, das Mychajlo Fedorow am 15. Juli verlassen musste. Chmara kann aber frühestens Ende Juli bestätigt werden, weil er zunächst seinen Militärstatus in einen Zivilstatus umwandeln muss. In Lwiw, Kiew und Dnipro gingen tausende Anhänger Fedorows auf die Straße.
15. Juli: Fedorow entlassen
Mychajlo Fedorow, 35, hat die ukrainische Drohnenkriegsstrategie entworfen. Als früherer Minister für Digitale Transformation industrialisierte er die Drohnenproduktion: Über 200 Firmen, dutzende internationale Beschaffungskanäle, ein Programm das gilt als einer der Hauptgründe, warum die Ukraine trotz russischer Überlegenheit im Artilleriebestand militärisch handlungsfähig blieb. Im Januar 2026 wechselte er ins Verteidigungsministerium.
Sein Zerwürfnis mit Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj schwelte laut ukrainischen Medien seit Februar. Kern war eine Strukturfrage: Fedorow wollte das Drohnenprogramm dezentral in seiner Kontrolle halten. Syrskyj bestand auf Integration in die reguläre Kommandokette. Selenskyj entschied am 15. Juli zugunsten Syrskyjs. Fedorow schrieb auf Telegram: «Ich gehe. Die Arbeit bleibt.»
16. Juli: 289 Stimmen für Koretskyj
Die Werchowna Rada stimmte am 16. Juli in zwei getrennten Abstimmungen ab. Zunächst bestätigte sie mit 264 Stimmen ein Paket von 16 Ministerien. Separat, mit 289 Stimmen und damit deutlich über der erforderlichen Mehrheit von 226, wählte sie Serhij Koretskyj zum Ministerpräsidenten. Koretskyj, 48, leitete bis zur Abstimmung den staatlichen Energiekonzern Naftogaz. Selenskyj hatte ihn am 12. Juli nominiert und damit seine ursprüngliche Favoritin Julija Swyrydenko übergangen, die stattdessen Botschafterin in Washington wird.
Die Personalentscheidung Koretskyj folgt einer klaren Kriegslogik: Der dritte Kriegswinter naht, Russland hat die ukrainische Energieinfrastruktur in zwei Wintern systematisch angegriffen. Ein Premierminister mit täglich operativer Erfahrung in Pipelinemanagement und Kraftwerkskapazitäten ist näher am Problem als ein politischer Generalmanager. Gleichzeitig soll Swyrydenko in Washington die wirtschaftliche Kooperation mit den USA stabilisieren, die nach dem Abgang von Finanzminister Skljar im Mai unter Druck geraten war.
Chmara als Verteidigungsminister: Zivilstatus fehlt noch
Selenskyjs Vorschlag für das Verteidigungsministerium überraschte: Statt Innenminister Ihor Klymenko, der früh als Kandidat gehandelt worden war, nominierte er Jewhenij Chmara, 51, den bisherigen Chef des Inlandsgeheimdienstes SBU. Chmara gilt laut Handelsblatt als Experte für Drohnenoperationen im russischen Hinterland, eine Kompetenz, die ihn als Fedorow-Nachfolger nahelegt.
Das Problem ist formaler Natur. Das ukrainische Gesetz schreibt vor, dass Verteidigungsminister Zivilisten sein müssen. Chmara ist aktiver Generalmajor. Er muss zunächst seinen militärischen Status ablegen, bevor das Parlament ihn bestätigen kann. Dieser Prozess dauert laut ukrainischen Berichten bis Ende Juli. Klymenko wurde stattdessen Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, eines Postens, der bisher Rustem Umerov zugeordnet war.
17. bis 19. Juli: Proteste für Fedorow
Dass eine Personalentscheidung des Präsidenten mitten im Krieg Massenproteste auslöst, ist in der Ukraine selten, aber nicht ohne Vorläufer. Laut ORF demonstrierten allein in Kiew am 17. Juli mehrere Tausend Menschen mit Transparenten wie «Fedorow hat die Ukraine verteidigt» und «Wer schützt uns jetzt?». Ähnliche Proteste fanden in Lwiw und Dnipro statt und dauerten bis zum 19. Juli an.
Der Cicero-Analyst Reinhard Veser schrieb, Selenskyj habe die Entlassung rational begründen können. Sie sei aber ein politisch riskanter Schritt, weil sie den Drohnenkrieg zum Politikum mache. Das Drohnenprogramm ist in der Ukraine kein militärtechnisches Randthema, sondern der Kern des öffentlichen Rückhalts für die Kriegsführung. Wer es personell umstrukturiert, riskiert genau jene Debatte, die Selenskyj in diesem Moment am wenigsten gebrauchen kann.
Verteidigungsministerium ohne Bestätigung bis Ende Juli
Bis Chmara den Zivilstatus hat und vom Parlament bestätigt wird, ist das ukrainische Verteidigungsministerium formal ohne ordentlich bestätigten Chef. Selenskyj trägt in dieser Zeit persönlich die politische Verantwortung. Das bedeutet: Jede Fehlfunktion im Drohnenprogramm in den nächsten Wochen fällt unmittelbar auf ihn zurück.
Ob Syrskyj von dem Umbau profitiert, ist offen. Er hat seinen wichtigsten innerministeriellen Gegner aus dem direkten Umfeld des Präsidenten entfernt, trägt aber jetzt auch die Konsequenz, wenn die dezentralen Drohnenbeschaffungskanäle, die Fedorow aufgebaut hatte, unter integrierter Kommandostruktur langsamer werden. Die erste Bewährungsprobe für das neue Kabinett ist der Herbst: Der Kriegswinter beginnt dann und Koretskyj muss zeigen, was sein Naftogaz-Hintergrund für die Energieversorgung der Ukraine tatsächlich leistet.
Aktualisierungen
Update 19. Juli, 23:05 Uhr: Am 17. Juli hat das Kabinett Koretskyj die Interimslücke im Verteidigungs- und Außenministerium geschlossen: Jewhenij Chmara wurde offiziell als amtierender Verteidigungsminister ernannt, Andrij Sybiha, der bereits seit 2024 als Außenminister diente, als amtierender Außenminister. Da Chmara noch aktiver Generalmajor ist und das Parlament ihn deshalb nicht formal bestätigen kann, erlaubt ihm die Interimsernennung das Ressort vorerst zu führen. Ebenfalls Teil der Personalwelle: Selenskyj entließ am 16. Juli Tymur Tkatschenko als Chef der Kiewer Militärverwaltung. Tkatschenko hatte sich öffentlich mit Bürgermeister Vitali Klitschko über Sicherheitszuständigkeiten für die Hauptstadt angelegt.
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