41.000 blinde Kinder können jetzt eigenständig programmieren
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41.000 blinde Kinder können jetzt eigenständig programmieren

Microsoft MakeCode und die Micro:bit Educational Foundation haben am 13. Juli 2026 vollständige Screen-Reader-Unterstützung für Block-Coding gestartet. 41.506 blinde und sehbehinderte Kinder im Vereinigten Königreich können damit erstmals eigenständig dieselbe Lernplattform nutzen wie sehende Mitschülerinnen und Mitschüler.

28. Juli 2026, 9:03 Uhr 710 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Zum ersten Mal können 41.506 blinde und sehbehinderte Kinder im Vereinigten Königreich eigenständig mit Block-Code programmieren. Microsoft MakeCode und die Micro:bit Educational Foundation haben am 13. Juli 2026 eine vollständige Screen-Reader-Unterstützung für ihre weit verbreitete Lernplattform gestartet. Dahinter steckt ein technischer Durchbruch der auch Scratch, MIT App Inventor und andere Plattformen erreichbar machen soll, die auf derselben Blockly-Grundlage von Google aufbauen.

Die bisherige Barriere: Warum Block-Coding nicht funktioniert hatte

Block-basiertes Programmieren wie MakeCode funktioniert visuell: Nutzende ziehen farbige Codeblöcke per Maus oder Touchscreen zusammen und verbinden sie zu Programmen. Screen-Reader, die Computerinhalte in Sprache oder Braille-Schrift umwandeln, konnten diese grafischen Elemente bisher nicht sinnvoll interpretieren. Blinde Kinder waren damit entweder auf eine sehende Person angewiesen, die Maus führt oder sie wurden von vornherein auf textbasierte Programmiersprachen wie Python verwiesen, die für Einsteigerinnen und Einsteiger deutlich anspruchsvoller sind.

barrierefreiheit

Das Royal National Institute of Blind People (RNIB) zählt 35.275 Kinder und Jugendliche mit Sehverlust in England, 3.113 in Schottland, 1.883 in Wales und 1.235 in Nordirland. Die WHO schätzt, dass weltweit rund sechs Millionen Kinder im Schulalter mit einer behindernden Sehbeeinträchtigung leben. Für diese Kinder war Programmieren bisher ein Fach, das oft erst sehr spät oder gar nicht zugänglich gemacht wurde.

Was die neue Unterstützung jetzt leistet

Screen-Reader wie NVDA, JAWS, Windows Narrator, macOS VoiceOver und ChromeVox können ab sofort auf alle Codeblöcke in MakeCode zugreifen, sie vorlesen und navigieren lassen. Auch aktualisierbare Braille-Displays werden unterstützt. Blinde Kinder können damit dieselbe Plattform wie sehende Mitschülerinnen und Mitschüler nutzen, ohne dass eine Hilfsperson die Maus bedienen muss.

Entwickelt wurde die Funktion in einem zweijährigen Co-Design-Prozess mit Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 18 Jahren, die blind oder sehbehindert sind, sowie mit Lehrkräften und Barrierefreiheits-Spezialisten. Zu den beteiligten Schulen und Organisationen zählen das New College Worcester, das Royal National College for the Blind in England, Koninklijke Visio in den Niederlanden und die Indiana School for the Blind and Visually Impaired in den USA. Finanziert wurde das Projekt über den Google Blockly Accessibility Fund. Lucy Gill, Head of Product bei der Micro:bit Educational Foundation, erklärte: Jedes Kind verdient die Chance, mit Technologie zu gestalten, unabhängig von seinen Fähigkeiten, so Gill.

Im Vergleich: Andere Durchbrüche für digitale Teilhabe

Die Geschichte der digitalen Barrierefreiheit zeigt, dass solche Durchbrüche oft lange auf sich warten lassen. NVDA (NonVisual Desktop Access), der meistgenutzte kostenlose Screen-Reader der Welt, wurde 2006 von zwei blinden Entwicklern aus Australien, Michael Curran und James Teh, veröffentlicht. Er machte den Desktop-Computer für Sehbehinderte weltweit erst wirklich nutzbar und ist heute in über 50 Sprachen verfügbar. Das Cochlea-Implantat, Technologie zur Hörrestauration, brauchte nach seiner klinischen Einführung in den 1980ern rund 15 Jahre bis zur Regelversorgung in deutschen Krankenkassen. Es trägt heute etwa 25.000 Menschen in Deutschland laut der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft.

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Mit MakeCode verläuft der Prozess schneller. Die Micro:bit-Plattform wird in über 60 Ländern in Schulen eingesetzt; die Barrierefreiheits-Lösung entsteht nicht als Nachzügler, sondern als aktiv entwickelter Standard innerhalb des Plattform-Ökosystems.

Wer als nächstes profitiert

Die Blockly-Technologie von Google bildet die technische Grundlage nicht nur für MakeCode, sondern auch für Scratch (über 100 Millionen registrierte Nutzerinnen und Nutzer weltweit), MIT App Inventor und CodeAI. Die im Rahmen des MakeCode-Projekts entwickelten Zugänglichkeits-Verbesserungen fließen in die Open-Source-Basis von Google Blockly ein und können damit in all diese Plattformen übernommen werden.

Das European Disability Forum, das über 100 Millionen Menschen mit Behinderungen in Europa vertritt, hat wiederholt auf die systematische Unterversorgung behinderter Kinder mit digitaler Bildung hingewiesen. Der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat im Rahmen der CRPD-Überprüfungen mehrfach kritisiert, dass digitale Lernmittel in vielen Ländern nicht zugänglich gestaltet werden. Der EU Accessibility Act verpflichtet Unternehmen in der EU seit 2025 zur Barrierefreiheit digitaler Produkte; sein Einfluss auf Bildungsplattformen ist noch begrenzt, aber der Erwartungsdruck auf Schulen und Softwareanbieter steigt.

Microsoft und die Micro:bit Educational Foundation benennen sechs Millionen Kinder weltweit als potenzielle Zielgruppe. Ob diese Zahl je vollständig erreicht wird, hängt davon ab, ob ähnliche Lösungen für die anderen Blockly-Plattformen tatsächlich umgesetzt werden und ob Schulen in einkommensschwachen Ländern überhaupt Zugang zu assistiver Technologie wie Screen-Readern haben. Das technische Problem ist gelöst. Das Zugangs-Problem bleibt.

Quellen (9)

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