Ein Jahr Spinnennetz: Russlands Ölbasis unter Druck
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Ein Jahr Spinnennetz: Russlands Ölbasis unter Druck

Seit einem Jahr greift die Ukraine systematisch russische Raffinerien an. Die Bilanz: 16 Angriffe allein im Mai, Benzinrationierung bis in die Region Moskau, kein Treibstoff mehr in Sewastopol. Das ISW sieht Russlands Versorgungslogistik in einer anhaltenden Krise.

4. Juni 2026, 4:39 Uhr 763 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Am 29. Mai meldete Sergej Aksjonow, der von Moskau eingesetzte Gouverneur der Krim, eine Benzinknappheit: Die Tankstellen in Sewastopol hätten kein AI-92 und AI-95 mehr vorrätig. Was er als regionales Managementproblem darstellte, ist das Ergebnis einer Strategie, die Ukraine vor einem Jahr unter dem Codenamen Pawutina startete. Auf Deutsch: Spinnennetz. Ein Jahr nach dem Start hat diese Strategie Russlands Ölversorgung in eine anhaltende Krise getrieben.

Drohnen bis nach Saratow: Wie Pawutina funktioniert

Operation Pawutina begann am 1. Juni 2025. Die Strategie kombiniert zwei Elemente: weitreichende Drohnen, die nach ukrainischen Angaben bis zu 1.000 Kilometer tief in russisches Territorium eindringen können und koordinierte Kommandoeinsätze hinter den feindlichen Linien. Ziele sind Raffinerien, Kraftstofflager und Pipelinestationen, über die russische Truppen im Donbas und auf der Krim versorgt werden. Wenn eine Drohne eine Pipeline trifft, bleibt ein Konvoi stehen. Wenn ein Kraftstofflager brennt, rückt die nächste Angriffswelle mit weniger Treibstoff aus.

Selenskyj beschrieb das Ergebnis in seiner Videoansprache zum Jahrestag: Für Russland gebe es "im Süden und Osten unseres Landes praktisch keine sicheren Straßen mehr". Das Institut für Kriegsstudien (ISW) formulierte es nüchterner: Russland habe erhebliche Schwierigkeiten, Personal an die Frontlinien zu transportieren, Versorgungsgüter sicherzustellen und Frontpositionen zu halten.

16 Raffinerieangriffe allein im Mai

Allein im Mai 2026 griff die Ukraine 16 russische Raffinerien an, darunter acht der zehn größten Anlagen des Landes. Das ist laut Kyiv Post der ukrainische Monatsrekord bei Raffinerieschlägen seit Beginn der Operation. Die russische Rohölverarbeitung liegt nach westlichen Schätzungen auf dem niedrigsten Stand seit mehr als zehn Jahren. Am 31. Mai trafen ukrainische Drohnen die Rosneft-Anlage in Saratow und einen Pipelineknoten im Kirowgebiet gleichzeitig.

Das ISW schätzte die Kremlin-Kosten allein für den Monat April 2026 auf 4,7 Milliarden Dollar. Dieser Betrag ergibt sich aus Reparaturaufwendungen und staatlichen Subventionen an russische Energiekonzerne, die ihre Verluste nicht mehr selbst tragen können. Das ISW kommt zu dem Schluss, dass diese Kosten den durch höhere Ölpreise erzielten Zusatzerlös übersteigen. Die Drohnenkampagne trifft Russland damit nicht nur militärisch, sondern auch fiskalisch.

Kein Benzin in Sewastopol

Die Versorgungskrise hat eine geografische Logik. Die wichtigste Landverbindung zur Krim ist die sogenannte Noworossija-Fernstraße, die von Rostow am Don über das besetzte Donbas nach Simferopol führt. CNN und Meduza berichteten, dass Drohnenangriffe auf diese Strecke die Kraftstofflieferungen zur Halbinsel praktisch zum Erliegen gebracht haben. Aksjonows Meldung vom 29. Mai war die offizielle Bestätigung: In Sewastopol gibt es kein Benzin mehr.

Laut Berichten der Kyiv Post hat die Benzinrationierung inzwischen auch die Region Moskau erreicht. Ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien in der Zentralregion Russlands erzeugen dort dieselbe Knappheit, die an der Südfront schon die Frontlogistik stört. Der ukrainische Sicherheitsanalyst Pawlo Lakiytschuk beschrieb Russlands Versorgungslage als "Herzinfarkt der Nachschubkette". Das Herz pumpt noch, aber nicht mehr so, wie es müsste.

Warum Russland mit Städtebombardements reagiert

Russland kann die Logistikschäden in kurzer Zeit nicht beheben. Die operative Antwort auf Pawutina ist eine andere: massive Angriffe auf ukrainische Städte. In der Nacht auf den 2. Juni feuerte Russland 73 Raketen und 656 Drohnen ab. Dnipro wurde am härtesten getroffen: 16 Menschen starben. In Kiew kamen sechs weitere ums Leben. Selenskyj bezeichnete das Muster öffentlich: Russland weicht auf das aus, was es noch kann, nämlich ukrainische Wohngebiete treffen, weil das, was es nicht mehr kann, die Versorgung der eigenen Truppen gesichert zu halten, nicht gelingt.

Das ISW dokumentierte im Lagebericht für Mai, dass die Ukraine erstmals seit 2023 mehr Territorium zurückgewann als verlor. Die ukrainische Monitoring-Gruppe DeepState bestätigte: Trotz einer um 37,5 Prozent gestiegenen russischen Angriffsintensität erzielte Russland keine wesentlichen Geländegewinne. Der Zusammenhang zwischen Logistikstörung und Frontdynamik ist für Militäranalysten inzwischen statistisch belegbar.

Ob die Ukraine diese Dynamik über den Sommer aufrechterhalten kann, hängt vor allem davon ab, wie schnell Russland seine Luftabwehr gegen ukrainische Drohnen verbessert und ob der Westen Ukraine weiterhin mit den notwendigen Komponenten für die Drohnenproduktion beliefert. Russland rüstet seine Gegendrohnenkapazitäten nach eigenen Angaben aus, was die Trefferquote auf beiden Seiten verschieben wird.

Quellen (10)

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