Matrjoschka: Russland überschwemmt Wahlkampf mit Fakes
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Matrjoschka: Russland überschwemmt Wahlkampf mit Fakes

Seit Ende Juni produziert die russische Social Design Agency täglich neue Fake-Videos und gefälschte Zeitungstitelseiten über deutsche Kommunal- und Landespolitiker. Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnte am 12. August öffentlich vor dem Matrjoschka-Netzwerk, das alle Parteien ins Visier nimmt, außer AfD und BSW.

Quellen (9)
  1. EU News: Operation Matryoshka – Wie Russland Deutschlands Wahlen beeinflussteunews.it
  2. Tech Times: Kremlin-Bots lassen AfD unangetastettechtimes.com
  3. ZDF heute: Matrjoschka-Kampagne trifft Landespolitikerzdfheute.de
  4. NZZ: Russische Desinformation im Visier der deutschen Wahlennzz.ch
  5. Kyiv Post: Russlands Desinformationskrieg zielt auf Deutschlands Kommunalwahlenkyivpost.com
  6. The Ins: German counterintelligence warns of Russian Matryoshka bot campaigntheins.press
  7. NewsGuard: Russia's Influence Campaign Aims to Divide Germanynewsguardtech.com
  8. EU Today: Russian Matryoshka Campaign – Fabricated Media Reportseutoday.net
  9. Tagesspiegel: Fake-Kampagne macht Stimmung vor Landtagswahlentagesspiegel.de
17. August 2026, 12:42 Uhr764 Wörter · 4 Min. Lesezeit

723 Fälschungen, ein konsistentes Muster: Keine einzige richtet sich gegen AfD- oder BSW-Kandidierende. Die russische Social Design Agency produziert seit Ende Juni täglich neue Deepfake-Videos und gefälschte Zeitungstitelseiten, die Politiker aller anderen demokratischen Parteien diskreditieren. Am 12. August nannte das Bundesamt für Verfassungsschutz das Matrjoschka-Netzwerk öffentlich beim Namen und warnte vor einer koordinierten Einflussoperation, die auf vier Wahltermine im September abzielt. Dahinter steckt nach Einschätzung westlicher Sicherheitsbehörden eine Kreml-finanzierte Einheit für hybride Kriegsführung.

Was die Kampagne täglich produziert

Das Matrjoschka-Netzwerk, benannt nach der russischen Schachtelpuppe, produziert Inhalte, die das Design bekannter Medienmarken imitieren: ARD, BBC, Spiegel, Deutsche Welle, Tagesspiegel. Videos im Look dieser Medien enthalten gefälschte Berichte über regionale Politikerinnen und Politiker, die angeblich den Wiederaufbau der Berliner Mauer fordern, Korruption begünstigen oder in Skandale verwickelt sein sollen. Einige Fälle enthielten Deepfake-Pornografie.

Die Medienbewertungsagentur NewsGuard hat bis Ende Juli 2026 insgesamt 723 solcher Fälschungen identifiziert, die das Layout von 134 deutschen und internationalen Newsbrands imitieren. Damit hat sich die Produktionsrate im Vergleich zur Vorgängerkampagne "Doppelgänger", die seit mehreren Jahren läuft, deutlich erhöht. Bei Doppelgänger wurden echte Nachrichtenseiten mit falschen Inhalten kopiert. Matrjoschka geht einen Schritt weiter: Es werden kurze, täglich wechselnde Video-Inhalte produziert, die in sozialen Netzwerken breiter viralisieren als statische Textseiten.

Eine neue Zielgruppe: Kommunal- und Landespolitiker

Bisherige russische Desinformationskampagnen konzentrierten sich vorwiegend auf bundespolitische Spitzenfiguren. Das unterscheidet Matrjoschka: Im Visier stehen jetzt Kreisrätinnen, Bürgermeisterkandidaten und Landtagsabgeordnete, die medial kaum auftreten und keine eigene Gegenkommunikation aufgebaut haben. Für sie ist ein virales Fake-Video schwieriger zu widerlegen als für einen Bundesminister mit Pressestab.

Der kollektiv taktische Vorteil für die SDA liegt auf der Hand: Wer regionale Politikerinnen diskreditiert, destabilisiert das Vertrauen in politische Repräsentation auf der Ebene, auf der die meisten Menschen Demokratie erleben, nämlich lokal. Antibot4Navalny, ein anonymes Kollektiv, das russische Desinformationskampagnen monitort, identifizierte das Matrjoschka-Netzwerk als Urheber anhand von Infrastrukturmustern und Verbreitungskanälen, die auch aus früheren Operationen bekannt sind.

Die politische Lücke: AfD und BSW unangetastet

Das konsistenteste Merkmal der Kampagne ist, was sie nicht angreift. Kandidatinnen und Kandidaten der AfD und des BSW tauchen in keiner der 723 identifizierten Fälschungen als Zielscheibe auf. Betroffen sind CDU, SPD, Grüne, FDP, Linke und kleinere demokratische Parteien. Das Muster deckt sich mit dem Verhalten bei früheren russischen Wahlinterventionen: Gefördert werden diejenigen, die Russlands Positionen unterstützen oder keine scharfe Kritik üben. Destabilisiert werden die anderen.

NewsGuard und das Atlantic Council Digital Forensic Research Lab haben dieses Muster auch in anderen europäischen Ländern beobachtet, in denen Russland Desinformationskampagnen betrieb: Frankreich 2022, Moldau 2024, Rumänien 2024. In Deutschland ist es 2026 das erste Mal, dass die Kampagne so explizit auf Kommunal- und Landesebene zielt.

Was der Verfassungsschutz am 12. August warnte

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) gab am 12. und 13. August 2026 eine öffentliche Warnung heraus, in der es das Matrjoschka-Botnet direkt als Infrastruktur einer koordinierten Einflusskampagne benannte. Das BfV erklärte, die Kampagne sei auf drei Wahltermine im September ausgerichtet. Konkret: die Landtagswahl Sachsen-Anhalt am 6. September, die Kommunalwahlen in Niedersachsen am 13. September sowie die Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September.

Es ist ungewöhnlich, dass das BfV ein russisches Desinformationsnetzwerk öffentlich und namentlich benennt. Sicherheitsbehörden tun dies in der Regel, wenn sie die Bedrohung als akut und öffentlich hinreichend bekannt einschätzen, um Aufklärungsarbeit leisten zu müssen. Die Tatsache, dass die Warnung drei Wochen vor dem ersten Wahltermin erging, deutet darauf hin, dass die Behörde eine kurzfristige Eskalation erwartet.

Das Ausmaß: Reichweite und Verbreitungsgeschwindigkeit

Die 723 identifizierten Fälschungen sind jene, die NewsGuard bis Ende Juli erfassen konnte. Tatsächlich dürfte die Zahl höher liegen, weil viele Videos in geschlossenen Telegram-Gruppen zirkulieren, die keine systematische Außenbeobachtung erlauben. Die Aktivisten von Antibot4Navalny beobachteten, dass einzelne Clips innerhalb von 24 Stunden Hunderttausende Views auf deutschsprachigen Kanälen erreichten, bevor Plattformmoderatoren eingreifen konnten. Laut einer Analyse des Atlantic Council wurde die Verbreitung durch das Moskauer Pravda-Mediennetzwerk verstärkt, das Inhalte in mehreren Sprachen über eigene Accounts weiterreichte.

Zwischen Aufklärung und Gegenwirkung

Welche Gegenmaßnahmen existieren, ist begrenzt. Plattformen wie Meta und TikTok haben zugesagt, gemeldete Fälschungen zu entfernen, kommen mit der Produktionsrate jedoch nicht mit. Eine gesetzliche Grundlage, die Plattformen zur Vorab-Kennzeichnung solcher Inhalte verpflichtet, liegt mit dem EU Digital Services Act vor, wird aber unterschiedlich konsequent durchgesetzt. Das Bundesdigitalministerium prüft nach Angaben aus Berliner Regierungskreisen, ob für die verbleibenden Wochen vor den Wahlen beschleunigte Meldeverfahren eingeführt werden können.

Für Wählerinnen und Wähler bleibt als praktische Empfehlung, was Medienforscher seit Jahren fordern: Bei überraschenden Anschuldigungen gegen lokale Politikerinnen die Originalquelle prüfen, die Glaubwürdigkeit des Mediums einschätzen und im Zweifel die Faktenchecks der öffentlich-rechtlichen Sender nutzen. Eine Kampagne, die täglich 723 Fälschungen produziert, ist im Einzelfall schwer zu erkennen, aber im Muster unverkennbar.

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