Drei Tote: Ukraine greift Moskau mit 556 Drohnen an
Sergej Sobjanin, Bürgermeister von Moskau, bestätigte die Explosionen in der Nacht kurz nach Mitternacht auf seinem Telegram-Kanal. Was er nicht erwähnte: Im Dorf Pogorelki zehn Kilometer nördlich der Hauptstadt lagen da bereits zwei Männer tot. In Chimki war eine Frau gestorben. Die Ölraffinerie Kapotnja im Südosten der Hauptstadt brannte. Russlands Verteidigungsministerium erklärte später, alle 556 ukrainischen Drohnen seien abgefangen worden. Es ist der bisher schwerste ukrainische Drohnenangriff auf Moskau seit mehr als einem Jahr.
Was in der Nacht über dem Großraum Moskau geschah
Russlands Verteidigungsministerium erklärte, alle 556 Drohnen seien abgefangen worden. Die Bilanz dieser Nacht widerspricht dieser Darstellung: Drei Menschen sind tot, zwölf verletzt und in der Raffinerie Kapotnja brannte es. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin bestätigte kurz nach Mitternacht Ortszeit, dass Drohnen in mehrere Bezirke der Hauptstadt sowie in die Nachbarstädte Chimki und Podolsk eingedrungen seien. Die Luftverteidigung habe die Mehrzahl abgefangen; einige seien dennoch eingeschlagen.
Der Angriff traf das Stadtgebiet aus mehreren Richtungen gleichzeitig. Russlands Verteidigungsministerium nannte 16 Regionen, in denen Drohnen abgefangen worden seien. Das deutet darauf hin, dass die Ukraine die russische Luftabwehr durch flächendeckende Angriffe überlasten wollte. Das ist dieselbe Taktik, die Russland seit Monaten gegen die ukrainische Luftabwehr anwendet. Die Raffinerie Kapotnja liegt im Südosten Moskaus und versorgt die Hauptstadt mit einem erheblichen Teil ihres Treibstoffbedarfs.
Selenskyjs Botschaft: Langstreckensanktionen
Präsident Selenskyj kommentierte den Angriff innerhalb weniger Stunden öffentlich. "Diesmal haben ukrainische Langstreckenfähigkeiten die Moskauer Region erreicht", schrieb er auf Telegram. "Wir sagen den Russen klar: Ihr Staat muss seinen Krieg beenden." Er bezeichnete den Angriff als "vollkommen faire Antwort" auf russische Drohnenangriffe auf ukrainische Städte.
Der Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) bestätigte den Angriff und nannte die Ziele: militärische und industrielle Infrastruktur, darunter Anlagen zur Halbleiterproduktion, Treibstoffpumpstationen und Luftabwehrsysteme. Alle Ziele lägen mehr als 500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Die Nennung von Halbleiteranlagen ist bemerkenswert: Der Großraum Moskau beherbergt Teile der russischen Rüstungselektronik-Fertigung, die für Drohnensysteme und Präzisionsraketen benötigt werden. Gezielt angegriffene Produktionskapazitäten können die russische Angriffslogistik mittelfristig empfindlicher treffen als zerstörte Einzelfahrzeuge an der Front.
Die Bezeichnung "Langstreckensanktionen" folgt einer strategischen Linie: Die Ukraine greift seit Monaten russische Ölraffinerien, Munitionsfabriken und Infrastrukturknoten tief auf russischem Territorium an. Die Rosneft-Raffinerie in Rjasan brannte erst am 15. Mai; jetzt traf es die Kapotnja-Raffinerie in Moskau selbst. Mit jedem erfolgreichen Treffer auf industrielle Ziele demonstriert Kiew, dass Russlands Rüstungsproduktion nicht hinter einer sicheren Linie liegt.
Der Auslöser: Russlands Massenangriff drei Tage zuvor
Der Angriff auf Moskau folgt auf das, was Kiew als den massivsten russischen Luftangriff seit Kriegsbeginn bezeichnet: Am 13. und 14. Mai setzte Russland mehr als 1.560 Drohnen und 56 Raketen ein. Ein Wohnhaus im Kiewer Stadtteil Darnytsia stürzte vollständig ein; 24 Menschen starben, darunter drei Kinder. Ukrainische Luftabwehrsysteme fingen nach eigenen Angaben 97 Prozent der Drohnen ab, doch die Zahl der Geschosse war so groß, dass selbst die durchgekommene Restmenge verheerende Wirkung hatte.
Das Muster der Eskalation auf beiden Seiten hat sich in den vergangenen Wochen verschärft. Nach dem Ende der dreitägigen russischen Waffenruhe am 12. Mai griff Russland sofort wieder an, zuerst mit kleineren Drohnenwellen, dann mit dem Massenangriff vom 13. Mai. Die Ukraine hatte bis zu diesem Zeitpunkt auf groß angelegte direkte Gegenangriffe auf die russische Hauptstadt weitgehend verzichtet. Kleinere Angriffe auf Moskauer Vororte gab es in den vergangenen Monaten vereinzelt; ein koordinierter Angriff mit mehr als 500 Drohnen auf die Region Moskau ist ein anderes Signal.
Russland reagierte auf den Angriff zunächst nur mit der Erklärung, alle Drohnen seien abgefangen worden. Eine Vergeltung blieb vorerst aus. Das könnte sich ändern: Der bisherige Kriegsverlauf zeigt, dass Russland auf ukrainische Angriffe auf sensible Ziele regelmäßig mit verstärkten Bombardements ukrainischer Städte antwortet.
Zwei Tage vor Putins Peking-Besuch
Der Zeitpunkt des Angriffs ist politisch nicht zufällig. Am 19. und 20. Mai reist Wladimir Putin zu Xi Jinping nach Peking. Formell ist der 25. Jahrestag des russisch-chinesischen Nachbarschaftsvertrags der Anlass; die Ukrainelage gilt trotz fehlender offizieller Tagesordnung als sicher diskutiertes Thema. Washington hatte im Februar 2026 eine Junifrist für ein Friedensabkommen gesetzt; bis heute hat es keine trilateralen Gespräche zwischen den USA, Russland und der Ukraine gegeben. Am 14. Mai lehnte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow zudem die EU als Vermittlerin ab.
Indem die Ukraine Moskau drei Tage vor Putins Peking-Reise angreift, sendet Kiew ein Signal in zwei Richtungen. An Putin: Der Krieg kostet auch Russland und wird im Herzen der Hauptstadt spürbar. An Xi und Washington: Kiew wird seine Verhandlungsposition nicht durch Zurückhaltung verbessern. Eine offizielle westliche Reaktion auf den Angriff blieb zunächst aus. Die USA und europäische Regierungen haben bislang keine öffentlichen Kommentare zu ukrainischen Angriffen tief auf russischem Territorium abgegeben. Welche Waffen dabei eingesetzt werden dürfen und wie weit die Ukraine gehen kann, bleibt politisch weiterhin ungeklärt und bildet den stillen Hintergrund jedes Drohnenangriffs auf Moskau.
Aktualisierungen
Update 20. Mai, 09:05 Uhr: In seiner Abendansprache am 17. Mai bezeichnete Selenskyj den Angriff als Beginn einer neuen Phase des Krieges. Die Ukraine verfüge nun über die Fähigkeit, Ziele bis zu 1.500 Kilometer tief in russisches Territorium zu treffen, sagte er mit Blick auf Drohnenangriffe auf die Industriestadt Orenburg nahe der kasachischen Grenze, die in den Tagen nach dem Moskau-Angriff stattfanden. Das Internationale Institut für Strategische Studien (IISS) beziffert den Anteil von Drohnen an den Frontverlusten beider Seiten auf bis zu 80 Prozent, gemessen für das Jahr 2025. Kiew setzt diese Reichweite zunehmend als wirtschaftliches Instrument ein: Angriffe auf Raffinerien, Treibstofflager und Logistikzentren tief im Hinterland sollen Russlands Kriegswirtschaft über Distanz treffen.
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