Korsika: FLNC droht Nichtkorsen trotz Autonomieangebot
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Korsika: FLNC droht Nichtkorsen trotz Autonomieangebot

Frankreich bietet Korsika das weitreichendste Autonomiepaket der Fünften Republik: 271 Nationalversammlungsabgeordnete stimmten im Juni für eine Verfassungsreform. Wenige Wochen später erschienen maskierte FLNC-Kämpfer mit Maschinenpistolen und Scharfschützengewehren vor der Presse und drohten Nichtkorsen mit Gewalt.

Quellen (10)
  1. ZEIT Onlinezeit.de
  2. Tages-Anzeigertagesanzeiger.ch
  3. Modern Ghana / Anti-Terror-Ermittlungmodernghana.com
  4. Proto Thema (Drohung Nichtkorsen)en.protothema.gr
  5. Finanznachrichten (Nationalversammlung Juni)finanznachrichten.de
  6. ORF (Autonomiepläne)orf.at
  7. Tagesspiegel (Autonomiepläne)tagesspiegel.de
  8. it-boltwise (Autonomie Hürden)it-boltwise.de
  9. Nationalia (Autonomiegesetz Inhalt)nationalia.cat
  10. ConstitutionNet (Senat Oktober)constitutionnet.org
18. August 2026, 21:39 Uhr763 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Rund 15 Männer in schwarzen Uniformen, maskiert, mit Maschinenpistolen und Scharfschützengewehren erschienen am 6. August auf einer Waldlichtung nahe Corte: Die korsische Untergrundorganisation FLNC-UC hielt eine klandestine Pressekonferenz ab. Ihre Botschaft an Nichtkorsen, Touristen und Zweitwohnungsbesitzer war knapp: "Bleibt in euren eigenen vier Wänden." Wer die Warnung ignoriere, könne auf korsischem Territorium "keine Sicherheit erwarten". Dass Frankreich Korsika kurz zuvor das weitreichendste Autonomieangebot seiner Geschichte gemacht hatte, hat die Drohung offenbar nicht verhindert.

Was Frankreich anbietet

Am 23. Juni 2026 billigte die Nationalversammlung den Gesetzentwurf in erster Lesung: 271 Abgeordnete stimmten dafür, 202 dagegen, 64 enthielten sich. Der Entwurf würde erstmals eine Verfassungsbestimmung schaffen, die Korsika als "historische, sprachliche und kulturelle Gemeinschaft" anerkennt. Die korsische Regionalversammlung würde das Recht erhalten, französische Gesetze im Rahmen einer künftigen organischen Regelung regional anzupassen. Justiz, Polizei, Verteidigung und Währung blieben ausdrücklich in nationaler Hand.

Was der Entwurf nicht vorsieht, ist ebenso bedeutsam: Weder wird ein "korsisches Volk" (peuple corse) als Rechtskategorie anerkannt noch erhält die korsische Sprache einen offiziellen Status. Korsisch wird heute von rund einem Drittel der 340.000 Bewohner gesprochen, war aber über Generationen aus dem öffentlichen Schulsystem verdrängt worden und gilt als stark gefährdet. Beide Punkte stehen seit Jahrzehnten im Zentrum nationalistischer Forderungen. Bevor das Gesetz überhaupt in Kraft treten kann, muss es zudem den Senat passieren, eine Drei-Fünftel-Mehrheit des Kongresses erreichen und schließlich in einem korsischen Referendum bestätigt werden.

Die FLNC-UC und ihre Ablehnung

Die FLNC (Front de Libération Nationale de la Corse) wurde 1976 gegründet und war bis zu ihrer Waffenruhe 2014 für Tausende Bombenanschläge auf dem Festland und auf der Insel verantwortlich. Mit der FLNC-UC (Union des Combattants) tritt eine Fraktion auf, die den Waffenstillstand der Stammorganisation nicht mitträgt.

Für die FLNC-UC ist der Autonomieentwurf eine "Maskarade": ein Text, der die Existenz des korsischen Volkes leugne, statt sie anzuerkennen. Das ist kein Verhandlungspoker. Die Fraktion kämpft nicht für Autonomieparagrafen, sondern für die völkerrechtliche Anerkennung eines eigenständigen korsischen Volkes. Dieses Ziel schließt Frankreichs Verfassung strukturell aus. Der Sprecher der FLNC-UC machte deutlich, dass, solange die "nationalen Rechte" der Korsen nicht anerkannt seien, kein Angebot aus Paris akzeptabel sei.

Die Pariser Antiterrorstaatsanwaltschaft PNAT (Parquet national antiterroriste) leitete nach der bewaffneten Pressekonferenz ein Vorermittlungsverfahren ein. Der Vorwurf: "Bildung einer kriminellen Vereinigung zur Vorbereitung von Terrorakten". Frankreich behandelt die FLNC-UC damit nicht als Randphänomen.

Frankreichs republikanisches Dilemma

Hinter dem Korsikakonflikt steht ein Staatsverständnisproblem, das Frankreich seit der Revolution mit sich trägt. Die "République une et indivisible" ist nicht Slogan, sondern Verfassungsartikel 1. Jede regionale Sonderstellung verlangt eine Verfassungsänderung mit qualifizierter Mehrheit. Das macht Kompromisse strukturell schwierig: politisch und juristisch.

Marie-Antoinette Maupertuis, Präsidentin der korsischen Regionalassemblee und Mitglied der moderaten nationalistischen Partei Femu a Corsica, unterstützt das Gesetz als notwendigen ersten Schritt, auch wenn sie ihn für unzureichend hält. Femu a Corsica hält derzeit die Mehrheit im korsischen Regionalparlament. Die FLNC-UC repräsentiert eine kleinere, aber entschlossene Minderheit, die jeden Kompromiss als Kapitulation betrachtet.

Europäische Präzedenzfälle zeigen das bekannte Muster: Autonomieregelungen befrieden gemäßigte Nationalisten, ohne Radikale zu überzeugen. Spanien gewährte Katalonien und dem Baskenland weitreichende Autonomierechte. Die gemäßigten Parteien akzeptierten das als Fortschritt, die radikale Unabhängigkeitsbewegung nicht. In Nordirland dauerte der Weg vom Bürgerrechtskampf bis zum Karfreitagsabkommen über dreißig Jahre. Was in beiden Fällen schließlich funktionierte: dass die gemäßigte Mehrheit greifbare Ergebnisse erzielen konnte, die ihr einen politischen Vorteil gegenüber den Radikalen verschafften.

21. Oktober: Korsikagesetz im konservativen Senat

Ab 21. Oktober 2026 debattiert der Senat den Entwurf. Dort haben Konservative die Mehrheit und stehen dem Konzept einer verfassungsrechtlichen Sonderstellung für Regionen skeptisch gegenüber. Scheitert der Entwurf im Senat, beginnt ein Vermittlungsverfahren zwischen beiden Kammern. Erst bei einem identischen Text stimmt der Kongress mit Drei-Fünftel-Mehrheit. Dann käme das korsische Referendum.

Was auf dem Spiel steht, geht über Korsika hinaus. Wenn ein historisch weitreichendes Angebot scheitert, weil der Senat konservative Prinzipien über pragmatische Politik stellt, verliert die gemäßigte Mehrheit auf Korsika ihr wichtigstes politisches Argument: dass der parlamentarische Weg Ergebnisse liefert. Die FLNC-UC und ihr bewaffneter Auftritt am 6. August hätten dann den einzigen messbaren Effekt erzielt.

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