Project Aion enthüllt: Microsofts Windows ohne Startmenü
In einem geleakten Video, das am 2. Juli 2026 auf dem Discord-Server von BetaWiki auftauchte, arbeitet ein Windows-Rechner ohne Startmenü, ohne Taskleiste, ohne klassisches Dateisystem. Stattdessen eine multimodale Eingabeleiste in der Bildschirmmitte, darunter Copilot als alleinige Navigationsoberfläche. Das Projekt heißt Aion, es stammt aus Microsofts internem Entwicklungslabor und es stellt eine Frage, die sich Microsoft bislang nicht offiziell gestellt hat: Was wäre, wenn Windows nicht mehr die Benutzeroberfläche wäre, sondern Copilot?
Was ist Projekt Aion?
Aion ist keine Neuerfindung des Betriebssystems im technischen Sinne. Es ist eine Shell, also eine Oberfläche, die auf einer abgespeckten Windows-Version namens „Win3“ aufsetzt und den Microsoft-Edge-Browser als Rendering-Engine nutzt. Windows Central, die das Videomaterial von Quellen erhielten und als authentisch bestätigten, beschreiben Aion als plattformunabhängiges Projekt: Es laufe sowohl auf Windows 11 als auch auf Android (AOSP).
Die Oberfläche selbst ersetzt die vertraute Windows-Umgebung vollständig. Das primäre Eingabegerät ist eine multimodale Omnibox, über die Nutzer Texteingaben machen, Dateien suchen, Webseiten öffnen oder Copilot-Konversationen starten können. Eine Funktion namens „Spaces“ gruppiert Apps und Webseiten automatisch in thematische Arbeitsbereiche, auf die Nutzer später zurückgreifen können. Win32-Anwendungen wie Microsoft Word oder Excel laufen in Aion nicht nativ. Wer sie benötigt, erhält einen Link zu einem Windows-Cloud-PC, auf dem die Programme remote geöffnet werden können. Das bedeutet: Eine klassische Unternehmensumgebung mit lokaler Win32-Software wäre in diesem Modell vollständig von Microsofts Cloud-Infrastruktur abhängig.
Das geleakte Videomaterial ist nach Angaben von Windows Central etwa zwei Jahre alt. Ob Projekt Aion noch aktiv entwickelt wird, als internes Prototyp-Experiment eingestellt wurde oder als Ideengeber in andere Microsoft-Initiativen eingeflossen ist, hat das Unternehmen bislang nicht kommentiert.
Warum taucht das Leak jetzt auf?
Das Timing ist kein Zufall, auch wenn der Leak selbst zufällig entstand. Microsoft befindet sich mitten in einer aggressiven Copilot-Integrationsstrategie. Auf der Build-Konferenz im Juni 2026 präsentierte das Unternehmen Windows ausdrücklich als „Betriebssystem für KI-Agenten“: Entwickler sollen ihre KI-Anwendungen direkt in Windows einbetten können. Parallel rollte Microsoft Copilot auf Unternehmensgeräten aus. Nutzer, die dem nicht aktiv widersprachen, fanden den Assistenten auf ihren Rechnern installiert vor.
Projekt Aion lässt sich als internes Gedankenexperiment lesen, das diese Strategie zu Ende denkt. Wenn Copilot ohnehin zur zentralen Schnittstelle zwischen Nutzern und Computern werden soll, warum nicht die vertraute Windows-Oberfläche gleich ganz ersetzen? Das Leak zeigt, dass Microsoft diese Frage intern gestellt hat. Es zeigt aber auch, worin das Problem liegt: Der Wegfall nativer Win32-Unterstützung macht Aion für die meisten Unternehmensnutzer derzeit nicht praxistauglich.
Was das für Unternehmenskunden in der EU bedeutet
Noch bevor Projekt Aion die Öffentlichkeit erreichte, hatte sich in Europa Widerstand gegen Microsofts Copilot-Strategie formiert. Am 26. Juni 2026 eröffnete die italienische Kartellbehörde AGCM (Autorità Garante della Concorrenza e del Mercato) eine förmliche Untersuchung. Gegenstand ist der Vorwurf, Microsoft habe Copilot in Microsoft-365-Abonnements gebündelt, ohne Nutzer ausreichend zu informieren und gleichzeitig die Preise um bis zu 30 Prozent erhöht. Das Microsoft-365-Family-Paket stieg demnach von 99,99 auf 129,99 Dollar pro Jahr, das Personal-Paket von 69,99 auf 89,99 Dollar. Die AGCM prüft, ob Microsoft Verbraucher zu höherwertigen Tarifen mit KI-Funktionen drängte, ohne ihnen eine echte Wahlmöglichkeit zu geben. Es handelt sich nach Einschätzung von Windows News um die erste größere europäische Kartellklage, die sich spezifisch auf die Bündelung generativer KI-Dienste konzentriert.
Für Nutzer in der Europäischen Union gilt durch den Digital Markets Act (DMA) eine Ausnahmeregelung: Geräte, die im Europäischen Wirtschaftsraum registriert sind, sind von einer automatischen Copilot-Installation ausgenommen. Microsoft ist als Gatekeeper im Sinne des DMA eingestuft. Das Gesetz verbietet das Vorinstallieren von Software ohne echte Nutzerwahl und droht bei Verstößen mit Bußgeldern von bis zu zehn Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Datenschutzrechtlich ist die Lage komplizierter. Seit Mai 2026 ist für die meisten Unternehmenskunden von Microsoft 365 Copilot eine Funktion namens „Flex Routing“ aktiv. Sie erlaubt Microsoft, KI-Anfragen bei hoher Auslastung an Rechenzentren außerhalb der EU zu routen, etwa in den USA, Kanada oder Australien. Das betrifft auch Unternehmen, die EU-Datenschutzgrenze (EU Data Boundary) aktiviert haben. Seit Januar 2026 ist zudem der KI-Anbieter Anthropic als Subauftragnehmer für bestimmte Copilot-Funktionen tätig. Anthropic-Modelle sind ausdrücklich von der EU-Datenschutzgrenze ausgenommen, das heißt, Anfragen die über Anthropic verarbeitet werden, können auf US-Servern landen.
Kartellklage in Rom, EU-Frist am 2. August
Italiens AGCM hat noch keine Frist für den Abschluss ihrer Untersuchung genannt. Sollte die Behörde eine Verletzung des Verbraucherschutzrechts feststellen, drohen Microsoft Bußgelder und die Pflicht, Abo-Modelle ohne KI-Bündelung anzubieten. Die Entscheidung wird Präzedenzcharakter für andere europäische Regulierer haben, die Microsofts Vorgehen beobachten.
Parallel läuft eine EU-weite Deadline: Am 2. August 2026 tritt Artikel 50 der EU-KI-Verordnung in Kraft. Er verpflichtet Anbieter, KI-generierte Inhalte als solche zu kennzeichnen. Die Bundesnetzagentur ist als deutsche Aufsichtsbehörde benannt und erhält dafür 49 Millionen Euro jährlich. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis zu 15 Millionen Euro oder drei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Für Unternehmen wie Microsoft, die auf beiden Märkten tätig sind, bedeutet das parallele Regulierungsregime: In der EU sind die Regeln ab August rechtlich durchsetzbar, in den USA existiert lediglich ein freiwilliger Meldekanal für KI-Modelle.
Für Projekt Aion selbst bleibt die Lage offen. Microsoft hat nicht bestätigt, ob das Konzept weiterentwickelt wird, in bestehende Windows-Initiativen eingeflossen ist oder eingestellt wurde. Die nächste Gelegenheit für ein offizielles Statement wäre ein Herbst-Event, bei dem Microsoft traditionell neue Windows-Versionen ankündigt.
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