Sommer-Prognosen: Iran-Krieg erfasst den Konsum
Wirtschaft

Sommer-Prognosen: Iran-Krieg erfasst den Konsum

RWI, DIW und IMK senkten innerhalb einer Woche ihre Sommer-Prognosen: Wachstum 2026 zwischen 0,5 und 0,8 Prozent, Inflation auf 3,1 Prozent. Der Iran-Krieg breitet seine wirtschaftlichen Folgen vom Energiemarkt in Konsum und Investitionen aus.

26. Juni 2026, 8:44 Uhr 815 Wörter · 5 Min. Lesezeit

In der dritten Juniwoche haben drei Wirtschaftsinstitute mit sehr unterschiedlichem politischen Ausgangspunkt dasselbe Urteil gefällt. Das RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, eher wirtschaftsliberal, erwartet für 2026 nur noch 0,8 Prozent Wachstum. Das IMK der Hans-Böckler-Stiftung, das gewerkschaftsnah ist, setzt den Wert auf 0,6 Prozent. Berlin kommt mit dem DIW sogar auf nur 0,5 Prozent. Wenn Institute dieser Unterschiedlichkeit zur gleichen Diagnose kommen, ist das eigentliche Signal: Der Iran-Schock trifft die deutsche Wirtschaft inzwischen breiter als unmittelbar nach Kriegsbeginn erwartet.

Drei Korrekturen in einer Woche

Das RWI veröffentlichte am 16. Juni seine Sommer-Prognose. Demnach wächst das Bruttoinlandsprodukt 2026 um 0,8 Prozent, nach der Frühjahrsschätzung von 0,9 Prozent. Für 2027 fällt die Erwartung von 1,2 auf 0,8 Prozent. Die Inflationsrate für 2026 schätzt das RWI nun auf 3,1 Prozent. RWI-Chefvolkswirt Torsten Schmidt benennt das Kernproblem: Der Preisdruck verlagere sich zunehmend von den Energiemärkten in die Breitenwirtschaft, mit weiteren Steigerungen zu rechnen.

Das DIW Berlin fällt in seiner Sommer-Prognose noch weiter zurück: nur noch 0,5 Prozent Wachstum 2026 und 0,8 Prozent 2027. Das DIW sieht als zentralen Bremsfaktor den Energiepreisschock, der die wirtschaftliche Erholung unterbrochen habe, bevor sie sich habe festigen können. Das IMK der Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichte am 18. Juni 0,6 Prozent für 2026 und 0,9 Prozent für 2027, mit einer Inflationserwartung von 2,8 Prozent.

Der Vergleich mit den Jahresanfangsprognosen zeigt, wie stark sich das Bild verdüstert hat. Das IMK hatte zu Jahresbeginn noch 1,2 Prozent Wachstum für 2026 prognostiziert. Die Gemeinschaftsdiagnose der fünf großen Institute hatte im April 0,6 Prozent erwartet. Die Sommer-Revisionen liegen nun zum Teil darunter. Innerhalb von sechs Monaten wurde die Wachstumserwartung damit halbiert.

Von der Zapfsäule in den Warenkorb

Die erste Phase des Iran-Schocks war direkt messbar. Rohöl stieg auf 108 Dollar je Barrel, Gaspreise verdoppelten sich auf über 50 Euro je Megawattstunde, an deutschen Tankstellen kletterten die Preise im April um bis zu 17 Prozent. Diese Direktwirkung ist seit Wochen bekannt und in früheren Prognosen abgebildet.

Was die Sommer-Prognosen von den Frühjahrseinschätzungen unterscheidet, sind die Folgewirkungen. Das Bundeswirtschaftsministerium dokumentiert in seinem Bericht zur wirtschaftlichen Lage im Juni, dass der Anteil der Industrieunternehmen mit Lieferkettenengpässen seit Januar von 7,5 auf 15,9 Prozent gestiegen ist. Investitionsgüterbestellungen aus dem Ausland gingen im April um 4,2 Prozent zurück, im Dreimonatsvergleich sogar um 7,3 Prozent. Die realen Einzelhandelsumsätze sanken im April um 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat.

Der gemeinsame Befund der drei Institute: Konsumenten und Unternehmen, die nicht direkt an Energiemärkten handeln, spüren die gestiegenen Kosten mit Verzögerung, aber dauerhaft. Einkaufspreise für Zwischenprodukte steigen, Logistikkosten bleiben erhöht, die erhöhte Inflation frisst Kaufkraft. Das RWI fasst das als schrittweise Weitergabe erhöhter Energiekosten und Logistikkosten zusammen, mit einer Konsequenz: Private Investitionen bleiben schwach, auch trotz des bereits beschlossenen Sondervermögens für Infrastruktur.

Ein unerwartetes Gegenzeichen liefert die Exportindustrie. Das RWI weist für das erste Quartal auf 3,3 Prozent Exportwachstum gegenüber dem Vorquartal hin. Der Grund: Asiatische Konkurrenten sind durch die Hormus-Blockade ähnlich hart getroffen wie deutsche Anbieter. Der komparative Nachteil fällt geringer aus als anfangs befürchtet. Das ändert nichts daran, dass die binnenwirtschaftliche Nachfrage schwächelt.

Der ZEW-Widerspruch

In derselben Woche, in der RWI, DIW und IMK ihre Zahlen nach unten korrigierten, lieferte das ZEW-Institut ein überraschendes Gegenzeichen. Das ZEW-Konjunkturbarometer kletterte im Juni um fast 21 Punkte: von minus 10,2 auf plus 10,5 Punkte. Volkswirte hatten im Schnitt nur einen Anstieg auf minus 5,5 Punkte erwartet.

ZEW-Präsident Achim Wambach erläuterte die Dynamik: Die befragten Finanzexperten aus Banken, Versicherungen und großen Industrieunternehmen setzten darauf, dass der Iran-Konflikt ende und der Druck auf Energiepreise und Inflation nachlasse. Das ZEW-Barometer misst Erwartungen für die nächsten sechs Monate, keine gegenwärtige Realität.

Die Gegenwart sieht anders aus. Der ZEW-Teilindex zur aktuellen wirtschaftlichen Lage verschlechterte sich im Juni auf minus 81,0 Punkte, von minus 77,8 im Vormonat. Diese Schere ist das Charakteristikum eines Übergangszustands: Analysten eskomptieren das Friedensszenario, während Unternehmen und Verbraucher noch die aktuellen Preise zahlen. Die Automobilbranche, das Barometer für Industrieerwartungen, legte im ZEW um fast 22 Punkte zu. Gleichzeitig stagnierte die Industrieproduktion im April bei 0,0 Prozent.

Was das dritte Quartal entscheidet

Das am 22. Juni auf dem Bürgenstock vereinbarte Fortschrittsdokument zwischen den USA und Iran setzt einen 60-Tage-Fahrplan für das Endabkommen. Wenn dieser Fahrplan hält, könnten die Energiepreise bis Anfang September spürbar sinken. Das ist das Szenario, auf das der ZEW wettet. Das IMK hat für diesen Fall explizit eine Alternativprognose berechnet: Bei schneller Konfliktlösung wäre ein Wachstum von rund 0,8 Prozent 2026 und etwas mehr als 1,0 Prozent 2027 plausibel.

Tritt die Gegenvariante ein, wird das IMK-Risikoszenario realistischer: BIP-Wachstum 2026 von höchstens 0,2 Prozent. Das Bundeswirtschaftsministerium spricht in seinem Juniausblick von erheblichen Risiken hinsichtlich einer erneuten Eskalation. Die Bundesbank hatte bereits im Monatsbericht zum ersten Quartal 2026 auf die Schwunglosigkeit der deutschen Wirtschaft hingewiesen.

Für private Haushalte ist das dritte Quartal der entscheidende Test. Eine Inflation von 3,1 Prozent (RWI) neben einem für 2026 erwarteten Lohnwachstum in ähnlicher Größenordnung bedeutet stagnierende Realkaufkraft. Ob sich der Einzelhandel stabilisiert oder weiter zurückgeht, zeigt sich bis Oktober. Wenn das Iran-Abkommen bis dahin greift, werden die Sommer-Prognosen von RWI, DIW und IMK vielleicht die pessimistischsten Zahlen dieses Zyklus geblieben sein. Wenn nicht, sind weitere Revisionen wahrscheinlich.

Quellen (10)

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