
Leipzig-Anschlag: Wie die Bombe beinahe detonierte
Quellen (11)
- Tagesspiegeltagesspiegel.de
- Ukrainska Pravda (CCTV-Rekonstruktion, Die Zeit)pravda.com.ua
- Bundesanwaltschaft — Pressemitteilung 6. August 2026generalbundesanwalt.de
- aero.de — Antenne im Flughafenumfeldaero.de
- Euronews — Explosive drone at Leipzig airporteuronews.com
- Wikipedia — 2026 Leipzig Airport drone incidentsen.wikipedia.org
- FAZ Liveblog — DNA-Spur auf Drohnefaz.net
- Golem — DNA-Spuren an Sprengstoff-Drohnegolem.de
- n-tv — DNA-Spur nach Drohnen-Anschlagn-tv.de
- Deutsche Welle — Drohne prallte gegen Flugzeugtragflächedw.com
- web.de — DNA-Spur an Spreng-Drohneweb.de
Eine Sprengstoffdrohne traf am 4. August um 19:30 Uhr gezielt den Flügel einer ukrainischen Antonow-Frachtmaschine am Flughafen Leipzig/Halle. Die Bombe, rund 800 Gramm Semtex in einer umgebauten Konservendose, löste sich beim Einschlag vom Gerät ab und landete auf dem Vorfeld. Weil die Verbindung zum Zünder dabei unterbrochen wurde, detonierte sie nicht. Leipzig war deutlich knapper dran als bisher bekannt.
Der Einschlag um 19:30 Uhr
Überwachungskameras dokumentierten den Ablauf, wie die Wochenzeitung Die Zeit zuerst berichtete. Um 19:28 Uhr war die Drohne bereits auf dem Frachtgelände zu erkennen. Zwei Minuten später schlug sie in den Tragflügel der Antonow ein. Flügel von Frachtflugzeugen enthalten die Treibstofftanks. Die Drohne prallte von der Tragfläche ab und fiel zu Boden. Der Sprengkörper wurde nicht auf der Drohne, sondern einige Meter entfernt aufgefunden. Laut Einschätzung von Sprengstoffexperten wäre die Ladung stark genug gewesen, die Maschine zu zerstören.
Das Gerät blieb danach fast vier Stunden unbemerkt auf dem Vorfeld liegen. Während das Südrollfeld für die Ermittlungen gesperrt blieb, musste ein DHL-Frachtflugzeug vom Typ Boeing 757 einen Durchstart einleiten und kollidierte dabei mit einem zweiten unbekannten Flugobjekt. Die Maschine wich nach Hannover aus, Ermittler stellten geringen Schaden am Rumpf fest. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass auch dieses zweite Gerät eine Drohne war.
Gegen 23:30 Uhr trat ein Busfahrer auf die Sprengstoffdrohne, erkannte die Bedrohung und alarmierte das Sicherheitspersonal. Die bis dahin verbreitete Darstellung, ein Mitarbeiter habe das Gerät zufällig entdeckt, war unvollständig: Die Drohne hatte zuvor den Flugzeugflügel getroffen und war erst danach auf dem Gelände gelandet.
Die ukrainische Antonow-Frachtmaschine, die zum Zeitpunkt des Angriffs auf dem Frachtgelände stand, gehört zu den Maschinen, die Leipzig/Halle seit 2022 regelmäßig anlaufen. Der Flughafen hat sich zum zentralen deutschen Umschlagpunkt für Rüstungsgüter der NATO entwickelt. Gleichzeitig ist er das weltweit größte DHL-Frachtdrehkreuz: 6.400 Beschäftigte, 1,4 Millionen Tonnen Frachtaufkommen jährlich.
Explosion in Kursdorf zehn Minuten zuvor
Rund zehn Minuten vor dem Drohnenangriff, gegen 19:20 Uhr, ereignete sich eine Explosion im nahegelegenen Dorf Kursdorf. Das Dorf liegt in unmittelbarer Flughafennähe und ist seit Jahren verlassen. In einem Baum nahe der Explosion fanden Ermittler eine Antenne, die als Signalverstärker für die Drohnensteuerung gedient haben könnte.
Die Antenne war mit zwei SIM-Karten ausgestattet; die Drohne selbst wurde über das Mobilfunknetz aus größerer Entfernung gesteuert. Die Antenne deutet auf vorbereitete Angreiferinfrastruktur hin: Zwischen Operationsbasis und Flughafen war offenbar ein technisches Relais aufgebaut worden, um das 5G-Steuersignal bis ins überwachte Gelände zu verlängern. Ob die Kursdorf-Explosion ein Systemtest war oder einem anderen Zweck diente, haben Ermittlungsbehörden nicht bestätigt.
DNA-Spur gesichert, Zuordnung offen
Forensische Teams sicherten DNA-Spuren auf der Drohne. Am 10. August hatten mehrere Medien gemeldet, die Spur stimme mit Proben aus einem Brandanschlag auf das DHL-Logistikzentrum am Flughafen Leipzig vom 20. Juli 2024 überein und sei zudem in einer europäischen Datenbank unter litauischer Erfassung geführt. Ermittlerkreise dementierten diese Verbindung am 11. August.
Der aktuelle Stand ist widersprüchlich. Gesichert ist: DNA wurde auf der Drohne sichergestellt. Einer konkreten Person konnte die Spur bislang nicht zugeordnet werden. Ob sie auf denselben Täterkreis wie der DHL-Brandanschlag von 2024 hindeutet, ist offiziell ungeklärt.
Wer steckt dahinter?
Offizielle Zuschreibungen vermeiden Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt bislang. US-Stellen erklärten gegenüber dem Wall Street Journal unter Berufung auf westliche Geheimdienstquellen, die Sprengstoffdrohne stamme aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Bestand einer russischen Geheimdienstbehörde. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt bezeichnete Deutschland als tägliches Ziel hybrider Kriegsführung. Roderich Kiesewetter, CDU-Obmann im Auswärtigen Ausschuss, nannte den Anschlag direkt russische Sabotage. Russland weist jede Beteiligung zurück.
Das Muster des Angriffs deutet auf professionelle Vorbereitung hin. Die Drohne war so konstruiert, dass sie die damals vorhandenen Detektionssysteme am Flughafen umgehen sollte. Der Einsatz des Mobilfunknetzes statt handelsüblicher Steuerfrequenzen erschwerte die Ortung. Die externe Antenneninfrastruktur in Kursdorf zeigt, dass die Täter das Gelände kannten und auf ein präzises Ziel ausgerichtet waren: eine Maschine, die Waffen für die Ukraine transportiert. Die Bundesanwaltschaft stufte den Anschlag als schwerwiegenden Angriff auf kritische Infrastruktur ein, der die äußere und innere Sicherheit der Bundesrepublik beeinträchtige.
Keine Verhaftungen, Ermittlungen ohne Zeitplan
Zwei Wochen nach dem Anschlag gibt es keine öffentlich bekannten Festnahmen. Die Bundesanwaltschaft hat das Verfahren von der Generalstaatsanwaltschaft Dresden übernommen und ermittelt wegen versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr. Das Bundeskriminalamt führt die operativen Ermittlungen. Die DNA-Spur liegt vor, bleibt aber ohne Personenzuordnung. Die Kombination aus professioneller Tarnung, mutmaßlicher ausländischer Steuerung und fehlendem Bekennerschreiben macht die Strafverfolgung aufwendig.
Am 18. August eröffnen Bundesinnenminister Dobrindt und Forschungsministerin Dorothee Bär das Drohnen-Sicherheitsforschungszentrum am DLR-Testflughafen Cochstedt in Sachsen-Anhalt. Das Zentrum soll Drohnenerkennung, Abwehrtechnik und rechtliche Rahmenbedingungen bündeln. Bundesweit läuft das Nachrüstprogramm für alle acht als kritische Infrastruktur eingestuften Flughäfen, geplanter Aufwand: 160 bis 240 Millionen Euro bis Ende 2026. Ob dieser Zeitplan einzuhalten ist, hat das Innenministerium bislang nicht konkret beantwortet. Entscheidend ist, ob die Bundesanwaltschaft die gesamte Operationskette hinter dem Anschlag rekonstruieren kann.
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