Sechzehn Nobelpreisträger warnen vor KI-Wirtschaftsumbruch
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Sechzehn Nobelpreisträger warnen vor KI-Wirtschaftsumbruch

Mehr als 200 Ökonomen und KI-Forscher, darunter sechzehn Nobelpreisträger, haben am 13. Juli ein Statement veröffentlicht, das KI als wirtschaftlichen Umbruch größer als die Industrielle Revolution einschätzt. Bemerkenswert: Viele Unterzeichner galten bislang als Skeptiker gegenüber KI-Jobängsten.

14. Juli 2026, 15:04 Uhr 850 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Zwei MIT-Professoren, die den Wirtschaftsnobelpreis 2024 gewannen und jahrelang vor übertriebenen KI-Jobängsten warnten, haben ein Statement unterzeichnet, das die KI-Transformation der Wirtschaft als dringlichste Aufgabe unserer Zeit bezeichnet. Daron Acemoglu und Simon Johnson gehören zu mehr als 200 Ökonomen und KI-Forschern, die das Stanford-Papier „We Must Act Now” unterstützen, gemeinsam mit vierzehn weiteren Nobelpreisträgern, dem ehemaligen Google-Chef Eric Schmidt, dem LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman und mehreren leitenden Ökonomen von OpenAI und Anthropic.

Was ist „We Must Act Now”?

Das Statement „We Must Act Now: A Statement on AI's Transformation of the Economy” wurde am 13. Juli 2026 vom Digital Economy Lab der Stanford University veröffentlicht. Es ist auffallend kurz: vier Kernsätze, eine Website (wemustactnow.ai) und eine wachsende Liste von Unterzeichnern. Organisiert haben es Erik Brynjolfsson von Stanford, Ajay Agrawal von der Universität Toronto, Anton Korinek von der Universität Virginia und Tom Cunningham von METR, einer Organisation für KI-Sicherheitsforschung. Brynjolfsson, Agrawal und Korinek zählen zu den produktivsten Ökonomen im Feld der digitalen Wirtschaft.

Korinek arbeitet neben seinem Universitätsamt auch als Ökonom bei Anthropic, einem der führenden KI-Unternehmen, genau wie Jack Clark, Anthropics Mitgründer, der ebenfalls unterzeichnet hat. Dass Mitarbeiter von KI-Unternehmen ein Statement unterzeichnen, das vor denselben Technologien warnt, die ihre Unternehmen entwickeln, ist kein Widerspruch in der Logik des Feldes, aber ein ungewöhnlicher Befund für jeden, der Wirtschaftsinteressen und Warndiskurs als getrennte Sphären versteht.

Warum jetzt? Weil selbst Skeptiker umgedacht haben

Der Kern des Statements lautet: „AI may become radically more powerful over the next 10 years, driving a transformation larger than the Industrial Revolution but unfolding over a vastly shorter timeframe.” Der entscheidende Zusatz ist die Geschwindigkeit. Anton Korinek formulierte es so: „Steam, electricity, and computers each gave societies decades to adapt.” KI, so die Einschätzung der Unterzeichner, wird diesen Luxus nicht gewähren.

Was das Statement von früheren KI-Warnungen unterscheidet, ist der Wandel seiner Unterzeichner. Daron Acemoglu hatte noch 2023 in einer viel diskutierten Studie dargelegt, dass die wirtschaftlichen Vorteile von KI systematisch überschätzt werden. Zusammen mit Simon Johnson argumentierte er, KI werde primär Kapital begünstigen, nicht Arbeit und wenig zur Produktivitätssteigerung beitragen. Jetzt sagt Acemoglu: „There is an urgent need to redirect AI so that its risks are minimized and it can work for the benefit of workers and society.” Das ist keine Kehrtwende in der Analyse, aber eine Eskalation der Dringlichkeit.

Der Hintergrund für diesen Wandel ist in den Daten sichtbar. Laut dem Stanford AI Index 2026 fiel die Beschäftigung für Softwareentwickler zwischen 22 und 25 Jahren um fast 20 Prozent gegenüber dem Höhepunkt 2024. Das ist ein Berufsfeld, das lange als krisensicher galt. Die Wirtschaft hat KI seit 2024 nicht nur als Produktivitätswerkzeug genutzt, sondern auch als Begründung für Stellenabbau. Deutsche-Bank-Analysten beschrieben dieses Muster im Januar 2026 als „AI washing”: Entlassungen, die ohnehin geplant waren, werden mit KI begründet, weil das Investoren besser klingt als klassischer Stellenabbau.

Was bedeutet das konkret? Ökonomen im Nebel

Das Statement enthält drei konkrete Forderungen. Erstens: Ökonomen, Politikverantwortliche und Technologieunternehmen sollen die wirtschaftlichen Auswirkungen transformativer KI systematisch erforschen. Zweitens: Es braucht Anreize, Leitplanken und Institutionen, um KI in eine Richtung zu lenken, die menschliche Fähigkeiten ergänzt statt ersetzt. Drittens: All das muss jetzt beginnen, nicht wenn der Wandel bereits vollzogen ist.

Die bemerkenswerte Ehrlichkeit des Statements liegt in seinem Eingeständnis. Fortune fasste es treffend zusammen: „We are driving in the fog.” Über 200 der renommiertesten Wirtschaftsforschenden der Welt geben zu, dass sie nicht genau wissen, was KI mit der Wirtschaft machen wird. Sie wissen, dass es groß sein wird. Sie wissen, dass es schnell geht. Und sie sagen, dass das Fehlen gesicherter Antworten kein Argument für Abwarten ist, sondern für Handeln.

Drei Aufgaben für Politik und Wirtschaft

Was konkret als nächstes passieren müsste, skizzieren die Unterzeichner nur in Umrissen. Yoshua Bengio, KI-Pionier und Träger des Turing-Preises, hat in anderen Kontexten für internationale KI-Sicherheitsbehörden nach dem Modell der Internationalen Atomenergiebehörde plädiert. Acemoglu hat in der Vergangenheit für Steuern auf Automatisierung argumentiert, um Unternehmen dazu anzureizen, Technologien zu entwickeln, die Menschen ergänzen statt ersetzen. Reid Hoffmans Beteiligung als LinkedIn-Mitgründer wirft die Frage auf, wie Plattformen, die vom Arbeitsmarkt leben, auf einen Arbeitsmarkt reagieren, der schrumpft.

Die Antworten fehlen noch. Das Statement ist kein Programm, sondern ein Alarmsignal, das von Menschen kommt, die sich die KI-Transformation am genauesten angesehen haben. Die Industrielle Revolution hat Großteile der europäischen Arbeiterbevölkerung in Armut gestürzt, bevor sie zu allgemeinem Wohlstand führte. Dieser Prozess dauerte Jahrzehnte. Wenn die Unterzeichner von „We Must Act Now” recht haben, bleibt für den nächsten Umbruch weit weniger Zeit.

Quellen (8)

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