
Vier Verlage, eine Debatte: Deutschlands Medienproblem
Quellen (18)
- KEK: Siebter Konzentrationsbericht 2022kek-online.de
- Statista: Axel Springer Marktanteile und Kennzahlende.statista.com
- Absatzwirtschaft: Google Amazon Meta kassieren über die Hälfte des Werbemarktsabsatzwirtschaft.de
- MEEDIA: Google Amazon Meta greifen 51,6 Prozent der deutschen Werbeinvestitionenmeedia.de
- Reporter ohne Grenzen: Rangliste Pressefreiheit 2026reporter-ohne-grenzen.de
- DFJV: RSF-Rangliste Pressefreiheit 2026 wieder verschlechtertdfjv.de
- LobbyControl: Springer-Konzern und KKR-Einflussnahmelobbycontrol.de
- Medienanstalten: Studie News-Aggregatorendie-medienanstalten.de
- Heise Online: Medienanstalten sehen Google-Vorherrschaft bei News-Aggregatorenheise.de
- TAZ: Medienkonzentration in Deutschlandtaz.de
- BPB: Medienkonzentration und Medienvielfaltbpb.de
- Bundestag Lobbyregister: BDZVlobbyregister.bundestag.de
- DWDL: Funke übernimmt zahlreiche Springer-Titeldwdl.de
- DWDL: EU genehmigt RTL die Übernahme von Sky Deutschlanddwdl.de
- KEK: 27. Jahresbericht 2025kek-online.de
- Die Medienanstalten: KEK Kommission zur Konzentrationskontrolledie-medienanstalten.de
- Verdi: Drehtüren und Seitenwechsler im Mediensektormmm.verdi.de
- Euractiv: Pressefreiheit und Medienkonzentration in Europaeuractiv.de
Axel Springer hält 83,1 Prozent des deutschen Boulevardzeitungsmarkts. Google, Amazon und Meta kassieren 2026 erstmals mehr als die Hälfte aller deutschen Werbeinvestitionen, zusammen 16,3 Milliarden Euro. In Deutschland, das sich als pluralistische Demokratie versteht, sind Presse und Werbeeinnahmen doppelt konzentriert: bei wenigen Verlagsgruppen einerseits, bei drei US-amerikanischen Technologiekonzernen andererseits. Die Regulierung hinkt weit hinterher. Das zentrale Aufsichtsgremium KEK hat kein Mandat über digitale Plattformen. Eine wirksame Reform, seit Jahren überfällig, bleibt aus.
83 Prozent und vier Verlage
Der Siebte Konzentrationsbericht der KEK, erschienen 2022, zeichnet ein klares Bild: Im Segment der Boulevardzeitungen hält die Axel Springer SE einen Marktanteil von 83,1 Prozent. Bild, B.Z. und Welt kompakt erscheinen unter dem Dach desselben Konzerns. Gemessen an der täglichen Leserreichweite entspricht das einer faktischen Monopolstellung im massenwirksamsten Printformat Deutschlands.
Der Gesamtmarkt für Tageszeitungen ist weniger extrem, aber ähnlich auffällig konzentriert: Die vier größten Verlagsgruppen vereinen 35,4 Prozent des Markts auf sich. In einem föderalen Land mit historisch gewachsener regionaler Presselandschaft ist das kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Jahrzehnten an Übernahmen und Konsolidierungen.
Springer selbst hat sich dabei mehrfach neu erfunden. Die Funke Mediengruppe erwarb 2014 mehrere ehemals Springer-eigene Regionalzeitungen: Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost wechselten für 920 Millionen Euro den Besitzer. Springer zog sich aus dem regionalen Zeitungsgeschäft zurück und konzentrierte sich auf nationale Reichweitenmedien sowie das digitale Rubrikengeschäft mit Stepstone und Idealo.
Seit 2019 ist der US-amerikanische Private-Equity-Konzern KKR Hauptaktionär. Der Börsenrückzug wurde 2020 vollzogen, ein öffentlicher Kontrollmechanismus durch Aktionärsstrukturen damit eliminiert. Im September 2024 verständigten sich KKR und Springer auf eine Aufspaltung: Das Nachrichtengeschäft mit Bild und Welt sowie Politico Europe trennt sich vom Kleinanzeigengeschäft. Ein US-Finanzinvestor kontrolliert damit direkt die reichweitenstärksten deutschen Boulevardmedien, ohne Börsennotierung, ohne öffentliche Transparenzpflicht für den täglichen Betrieb.
LobbyControl hat in einer Analyse dokumentiert, wie KKR als Hauptaktionär die Struktur des Konzerns nutzte, um politische Zugänge zu erschließen. Für die Frage redaktioneller Unabhängigkeit ist das relevant: Wenn ein Renditedruck-getriebener Finanzinvestor die Eigentümerrolle übernimmt, verändert sich der institutionelle Rahmen, in dem Chefredaktionen arbeiten. Springers interner Redaktionskodex, der journalistische Unabhängigkeit als Grundprinzip nennt, ist keine externe Überprüfung, sondern eine Selbstverpflichtung.
Wer den Journalismus nicht mehr finanziert
Während Verlagskonzerne die öffentliche Wahrnehmung über Eigentümerstrukturen prägen, findet die entscheidende Finanzierungsverschiebung im Werbemarkt statt. Laut Prognosen der Branchenvereinigung Die Mediaagenturen für 2026 vereinen Google, Amazon und Meta erstmals mehr als die Hälfte aller deutschen Netto-Werbeinvestitionen auf sich: 51,6 Prozent, entsprechend 16,3 Milliarden Euro. Google allein erzielt 8,175 Milliarden Euro (plus 4,7 Prozent gegenüber Vorjahr), Meta 5,161 Milliarden Euro (plus 9,1 Prozent), Amazon 2,966 Milliarden Euro (plus 10 Prozent).
Für Zeitungsredaktionen sind diese Zahlen existenziell. Werbung, die früher Tageszeitungen querfinanzierte, fließt heute in Suchanzeigen und Social-Media-Anzeigen. Der Gesamtmarkt für Netto-Werbeumsätze beläuft sich auf 31,6 Milliarden Euro. Nach Abzug der drei Plattformriesen verbleiben 15,3 Milliarden Euro für alle anderen Medien zusammen: lokale Zeitungen, Radiosender, Streaming-Dienste, Fachmedien, Außenwerbung.
Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) kritisiert diese Entwicklung. Verlage produzierten Journalismus, den Plattformen distribuierten und damit Werbegelder verdienten, ohne die Produzenten angemessen zu entlohnen. Newsbundling-Lizenzen, wie Google sie anbietet, blieben nach Verlagseinschätzung weit unter dem tatsächlichen Wert der Inhalte. Der BDZV wendete 2023 allein 680.000 Euro für Lobbyismus auf; alle Verlagsverbände zusammen über 1,6 Millionen Euro. Die Interessenvertretung gegenüber der Politik ist gut finanziert. Die Newsrooms, für die sie eintritt, schrumpfen trotzdem.
Besonders folgenreich ist die Rolle der Nachrichtenaggregatoren. Laut einer Studie der Medienanstalten nutzen 42 Prozent der deutschen Bevölkerung Dienste wie Google Discover oder Google News als primären Nachrichtenzugang, bei den 14- bis 29-Jährigen sind es zwei Drittel. Welche Nachricht in welcher Reihenfolge erscheint, entscheidet ein proprietärer Algorithmus. Kein deutsches Gremium hat Einblick in diese Entscheidungslogik. Heise Online berichtete, dass die Medienanstalten Googles Vorherrschaft bei News-Aggregatoren als strukturelles Regulierungsproblem einordnen, ohne bislang rechtliche Handhabe zu haben.
Was die KEK nicht regulieren kann
Die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) ist das zentrale Regulierungsinstrument des deutschen Medienrechts. Die sechsköpfige unabhängige Kommission überwacht die Meinungsmacht im privatrechtlichen Rundfunk, genehmigt Lizenzen und prüft Fusionen. Was sie nicht kann: digitale Plattformen regulieren, Algorithmen transparenzpflichtig machen oder Printkonzentrationen untersuchen.
Der 27. KEK-Jahresbericht (2025) formuliert die Forderung deutlich: Das Medienkonzentrationsrecht bedarf einer grundlegenden Reform. KEK-Vorsitzender Georgios Gounalakis verwies auf den European Media Freedom Act (EMFA), der EU-Mitgliedstaaten zu einem plattformübergreifenden Ansatz der Meinungsvielfaltssicherung verpflichtet. Dieser sei mit dem deutschen Ansatz, der Rundfunk, Print und Online getrennt betrachtet, strukturell unvereinbar. Deutschland muss sein Medienrecht anpassen.
Wie dringend das ist, zeigt das Beispiel der RTL-Sky-Übernahme. Die EU-Kommission genehmigte sie am 22. April 2026 bedingungslos, RTL Group schloss sie am 1. Juni 2026 ab. Entstanden ist ein TV-Schwergewicht mit 12,3 Millionen zahlenden Abonnenten unter den Marken RTL, RTL+, Sky und WOW. Die KEK konnte den Prozess begleiten, aber kein deutsches Gremium stellte die grundlegende Frage, wie ein Unternehmen mit einer solchen kombinierten Reichweite auf Meinungsvielfalt geprüft werden sollte.
Gleichzeitig ziehen Streamingdienste die junge Bevölkerung aus dem linearen Fernsehen. Netflix hält in Deutschland 25 Prozent, Amazon Prime 26 Prozent, Disney+ 19 Prozent Marktanteil unter Streaming-Anbietern. Zusammen mit der RTL-Sky-Fusion entsteht ein Informations- und Unterhaltungsmarkt, in dem wenige globale Konzerne die Aufmerksamkeit der Bevölkerung kanalisieren. Für die KEK, deren Regulierungslogik auf linearem Rundfunk aufbaut, ist das weitgehend Terra incognita.
Das Demokratieproblem hinter den Zahlen
Deutschland belegt in der RSF-Rangliste der Pressefreiheit 2026 Platz 14, drei Positionen schlechter als im Vorjahr. Reporter ohne Grenzen nennt als Ursachen wachsende Bedrohungen für Journalist*innen im Netz, Polarisierung und einen strukturellen Glaubwürdigkeitsverlust. Weltweit, so RSF, lebt nur noch ein Prozent der Weltbevölkerung in Ländern mit guter Pressefreiheit.
Für die Bundesebene fehlen strukturelle Gegengewichte. Der Drehtür-Effekt ist dokumentiert: Verdi-Recherchen zeigen Seitenwechsel zwischen Verlagshäusern, politischen Stiftungen und Regierungsbüros, ohne dass strukturelle Interessenkonflikte transparent gemacht werden. Die Branchenlobby investiert Millionen in politische Einflussnahme, die Transparenz über Eigentümerstrukturen und Interessenverflechtungen bleibt begrenzt.
Eine NDR-Umfrage von Februar 2023 ergab, dass 76 Prozent der Deutschen den politischen Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für zu groß halten. Der Befund ist aufschlussreich: Bürgerinnen und Bürger diskutieren primär die öffentlich-rechtliche Einflussnahme. Gleichzeitig übernehmen Private-Equity-Firmen die größten privaten Nachrichtenhäuser, ohne vergleichbare öffentliche Debatte. Beide Problemfelder, öffentliche und private Einflussnahme, werden kaum zusammen betrachtet.
Was im offiziellen Diskurs fehlt, ist eine Diskussion der strukturellen Alternativen. Skandinavische Länder zeigen, dass es Modelle gibt: Schweden (Platz 4 RSF) und Norwegen (Platz 1 RSF) kombinierten stärkere öffentlich-rechtliche Sender mit direkter Presseförderung und strikteren Eigentumsregeln. Deutschland hat keines dieser Instrumente. Eine Plattformabgabe, die Werbeplattformen an der Finanzierung von Journalismus beteiligt, scheitert bisher an politischen Mehrheiten. Stärkere Eigentumsregeln nach britischem Vorbild, die Cross-Media-Konzentrationen begrenzen, sind kein Thema im Koalitionsvertrag. Die Frage, ob der Staat regionalen Journalismus direkt fördern sollte wie etwa Frankreich, wird hierzulande kaum gestellt.
EMFA-Umsetzung: Der Reformdruck aus Brüssel
Die Verpflichtung liegt auf dem Tisch: Deutschland muss den European Media Freedom Act (EMFA) in nationales Recht umsetzen. Der EMFA verlangt unter anderem Transparenz über Eigentümerstrukturen von Medienunternehmen, Schutz vor politischem Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen und einen plattformübergreifenden Ansatz der Vielfaltssicherung. Das ist eine Neukalibrierung des deutschen Medienrechts, weit über die bisherige KEK-Logik hinaus.
Die KEK hat für 2026 einen Expertenworkshop zu systemischen Risiken für die Meinungsvielfalt auf digitalen Plattformen angekündigt. Dieser Workshop ist ein erster Schritt, aber kein Gesetz. Reporter ohne Grenzen hat im Kontext der Ranglisten-Veröffentlichung 2026 kritisiert, dass Koalitionsvertrag-Versprechen zur Medienkonzentrationsreform stagnieren und kein verbindlicher Zeitplan existiert.
Für die 83 Millionen Menschen in Deutschland, die täglich auf Medien angewiesen sind, ist das keine abstrakte Verwaltungsfrage. Ein Konzern beherrscht acht von zehn deutschen Boulevardzeitungen, drei US-Konzerne kassieren jeden zweiten Werbeeuro und die Regulierungsbehörde hat kein Mandat gegen die entscheidenden Machtverschiebungen. Bis die EMFA-Umsetzungsfrist abläuft, entscheiden politische Mehrheiten, ob Deutschland dieses Fenster nutzt.
Kommentare