Google zahlte 2,7 Mrd: KI-Chefarchitekt Shazeer zu OpenAI
Google zahlte im August 2024 rund 2,7 Milliarden Dollar, um Noam Shazeer zurückzugewinnen. Shazeer hatte das Unternehmen 2021 verlassen und das KI-Startup Character.AI mitgegründet; der Deal holte ihn als Vizepräsident für Engineering und Ko-Leiter des Gemini-Projekts zurück. Weniger als zwei Jahre später, am 18. Juni 2026, gab Shazeer bekannt, Google erneut zu verlassen und zu OpenAI zu wechseln. Er ist damit nicht irgendein Manager, der die Seiten tauscht: Shazeer ist Mitautor des Transformer-Papers, auf dem nahezu jedes große Sprachmodell der Gegenwart aufbaut.
Der Mann hinter der Architektur
Im Juni 2017 veröffentlichte eine achtköpfige Google-Forschergruppe das Paper „Attention Is All You Need“. Es beschrieb die Transformer-Architektur, die seither zum Fundament aller bedeutenden Sprachmodelle wurde: GPT, Gemini, Claude, LLaMA und ihre Nachfolger. Unter den Autoren: Noam Shazeer. Ohne dieses Paper wäre die generative KI in ihrer heutigen Form nicht denkbar.
Shazeer arbeitete darüber hinaus an zwei weiteren Kerntechnologien moderner KI-Systeme. Mixture-of-Experts-Architekturen (MoE) aktivieren bei einer Anfrage nicht das gesamte Modell, sondern nur spezialisierte Teilnetze. Das spart Rechenaufwand und macht sehr große Modelle erst wirtschaftlich betreibbar. Multi-Query Attention beschleunigt die Inferenz, also die Geschwindigkeit, mit der ein Modell Antworten erzeugt. Beide Konzepte stecken heute in Gemini und in GPT-4o.
Nach seinem Abgang 2021 baute Shazeer Character.AI auf, einen Chatbot-Dienst für rollenspielbasierte Unterhaltungen. Die Plattform zog nach Angaben aus der Wachstumsphase monatlich mehr als 20 Millionen aktive Nutzer an. Google sah das als Bedrohung und Gelegenheit zugleich: Die Übernahme von Character.AI im August 2024 für rund 2,7 Milliarden Dollar gilt als einer der teuersten Talentdeals der KI-Geschichte. Shazeer soll persönlich zwischen 750 Millionen und einer Milliarde Dollar aus dem Verkauf erhalten haben.
Shazeers Rolle bei OpenAI
Bei OpenAI übernimmt Shazeer die Leitung der Architekturforschung. Das klingt nach einer Spezialisten-Stabsstelle, ist aber im KI-Wettbewerb zentral: Die Architektur eines Modells entscheidet darüber, wie effizient es lernt, wie skalierbar es ist und welche grundsätzlichen Fähigkeiten es entwickeln kann. Wer hier den nächsten Schritt macht, kann Vorteile erzielen, die sich nicht allein durch mehr Rechenleistung aufholen lassen.
OpenAI arbeitet nach Insider-Berichten bereits an einer neuen Architekturgeneration jenseits des klassischen Transformer-Designs. Shazeer soll dabei erkunden, wie die Grundstruktur weiterentwickelt oder durch neuere Ansätze wie State-Space-Modelle ergänzt werden kann. Reuters bezeichnete den Wechsel als einen der bedeutendsten Talentabgänge in der KI-Branche im Jahr 2026 und beschrieb ihn als „überraschend“, da Gemini unter Shazeers Führung gerade erhebliche Fortschritte gemacht hatte.
Für Google ist der Abgang ein Reputationsproblem. Das Unternehmen hatte ihn teuer zurückgekauft und nun verlässt er den Konzern zum Konkurrenten. Der Transformerkern von Gemini ist damit nicht gefährdet: Hunderttausende Stunden Trainingsarbeit und ein großes Team bleiben bestehen. Aber der Weggang des Architekten signalisiert Unzufriedenheit in einer Phase, in der Google im KI-Markt an Boden gewinnt.
Geminis Aufstieg und der Apple-Deal
Dabei läuft Gemini besser als je zuvor. Laut Analysen des Datendienstleisters Vertu und des Marktforschungsunternehmens First Page Sage ist der weltweite Marktanteil von ChatGPT an KI-Chatbot-Zugriffen von rund 87 Prozent auf 68 Prozent gesunken; Gemini stieg im gleichen Zeitraum von fünf auf rund 18 Prozent. ChatGPT rutschte damit im Mai 2026 erstmals unter die 50-Prozent-Marke bei den monatlichen Nutzern.
Im Juli 2026 bestätigte Google Cloud, dass ein maßgeschneidertes Gemini-Modell mit 1,2 Billionen Parametern ab iOS 27 Apples Siri-Funktion und die Apple Foundation Models antreiben soll. Dieser Deal, der Gemini als Standard-KI für rund 1,4 Milliarden iPhone-Nutzer etablieren würde, ist von Shazeers Verbleib unabhängig: Er wurde über mehrere Jahre ausverhandelt und stützt sich auf das bestehende Produktteam. Kurz nach Shazeers Abgang erschien außerdem Google Frozen v2, eine Version bei der Gemini direkt in spezialisierten Chips integriert wird.
Vor dem IPO: Wem der Wechsel nützt
Warum verlässt Shazeer Google nach weniger als zwei Jahren? Die Antwort liegt teilweise in OpenAIs Kapitalplanung. Das Unternehmen strebt einen Börsengang an, den Analysten mit einer Bewertung von rund einer Billion Dollar prognostizieren. Anthropic plant seinen eigenen Börsengang für Oktober 2026; OpenAI wartet auf eine noch höhere Bewertung. Wer vor dem IPO mit Unternehmensanteilen ausgestattet wird, kann bei solchen Bewertungen erheblich profitieren.
Für Shazeer, der aus dem Character.AI-Verkauf bereits reich ist, dürfte die finanzielle Seite eine Rolle spielen, aber nicht die einzige sein. Als Architekt, der an der nächsten Modellgeneration arbeiten will, ist OpenAI zum heutigen Zeitpunkt eine andere Plattform als Google: freier in der Forschung, mit klarem Fokus auf frontier models und ohne die internen Koordinationszwänge eines Technologiekonzerns mit Dutzenden von Produktabteilungen. Für einen Forscher, der Architekturen baut, kann das der ausschlaggebende Unterschied sein.
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