Lungennarben umkehrbar: Neue Immuntherapie aus Heidelberg
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Lungennarben umkehrbar: Neue Immuntherapie aus Heidelberg

Ein internationales Forschungsteam vom Universitätsklinikum Heidelberg hat in Labortests erstmals gezeigt, dass Lungennarben bei rheumatischen Erkrankungen rückgängig gemacht werden könnten. Der Ansatz: Natürliche Killerzellen werden reaktiviert, um das Narbengewebe abzubauen. Die Studie erschien im Mai 2026 in Science Translational Medicine.

7. Juli 2026, 22:42 Uhr 768 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Lungenfibrose galt bisher als Einbahnstraße: Sobald sich Narbengewebe in der Lunge gebildet hat, bleibt es. Medikamente konnten das Fortschreiten verlangsamen, aber keine bestehende Vernarbung rückgängig machen. Eine im Mai 2026 in Science Translational Medicine veröffentlichte Studie vom Universitätsklinikum Heidelberg zeigt nun erstmals, dass dieser Mechanismus prinzipiell durchbrechbar ist. Der Schlüssel: natürliche Killerzellen, die normalerweise defekte Gewebezellen beseitigen, aber in fibrotischer Lunge durch einen molekularen Bremsschalter blockiert sind.

Was Lungenfibrose tut und wen sie trifft

Lungenfibrose bezeichnet die dauerhafte Vernarbung von Lungengewebe, die dessen Elastizität und Gasaustauschfähigkeit zerstört. Bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wie systemischer Sklerose (Sklerodermie) oder rheumatoider Arthritis ist interstitielle Lungenerkrankung mit fibrotischen Veränderungen eine der häufigsten Todesursachen. Systemische Sklerose etwa führt bei rund 70 Prozent der Betroffenen zu einer Lungenbeteiligung; die fünfjährige Überlebensrate bei schwerer Fibrose liegt unter 50 Prozent.

Bisherige Therapien wie die Antifibrotika Nintedanib und Pirfenidon bremsen das Fortschreiten, kehren es aber nicht um. Klinische Studien zu CAR-T-Zell-Therapien bei Sklerodermie haben 2023 und 2024 erste hoffnungsvolle Ergebnisse gezeigt, sind aber noch in frühen Phasen. Das Heidelberger Team geht mit einem anderen mechanistischen Ansatz vor.

Die Immunbremse und wie man sie löst

Laut Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg vom 13. Mai 2026 identifizierte das Forschungsteam um Rheumatologen Dr. Wolfgang Merkt und seinen Koautoren Dr. David Lagares, früher am Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School, einen spezifischen Mechanismus: Seneszente Fibroblasten, also veraltete Zellen des Narbengewebes, exprimieren in überhöhter Konzentration das Molekül HLA-E. Dieses bindet an den Inhibitionsrezeptor NKG2A auf natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) und verhindert so, dass die Killerzellen die Fibroblasten erkennen und beseitigen.

Monalizumab, ein Antikörper, der ursprünglich in der Krebsmedizin entwickelt wurde und sich bereits in klinischer Erprobung befindet, blockiert genau diesen NKG2A-Rezeptor. In präklinischen Modellen und humanen ex-vivo-Studien zeigte sich: Werden NK-Zellen durch Monalizumab von dieser Blockade befreit, können sie seneszente Fibroblasten gezielt eliminieren. Prof. Dr. Ulf Wagner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh), nannte die Studie laut DGRh-Pressemitteilung „möglicherweise revolutionär für fibrotische Lungenerkrankungen bei rheumatischen Patienten".

Was der Befund bedeutet und was er nicht bedeutet

Der Befund ist ein Prinzipnachweis, kein Therapiedurchbruch. Die Studie arbeitet mit Labormodellen und ex-vivo-Gewebe, also mit Zellen außerhalb des lebenden Körpers. Eine klinische Studie am Menschen zu diesem spezifischen Ansatz bei Lungenfibrose hat noch nicht begonnen. Monalizumab selbst ist ein zugelassener Wirkstoff in anderen Indikationen, was den Weg in klinische Studien erleichtern könnte, aber nicht automatisch bedeutet, dass er in der Lunge denselben Effekt zeigt.

Vergleichsweise illustriert der CAR-T-Ansatz bei Sklerodermie, wie lange dieser Weg dauern kann: Erste Publikationen zu T-Zell-Therapien bei Autoimmunerkrankungen erschienen um 2021, die ersten Phase-I-Studien starteten 2023. Zwischen Labornachweis und zugelassener Therapie liegen typischerweise sieben bis fünfzehn Jahre und mehrere Phasen klinischer Erprobung, in denen Sicherheit, Dosierung und Wirksamkeit im Patienten geprüft werden.

Das breitere Potenzial: idiopathische Fibrose

Neben der rheumatischen Fibrose könnte der Ansatz für eine zweite Erkrankungsgruppe relevant sein: idiopathische pulmonale Fibrose (IPF). IPF ist eine schwere Lungenerkrankung ohne bekannte Ursache, die deutlich häufiger vorkommt als rheumatische Lungenbeteiligung. Die mediane Überlebenszeit nach Diagnose beträgt ohne Transplantation zwei bis vier Jahre. Auch bei IPF spielen seneszente Fibroblasten eine zentrale Rolle. Die Heidelberger Arbeitsgruppe schreibt in der Studie, der Ansatz könne auf weitere Fibrosepathologien übertragbar sein, sofern der HLA-E/NKG2A-Mechanismus dort ebenfalls aktiv ist, was noch zu prüfen sei.

Für das Deutsches Zentrum für Lungenforschung (DZL), unter dessen Förderung die Studie lief, ist der Befund ein Beleg dafür, dass die translationale Forschung, also der direkte Brückenschlag von Grundlagenwissenschaft zu klinisch relevantem Ansatz, Ergebnisse bringt. Das DZL finanziert Verbundforschung zwischen mehreren deutschen Universitätskliniken mit dem Ziel, Lungenerkrankungen zu heilen statt nur zu bremsen.

Wenn klinische Studien beginnen könnten

Dr. Wolfgang Merkt gab laut Heidelberger Pressemitteilung an, die nächsten Schritte seien die Vorbereitung einer Phase-I-Studie bei Patienten mit rheumatischer Lungenfibrose. Monalizumabs bekanntes Sicherheitsprofil aus der Krebsmedizin ist dabei ein Vorteil: Regulatoren verlangen bei einem bereits erprobten Wirkstoff weniger präklinische Daten als bei einer völlig neuen Substanz. Realistische Zeitrahmen für erste klinische Ergebnisse beim Menschen nennt die Arbeitsgruppe nicht, was in der Forschung üblich ist: Zu frühe Versprechen untergraben das Vertrauen, wenn spätere Phasen scheitern.

Was bleibt, ist der konzeptionelle Schritt. Dass Lungennarben prinzipiell nicht permanent sein müssen, war nach bisherigem Erkenntnisstand nicht klar. Dass das körpereigene Immunsystem den Abbau dieser Narben leisten könnte, wenn man die richtige Bremse löst, ist ein Befund, der die Grundlage für eine neue Therapieklasse legen könnte, auch wenn der Weg dorthin noch weit ist.

Quellen (8)

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