KBV und SPD streiten über Termingarantie beim Facharzt
Politik

KBV und SPD streiten über Termingarantie beim Facharzt

Das Gesundheitssystem nach der GKV-Reform: Kassenpatienten warten durchschnittlich 42 Tage auf den Facharzt, Tendenz steigend. KBV-Chef Gassen schlägt ein Turbo-Modell für dringende Fälle vor, die SPD will eine gesetzliche Drei-Wochen-Garantie für alle. Gestritten wird über Geld.

Quellen (7)
  1. ms-aktuell – Gassen Turbo-Facharztterminems-aktuell.de
  2. ZDF heute – Termingarantie Facharzt Kritikzdfheute.de
  3. ZEIT Online – Facharzttermine Wartezeiten Gassen Mierschzeit.de
  4. Spiegel – Streit über Termingarantiespiegel.de
  5. Deutschlandfunk – Gassen Facharztterminedeutschlandfunk.de
  6. AOK – Vergabe von Facharztterminenaok.de
  7. ad-hoc-news – KBV Turbo-Facharztterminead-hoc-news.de
16. September 2026, 4:13 Uhr693 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Durchschnittlich 42 Tage wartet ein gesetzlich Versicherter in Deutschland auf einen Facharzttermin. KBV-Chef Andreas Gassen warnte bereits, dieser Wert könnte bald auf 50 Tage steigen. Die SPD drängt jetzt auf eine gesetzliche Termingarantie und zeigt damit auf, wo das Gesundheitssystem nach der GKV-Reform des Sommers steht.

42 Tage im Schnitt, Tendenz steigend

Wer als Kassenpatient zum Hautarzt, Orthopäden oder Kardiologen muss, wartet in Deutschland im Schnitt sechs Wochen. Das war 2024 bereits der Durchschnittswert und der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, rechnet damit, dass er weiter steigt. Er hat 50 Tage als wahrscheinliche Richtmarke für die nahe Zukunft genannt.

Seit einigen Jahren existieren die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen, erreichbar unter der bundesweiten Rufnummer 116117. Für alle Versicherten mit Überweisung soll dort ein Facharzttermin binnen vier Wochen vermittelt werden. In der Praxis klagen Patienten immer wieder über lange Wartezeiten auch bei dringlichen Diagnosen.

Zum Vergleich: Privatpatienten warteten laut einer Erhebung des RWI aus dem Jahr 2018 im Schnitt 7,8 Tage auf einen Facharzttermin. Der Unterschied zur Wartezeit gesetzlich Versicherter ist seit Jahren bekannt und politisch umstritten.

Warum die GKV-Reform die Lage verschärft

Der Bundestag hat am 10. Juli 2026 das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz verabschiedet. Es setzt Ausgabensteigerungen für alle Versorgungsbereiche auf das Niveau der tatsächlichen Einkommensentwicklung. Für Arztpraxen heißt das: Wer mehr Patienten behandelt als das Budget erlaubt, bekommt für die Mehrbehandlungen ab einer gewissen Schwelle deutlich weniger vergütet.

Die KBV hatte bereits vor der Abstimmung ausgerechnet, dass die Reform rechnerisch 46 Millionen Kassenpatienten-Behandlungen pro Jahr weniger finanziert. Dieser Effekt ist seit dem 10. Juli Gesetz und wird 2027 wirksam. In den Praxen plant man die Anpassungen bereits jetzt.

Budgetobergrenzen und Facharztmangel treffen zusammen. Ärzte könnten künftig seltener Kassenpatienten einbestellen, weil sie für jeden weiteren Patienten über der Budgetgrenze deutlich weniger bekommen. Gassen bezeichnete diesen Mechanismus als Steuerungssignal, das Kassenpatienten faktisch nachrangig behandle.

Gassen bietet Turbo-Termine an, die SPD lehnt das als unzureichend ab

SPD-Fraktionsvorsitzender Matthias Miersch hat eine gesetzliche Termingarantie gefordert: Jeder Kassenpatient soll ein Recht auf einen Facharzttermin innerhalb von drei Wochen erhalten. Als Druckmittel schlägt Miersch ein Bonus-Malus-System in der Ärztevergütung vor: Wer keine ausreichenden Terminangebote macht, dessen Budget sinkt.

Gassen hält eine pauschale Garantie für unrealistisch. Nicht für alle Kassenärzte sei es möglich, unabhängig von der medizinischen Dringlichkeit jeden Patienten binnen drei Wochen zu sehen, schon aus Kapazitätsgründen. Sein Gegenangebot: ein sogenanntes Turbo-Modell, bei dem medizinisch dringende Fälle innerhalb einer Woche einen Facharzttermin bekommen. Voraussetzung sei aber eine höhere Vergütung für Praxen, die diese Schnelltermine anbieten.

Der Sozialverband VdK und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) unterstützen den SPD-Vorstoß, fordern aber noch weiter: Sie verlangen, dass die Kassenpatienten-Benachteiligung strukturell beendet wird, nicht nur für Notfälle. Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, erklärte, die Zwei-Klassen-Medizin beim Facharzttermin müsse ein Ende haben.

Vergütung ist der Knackpunkt

Das Turbo-Modell der KBV und die Termingarantie der SPD sind weniger weit voneinander entfernt als es scheint: Das KBV-Modell setzt höhere Vergütung für Schnelltermine voraus; das SPD-Modell droht mit Budgetkürzungen bei unzureichendem Terminangebot. Der Unterschied liegt im Universalitätsanspruch. Miersch will drei Wochen für alle Kassenpatienten. Gassen will eine Woche, aber nur für medizinisch dringende Fälle.

Außerdem fordert die KBV für ihr Turbo-Modell eine höhere Vergütung für die beteiligten Praxen, was die GKV-Ausgaben erhöhen würde. Höhere Ausgaben widersprechen dem Grundgedanken des im Juli verabschiedeten Spargesetzes.

Gassen lehnte eine pauschale Gesetzespflicht ab und verwies darauf, dass dafür schlicht nicht genug Kapazitäten vorhanden seien. Niedergelassene Ärzte arbeiteten nach Erhebungen des Zentralinstituts für die kassenaerztliche Versorgung im Durchschnitt rund 50 Stunden pro Woche; die Zahl stammt aus dem Praxis-Panel der Jahre 2014 bis 2016.

Herbst-Haushalt als nächste Weichenstellung

Eine politische Einigung hängt an der Frage, ob die Koalition bereit ist, für Schnelltermine zusätzliche Vergütungsmittel bereitzustellen. Der Bundesgesundheitshaushalt 2027 wird voraussichtlich Ende November verabschiedet werden. Wenn die Koalition das Turbo-Modell der KBV als Kompromiss annimmt und mit einer Vergütungserhöhung verbindet, wäre das eine Lösung für medizinisch dringende Fälle, aber kein universelles Versprechen an die 74 Millionen gesetzlich Versicherten.

Mierschs Bonus-Malus-Vorschlag liegt nun auf dem Tisch. Ob die CDU/CSU als Koalitionspartner eine Budgetkürzung für Praxen mitträgt, die keine ausreichenden Termine anbieten, ist offen. Historisch hat die Union aufseiten der Ärzteverbände gestanden. Das Thema steht politisch unter Druck und die Kassenärzte haben ein Schnelltermin-Modell angeboten. Vor drei Monaten schien das noch undenkbar.

Korrektur 17. September, 19:37 Uhr: Drei Angaben präzisiert. Die Wartezeit von Privatpatienten stammt aus einer RWI-Erhebung von 2018 und betrug 7,8 Tage; die Zuschreibung an die Stiftung Gesundheit liess sich nicht belegen. Bei der Wochenarbeitszeit von 50 Stunden fehlte die Angabe, dass die Erhebung aus den Jahren 2014 bis 2016 stammt. Und der Zusammenhang zwischen politischem Druck und dem Angebot der Kassenärzte ist durch die Quellen nicht als Ursache belegt.

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