Bundeswehr nimmt erstmals an französischer Nuklearübung teil
Am Freitag haben Kanzler Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron auf Schloss Augustusburg in Brühl eine Entscheidung bekanntgegeben, die es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gab: Deutsche Soldaten werden erstmals an einer Übung der französischen Atomstreitkräfte teilnehmen. Der Termin ist für Herbst 2026 geplant. Begleitet wird das von der Gründung einer gemeinsamen nuklearen Steuerungsgruppe, die weitere strategische Optionen prüfen soll.
Der 26. Ministerrat und sein Ort
Der Deutsch-Französische Ministerrat tagt regulär alle ein bis zwei Jahre und bringt Mitglieder beider Kabinette zusammen. Der 26. Rat in Brühl hatte für Macron eine besondere Dimension: Er tritt 2027 nicht erneut an. Es ist eines seiner letzten Treffen in diesem Format als amtierender Präsident.
Den Tag begann Merz gemeinsam mit Macron auf dem Luftwaffenstützpunkt Nörvenich, wo der Verteidigungsrat der beiden Länder tagte. Nörvenich ist kein zufälliger Ort: Dort sind deutsche Tornados stationiert, die im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO für den Transport amerikanischer Atomwaffen zertifiziert sind. Im gemeinsamen Kommuniqué des Verteidigungsrats heißt es, dass französische Rafale-Kampfflugzeuge nach Nörvenich verlegt werden sollen. Das gilt als "erster operativer Schritt der strategischen Kooperation".
Die nuklearen Beschlüsse im Detail
Die Bundeswehr wird im Herbst 2026 erstmals an einer Übung der französischen Atomstreitkräfte teilnehmen. Laut dem gemeinsamen Kommuniqué beteiligen sich deutsche Soldaten dabei im konventionellen Bereich. Das bedeutet: Deutsche Einheiten üben Aufgaben, die zur Durchführung eines nuklearen Einsatzes erforderlich wären, ohne selbst über nukleares Material zu verfügen. Das entspricht dem Prinzip der nuklearen Teilhabe, die Deutschland bereits im NATO-Kontext kennt, nur eben jetzt auch auf bilateraler Ebene mit Frankreich.
Ergänzt wird das durch eine neue "strategische Steuerungsgruppe", in der Kanzler, Außen- und Verteidigungsminister beider Länder vertreten sind. Ihre Aufgabe: festzulegen, welcher Mix aus Fähigkeiten für eine glaubwürdige europäische Abschreckung nötig wäre. Merz sagte bei der gemeinsamen Pressekonferenz, Deutschland nehme Frankreichs nukleares Abschreckungsangebot an. Das ist ein Satz, der in der deutschen Außenpolitik vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre.
Das Scheitern von FCAS im Hintergrund
Der Ministerrat fand auch vor dem Hintergrund eines handfesten Konflikts statt: Das gemeinsame Kampfflugzeugprojekt FCAS (Future Combat Air System) ist nach jahrelangen Streitigkeiten zwischen Airbus und dem französischen Konzern Dassault gescheitert. Beide Regierungen hakten die Pleite öffentlich ab und präsentierten stattdessen ein neues Konzept für eine europäische Interoperabilität von Luftkampfsystemen. Statt eines gemeinsamen Flugzeugs soll künftig ein "System of Systems" entwickelt werden: vernetzte Flugzeuge, Drohnen und weitere Komponenten ohne einheitliche Plattform.
Auch gegenüber China schärften beide Regierungen ihren Kurs. Laut Euronews einigten sich Merz und Macron darauf, auf EU-Ebene eine härtere Haltung gegenüber unfairen chinesischen Handelspraktiken zu vertreten. Konkret geht es um Subventionen für Elektrofahrzeuge und industrielle Überkapazitäten, die europäische Hersteller unter Druck setzen.
Was die Nuklearkooperation für Europa bedeutet
Frankreich ist die einzige Atommacht in der EU. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 und angesichts wiederkehrender Zweifel an der US-Beistandsgarantie diskutiert Europa intensiver als je zuvor über eine eigenständige nukleare Abschreckung. Macron hat das Thema seit Jahren vorangetrieben. Bis 2026 hatten jedoch alle deutschen Regierungen eine formale Beteiligung an französischen Nuklearübungen abgelehnt.
Der Schritt, den Merz jetzt gegangen ist, geht über die bisherige Position hinaus. Er schafft ein Präzedenz. Wie weit die Kooperation reicht, soll die Steuerungsgruppe klären. Dass sie überhaupt gegründet wurde und eine erste Übung konkret terminiert ist, signalisiert: Berlin ist bereit, eine neue Debatte darüber zu führen, auf wen Europa im Zweifelsfall seine Sicherheitsgarantien stützt.
Übung im Herbst, Steuerungsgruppe bis Jahresende
Die Nuklearübung ist für Herbst 2026 datiert. Die Steuerungsgruppe soll bis Ende des Jahres erste Empfehlungen vorlegen. Macron hat bis zu seinem Amtsende im Frühjahr 2027 noch Zeit, diese Vereinbarung in konkrete Schritte umzusetzen. Was danach kommt, hängt von seinem Nachfolger ab. Marine Le Pen und andere rechte Kandidaten haben sich in der Vergangenheit skeptisch gegenüber dem deutsch-französischen Tandem geäußert. Das gibt den kommenden Monaten eine gewisse Dringlichkeit.
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