
KI knackt Post-Quanten-Kandidat HAWK in 60 Stunden
Quellen (8)
- Spektrum der Wissenschaftspektrum.de
- Anthropic Researchanthropic.com
- The Hacker Newsthehackernews.com
- CyberScoopcyberscoop.com
- GBHackersgbhackers.com
- TechTimestechtimes.com
- Quantum Zeitgeistquantumzeitgeist.com
- BSI PQC-Empfehlungmybusinessfuture.com
Zwei Jahre lang und in zwei Bewertungsrunden haben Kryptografieexperten aus aller Welt das Verfahren HAWK nach Schwächen durchsucht. Es hatte bestanden. Am 28. Juli 2026 legte Claude Mythos Preview, ein KI-Modell des US-Unternehmens Anthropic, nach 60 Stunden Analyse einen Befund vor, der das Gegenteil zeigte: eine fundamentale Lücke in der mathematischen Grundlage von HAWK, die alle Sicherheitsgarantien halbiert. Die HAWK-Entwickler zogen ihr Verfahren daraufhin unverzüglich von der Kandidatenliste des US-amerikanischen Standardisierungsinstituts NIST zurück.
Was Post-Quanten-Kryptografie bedeutet
Klassische Verschlüsselungsverfahren wie RSA basieren auf mathematischen Problemen, die für heutige Computer praktisch unlösbar sind. Leistungsfähige Quantencomputer könnten diese Probleme mit dem Shor-Algorithmus jedoch in einem Bruchteil der bisher nötigen Zeit lösen. Die Kryptografiegemeinschaft entwickelt deshalb seit den 1990er-Jahren Verfahren, die auch gegen Quantenrechner sicher bleiben sollen, sogenannte Post-Quanten-Kryptografie.
Das National Institute of Standards and Technology (NIST) der USA führte seit 2016 ein umfangreiches Auswahlverfahren durch. Im August 2024 wurden die ersten drei standardisierten Algorithmen veröffentlicht: ML-KEM für Schlüsselaustausch sowie ML-DSA und SLH-DSA für digitale Signaturen. HAWK war ein weiterer Kandidat für die Signaturkategorie und befand sich noch in der Evaluierungsphase, hatte aber bereits zwei Runden intensive Expertenbegutachtung hinter sich.
Was die KI gefunden hat
HAWK basiert auf dem Lattice Isomorphism Problem (LIP), einem mathematischen Gitterproblem. Claude Mythos Preview analysierte die Struktur von HAWK und identifizierte eine bisher übersehene Eigenschaft: eine sogenannte nichtriviale Automorphie in der Gitterstruktur. Diese Symmetrie ermöglicht einen Angriff, der die effektive Schlüsselstärke von HAWK halbiert. Um dasselbe Sicherheitsniveau zu erhalten, müssten die Schlüssel doppelt so groß sein, was HAWK gegenüber konkurrierenden Verfahren deutlich ineffizienter gemacht hätte.
Darüber hinaus entwickelte die KI einen vollständigen Schlüsselwiederherstellungsangriff gegen HAWK-256 und beschleunigte einen bekannten Angriff auf die siebenstufige Variante von AES-128 um den Faktor 200 bis 800. Beim AES-Angriff handelt es sich um eine reduzierte Testversion, nicht um den vollständig eingesetzten Standard. Anthropic veröffentlichte die Ergebnisse auf seiner Forschungsplattform und koordinierte den Fund vorab mit dem HAWK-Team sowie NIST. Das HAWK-Team bestätigte die Schwachstelle und zog das Verfahren zurück.
Der Zeitunterschied ist das Entscheidende: Zwei Jahre und zwei Runden internationaler Expertenprüfung hatten die Schwachstelle nicht gefunden. Die KI brauchte 60 Stunden.
Ein zweischneidiges Schwert für die Cybersicherheit
Der Fund hat zwei Gesichter. Positiv ist, dass die Lücke entdeckt wurde, bevor HAWK standardisiert und in Produktivsystemen eingesetzt war. Kein einziges heute genutztes Kommunikationssystem ist durch den HAWK-Fund kompromittiert. Die bereits vom NIST standardisierten Algorithmen ML-KEM, ML-DSA und SLH-DSA sind von dem Fund nicht berührt und gelten als robust.
Beunruhigend ist die Implikation für die Zukunft: Wenn KI-Modelle in 60 Stunden Schwachstellen finden, die Experten jahrelang entgehen, dann gilt das potenziell auch für andere, bereits eingesetzte Systeme. Sicherheitsforscher sprechen von der 'Harvest Now, Decrypt Later'-Bedrohung: Nachrichtendienste und Cyberkriminelle sammeln bereits heute verschlüsselte Daten, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu entschlüsseln, sobald leistungsfähige Quantencomputer oder KI-gestützte Kryptanalysewerkzeuge verfügbar werden. Nach einer Umfrage der Cloud Security Alliance rechnen 40 Prozent der befragten Sicherheitsverantwortlichen damit, dass kryptografisch relevante Quantencomputer vor 2030 zur Verfügung stehen werden.
Chris Hughes, Cybersicherheitsexperte, kommentierte gegenüber GBHackers: 'Das unterstreicht, dass kein Algorithmus als für immer sicher gelten kann.' Er plädierte dafür, KI-gestützte Kryptanalyse als festen Bestandteil künftiger Standardisierungsverfahren zu etablieren.
Bis 2030: Was Organisationen jetzt konkret tun müssen
Für Organisationen ohne PQC-Migrationsstrategie verschärft der HAWK-Fund den Druck, auch wenn die unmittelbare Sicherheitslage unverändert ist. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik empfiehlt deutschen Behörden und Unternehmen, die Migration zu den NIST-standardisierten PQC-Verfahren bis spätestens 2030 abzuschließen. Den Übergang zu planen und umzusetzen ist aufwendig: Viele Systeme, von Banken bis zu Behörden, nutzen Verschlüsselung über Jahrzehnte und müssen vollständig neu konfiguriert werden.
Für die Kryptografiegemeinschaft stellt sich eine grundsätzliche Folgefrage: Wie validiert man KI-generierte Sicherheitsbefunde? Eine KI kann selbst Fehler machen oder Lücken fälschlicherweise behaupten. In diesem Fall haben HAWK-Team und NIST den Fund unabhängig verifiziert, bevor er publiziert wurde. Das NIST-Verfahren dürfte KI-gestützte Kryptanalyse künftig als Standardschritt einschließen. Der praktische Unterschied zum bisherigen Prozess: 60 Stunden statt zwei Jahre.
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