Ab 1. Juli 4,24 Prozent mehr: Merz verspricht alle Reformen
Die Rentenerhöhung zum 1. Juli kommt automatisch, ohne Parlamentsabstimmung: 4,24 Prozent mehr für 21,5 Millionen Rentnerinnen und Rentner, der Rentenwert klettert von 40,79 auf 42,52 Euro. Für einen Eckrentner mit 45 Beitragsjahren bedeutet das rund 78 Euro mehr im Monat. Gleichzeitig übergibt die Rentenkommission ihren Bericht mit 33 Reformvorschlägen an Kanzler Merz und der Koalitionsausschuss tagt über deren Umsetzung. Die Anpassung gilt für alle, die heute Rente beziehen. Was der Ausschuss beschließt, gilt für alle, die noch arbeiten.
Was die Anpassung konkret bedeutet
Die Rentenanpassung 2026 von 4,24 Prozent liegt deutlich über der Steigerung des Vorjahres 2025 von 3,74 Prozent. Das Bundeskabinett hat sie beschlossen, rechtsverbindlich tritt sie am 1. Juli in Kraft. Der Rentenwert steigt von 40,79 Euro auf 42,52 Euro pro Entgeltpunkt. Für den sogenannten Eckrentner mit 45 Beitragsjahren und jeweils durchschnittlichem Verdienst bedeutet das monatlich rund 78 Euro mehr.
Die tatsächliche Durchschnittsrente liegt deutlich darunter: Sie beträgt gegenwärtig 1.289 Euro, weil die meisten Erwerbsbiografien keine lückenlosen 45 Beitragsjahre aufweisen. Die Anpassung folgt der Lohnentwicklung des Vorjahres. 2025 sind die Löhne in Deutschland deutlich gestiegen, die Rentenanpassung gibt diese Entwicklung mit einem Jahr Verzögerung weiter. Das IW Köln hat die Anpassung als strukturell richtig bewertet, warnt aber, dass der Beitragssatz ohne Reformen bis 2040 auf über 22 Prozent steigen wird. Aktuell liegt er bei 18,6 Prozent.
Merz verspricht alle 33 Empfehlungen
Am Dienstagmorgen wurden die 33 Reformempfehlungen der Rentenkommission offiziell an Kanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas im Kanzleramt übergeben. Merz reagierte mit einer klaren Zusage: Alle Elemente dieses Reformpakets müssen jetzt zügig umgesetzt werden. Damit bekennt er sich zu einer der tiefgreifendsten Rentenreformen der jüngeren deutschen Geschichte.
Die drei Kernvorschläge der Kommission betreffen Menschen, die heute arbeiten. Erstens soll die sogenannte Rente mit 63 abgeschafft werden. Ihr offizieller Name ist Altersrente für besonders langjährig Versicherte; sie erlaubt nach 45 Beitragsjahren einen abschlagsfreien Rentenbeginn. Das DIW hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung berechnet, dass ihre Abschaffung pro Rentnerjahrgang 9,5 Milliarden Euro einsparen und dem Arbeitsmarkt 125.000 Vollzeitkräfte zusätzlich zuführen würde. Zweitens soll das Renteneintrittsalter dynamisch an die Lebenserwartung gekoppelt werden: Steigt sie um ein Jahr, arbeiten Versicherte acht Monate länger. Drittens sollen 0,5 bis zwei Prozent des Bruttolohns in eine neue Kapitalanlagekomponente nach schwedischem Vorbild fließen.
DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi bezeichnete Merz' Versprechen noch am selben Morgen als Kampfansage. Der DGB war aus der Regierungskommission herausgehalten worden und hat eine eigene Gegenkommission eingesetzt, deren Bericht im Sommer erwartet wird. VdK-Präsidentin Verena Bentele warnte vor einem heißen Rentenstreit-Sommer. Verdi-Chef Frank Werneke nannte die geplante Abschaffung der Frührente eine vollständige Missachtung der Lebensleistung der Betroffenen. Die IG Metall hatte in der Vorwoche massiven Widerstand aus den Betrieben der Metallindustrie angekündigt.
Ein Termin, zwei Entscheidungen
Der 1. Juli ist ein Doppeltermin mit entgegengesetzten Botschaften. Die 4,24-Prozent-Anpassung tritt automatisch in Kraft durch das geltende Rentenanpassungsgesetz, ohne parlamentarische Abstimmung. Der Koalitionsausschuss tagt dagegen über die strukturellen Reformen. Er muss festlegen, welche der 33 Empfehlungen in Gesetzgebung überführt werden. Am 10. Juli geht der Bundestag in die Sommerpause. Alles, was bis dahin nicht steht, kommt frühestens im Herbst.
Für die SPD ist das der härteste Moment. Die Partei hat der Abschaffung der Rente mit 63 intern nie zugestimmt, war aber an der Kommission beteiligt. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf hatte im Juni öffentlich gewarnt, nicht alle Reformfelder könnten vor der Sommerpause abgeschlossen werden. Merz hat das Gesamtpaket, das neben der Rente auch Einkommensteuer, Arbeitsmarkt und Bürokratieabbau umfasst, als Einheit definiert. Scheitert ein Feld, scheitert das Paket.
Was die Debatte ausblendet
Die Rentenkommission hat ihre Finanzierungslücke auf der Ausgabenseite geschlossen: später in Rente, weniger Frührentner, Kapitalanlage als Puffer. Auf der Einnahmeseite blieb die Debatte schmal. Die INSM hatte mit einer Prognos-Studie eine Finanzierungslücke von 83 Milliarden Euro bis 2040 in den Raum gestellt. Der DGB hält dieser Zahl entgegen, dass höhere Kapitaleinkommen und Vermögen bisher kaum zur Rentenfinanzierung herangezogen werden.
Konkret: Eine Ausweitung der Rentenversicherungspflicht auf Beamte, die Kommission bewusst ausgeklammert hat, würde nach DIW-Berechnungen schrittweise einige Milliarden Euro jährlich zusätzlich einbringen. Eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze würde Besserverdienende stärker belasten. Beide Optionen stehen nicht auf der Tagesordnung des Koalitionsausschusses am 1. Juli. Warum nicht, hat die Bundesregierung bisher nicht öffentlich begründet.
Acht Tage bis zum Koalitionsausschuss
Die Rentenanpassung ab 1. Juli ist gesichert, unabhängig vom politischen Ausgang des Koalitionsausschusses. Was nicht gesichert ist, gilt für Menschen, die heute 40 oder 50 Jahre alt sind. Merz hat alle 33 Empfehlungen versprochen. Die Rentenkommission sieht das Eintrittsalter für jüngere Jahrgänge perspektivisch auf 69 oder sogar 70 Jahre steigen. Das ist eine Empfehlung, kein Beschluss. Ob und in welcher Form sie Gesetz wird, entscheidet sich zwischen dem 1. und dem 10. Juli.
Kommentare