Kommunales Rekorddefizit: Fast 32 Milliarden Euro
Politik

Kommunales Rekorddefizit: Fast 32 Milliarden Euro

Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik verzeichnen Städte, Landkreise und Gemeinden ein Defizit von fast 32 Milliarden Euro. Sogar Bayern und Baden-Württemberg stecken tief in den roten Zahlen. Am Montag ruft der Deutsche Städtetag zum Aktionstag auf.

19. Juni 2026, 23:13 Uhr 792 Wörter · 4 Min. Lesezeit

In zwei Jahren hat sich das Defizit der deutschen Kommunen fast verfünffacht: von knapp sieben Milliarden Euro 2023 auf fast 32 Milliarden im Jahr 2025. Das ist der höchste Fehlbetrag, den Städte, Kreise und Gemeinden seit Gründung der Bundesrepublik eingefahren haben. Die Gesamtverschuldung hat gleichzeitig mit knapp 200 Milliarden Euro einen neuen Höchststand erreicht. Das zeigt der Kommunale Finanzreport der Bertelsmann Stiftung, der am Freitag in Kooperation mit der Technischen Hochschule Wildau vorgelegt wurde. Das Besondere daran: Nicht nur strukturschwache Regionen trifft die Krise, sondern erstmals auch die bisher finanzstarken Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg erheblich.

Vom Überschuss zum Rekorddefizit

Nach den Corona-Jahren 2020 und 2021, in denen Bund und Länder die Kommunen mit Sonderzahlungen gestützt hatten, buchten die Städte und Gemeinden 2022 noch einen leichten Überschuss. 2023 kippte das Bild: Erstmals seit Jahren entstand wieder ein Minus von knapp sieben Milliarden Euro. 2024 verdreifachte sich der Fehlbetrag auf über 24 Milliarden. Und 2025 übertraf er mit fast 32 Milliarden Euro alle bisherigen Rekordwerte.

Das Statistische Bundesamt hatte diesen Wert bereits im April 2026 angekündigt. Der Bertelsmann-Report liefert jetzt die Tiefenanalyse: Investitionen von 52 Milliarden Euro im Jahr 2024 stellen zwar einen Rekord dar, aber gleichzeitig wächst der Investitionsstau auf bundesweit 215 Milliarden Euro. Geld fließt, aber nicht dahin, wo das Fundament der Infrastruktur morsch wird.

René Geißler von der Technischen Hochschule Wildau, Mitautor des Reports, benennt das strukturelle Dilemma: "Selbst die hohen Steuerzuwächse der vergangenen Jahre könnten die derzeitige Ausgabendynamik nicht mehr ausgleichen." Das ist der entscheidende Satz. Die Einnahmen steigen, aber die Ausgaben steigen schneller.

Sozialausgaben auf 85 Milliarden, Personalkosten verdoppelt

Auf der Ausgabenseite treiben zwei Positionen das Defizit hoch. Die Sozialausgaben der Kommunen sind in zwei Jahren um 25 Prozent auf 85 Milliarden Euro gestiegen. Hinter dieser Zahl stecken Leistungen, die der Bund per Gesetz vorschreibt und deren Kosten dann bei den Städten landen: Grundsicherung, Eingliederungshilfe, Kindertagesbetreuung, Wohngeld. Zweiter Treiber: die Personalausgaben. Sie haben sich binnen zehn Jahren verdoppelt. Auch der Sachaufwand kletterte in zwei Jahren um 25 Prozent.

Auf der Einnahmenseite bricht die Gewerbesteuer ein, die wichtigste Finanzierungsquelle für Städte und Gemeinden. In einer schwachen Konjunktur melden Unternehmen geringere Gewinne und zahlen entsprechend weniger. Das trifft die Kommunen mit zeitlicher Verzögerung, aber durchschlagend. Erstmals gilt das auch für Regionen, die bisher als Stabilitätsanker galten. Bayern und Baden-Württemberg, deren exportorientierte Wirtschaft jahrelang für sprudelnde Gewerbesteuereinnahmen sorgte, verbuchen 2025 erhebliche Defizite.

Die Kommunen reagieren bereits: Sie kürzen bei Investitionen und bei sogenannten freiwilligen Leistungen. Schwimmbäder schließen, Bibliotheken haben kürzere Öffnungszeiten, Kulturangebote fallen weg. Kirsten Witte, Kommunalexpertin der Bertelsmann Stiftung, warnt: "Solche Maßnahmen beeinträchtigen die Teilhabechancen der Menschen und können die strukturellen Finanzprobleme nicht lösen."

Kassenkredite steigen wieder, Ostdeutschland besonders belastet

Wie ernst die Lage ist, zeigt ein Detail, das im Finanzreport besondere Beachtung verdient: Kassenkredite steigen seit 2023 bundesweit wieder an. Sieben Jahre lang hatten die Kommunen diese kurzfristigen Schulden abgebaut. Kassenkredite sind im Grunde Dispokredite für Gemeinden, ein Zeichen akuter Liquiditätsnot. 25 Prozent des bundesweiten Kassenkreditvolumens konzentrieren sich auf nur neun Städte in Nordrhein-Westfalen.

Regional zeigt der Report ein zweigeteiltes Bild. 17 der 20 finanzschwächsten Kommunen Deutschlands liegen in Ostdeutschland. Dort fehlt die wirtschaftliche Basis, um Steuereinnahmen zu generieren. Gleichzeitig ist der Bedarf an sozialen Leistungen und Infrastrukturerhalt hoch. Brigitte Mohn, Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, spricht von einer "Zeitenwende, welche die finanzielle Handlungsfähigkeit nachhaltig infrage stellt."

Die Problematik hat einen Namen, der in der Kommunalpolitik seit Jahrzehnten diskutiert und nie gelöst wurde: Bund und Länder beschließen Sozialgesetze, deren Kosten dann bei den Kommunen landen. Das Prinzip "wer bestellt, muss zahlen" ist im Grundgesetz nicht konsequent verankert. Die Bertelsmann Stiftung fordert genau das als grundsätzliche Reform: eine Neuordnung der Aufgabenverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen.

Aktionstag am Montag: Städtetag fordert 30 Milliarden

Der politische Druck wächst. Am Montag, 22. Juni, ruft der Deutsche Städtetag zum Aktionstag "Kommunen am Limit" auf. Städte und Gemeinden wollen bundesweit sichtbar machen, was das Defizit im Alltag bedeutet: welche Projekte nicht realisiert werden, welche Einrichtungen schließen, welche Investitionen aufgeschoben werden.

Inhaltlich fordert der Städtetag vom Bund eine jährliche Soforthilfe von rund 30 Milliarden Euro sowie strukturelle Reformen. Als konkreten Ansatz nennt der Verband eine deutliche Erhöhung des kommunalen Anteils an der Umsatzsteuer: von derzeit 2,8 Prozent auf 12,8 Prozent. Das würde den Kommunen jährlich rund 30 Milliarden Euro mehr einbringen.

Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD ist ein "Zukunftspakt" als Reformelement mit Kommunalbezug verankert. Konkrete Maßnahmen sollen noch in dieser Legislaturperiode vereinbart werden. Wie das gelingen soll, wenn der Bundeshaushalt selbst mit einer Lücke von über 29 Milliarden Euro kämpft, bleibt die offene Frage, die am Montag vor den Rathäusern die Luft vibrieren lassen wird.

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