
Musiala und die Absencen: Epilepsie im Spitzensport
Quellen (7)
- Frankfurter Rundschau: Neue Details zur Erkrankungfr.de
- Tagesspiegel: Musiala fehlt im Supercuptagesspiegel.de
- n-tv: Kompany bestätigt Ausfall für Supercupn-tv.de
- Sportschau: Absencen – Was hinter dem Begriff stecktsportschau.de
- t-online: Musialas Zukunft beim FC Bayernt-online.de
- t-online: Max Eberl nennt neues Detailt-online.de
- ran.joyn: Medizinische Ursachen und Diagnoseran.joyn.de
„Das wünscht man keinem Menschen“, sagte Max Eberl, als der FC Bayern München die Diagnose seines Systemspielers öffentlich machte: Jamal Musiala leidet an Absencen, einer neurologischen Funktionsstörung und Form der Epilepsie. Zweimal war der 23-Jährige in der Saisonvorbereitung ohne erkennbaren äußeren Anlass auf dem Platz zusammengebrochen, einmal beim Telekom Cup gegen RB Leipzig, einmal in einem Freundschaftsspiel gegen den 1. FC Heidenheim. Beim Franz-Beckenbauer-Supercup gegen Borussia Dortmund fehlt er. Wie es weitergeht, hängt davon ab, wie gut die Medikation eingestellt werden kann.
Was sind Absencen?
Absencen, medizinisch auch als Absence-Epilepsie bezeichnet, sind kurze Episoden eingeschränkter Bewusstseinslage, die typischerweise zwischen fünf und zwanzig Sekunden dauern. Betroffene starren ins Leere, reagieren nicht auf Ansprache und können in atypischen Verläufen zu Stürzen führen, bevor sie wenig später wieder ansprechbar sind. Für Außenstehende wirken die Episoden oft wie ein kurzzeitiges Aussetzen oder ein Ohnmachtsanfall.
Im Unterschied zu den dramatischeren tonisch-klonischen Anfällen, dem sogenannten Grand-Mal, verlaufen Absencen ohne Zuckungen und hinterlassen häufig keine Erinnerung an die Episode selbst. Prof. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen, erklärte gegenüber deutschen Medien, die Erkrankung sei gut therapierbar: Ein Großteil der Betroffenen werde unter der richtigen Medikation anfallsfrei. Profifußball sei mit einer gut eingestellten Epilepsie grundsätzlich möglich.
Musialas Fall: Chronologie der Ereignisse
Nach Berichten der Frankfurter Rundschau zeigten sich erste Anzeichen der Erkrankung möglicherweise bereits beim Klub-WM-Turnier im Sommer 2025 in den USA, ohne dass damals eine öffentliche Kommunikation erfolgte. Bayern-Trainer Vincent Kompany bestätigte gegenüber Medien, dass Musiala zuletzt sein Behandlungsregime angepasst habe. Die Umstellung der Medikation hatte nach Kompanys Angaben einige Nebenwirkungen zur Folge, die zu den beiden Zusammenbrüchen in der Saisonvorbereitung beitrugen.
Medizinisch ist dieser Verlauf plausibel: Antiepileptika müssen individuell eingestellt werden und Dosisänderungen können vorübergehend zu erhöhter Anfallsfrequenz führen. Dass Bayern die Öffentlichkeit informiert hat, statt die Zusammenbrüche als Kreislaufprobleme zu bezeichnen, ist im Profifußball alles andere als selbstverständlich. Nach Informationen des Tagesspiegels war die Öffentlichkeit über die Erkrankung nicht vorab informiert worden.
Was die Diagnose für Musialas Alltag bedeutet
Eine Absence-Epilepsie, auch wenn sie gut therapierbar ist, stellt erhebliche Anforderungen an den Lebensstil. Betroffene müssen regelmäßige Schlafzeiten einhalten, starken Schlafmangel vermeiden und bekannte Auslöser meiden. Zu den Triggern gehören nach medizinischer Einschätzung unter anderem exzessives Flimmerlicht, extremer Stress und körperliche Erschöpfung ohne ausreichende Regeneration.
Für einen Profisportler, dessen Berufsalltag durch intensive Trainingsphasen, Reisen, Zeitzonenwechsel, mentalen Druck und Wettkämpfe unter Flutlicht geprägt ist, ist die Einstellung dieser Rahmenbedingungen eine dauerhafte Herausforderung. Fachleute schätzen, dass die Diagnose langfristig keine Karrierebeschränkung bedeuten muss, sofern die Medikation stabil eingestellt ist. Die aktuelle Phase ist die schwierigste: Bis das richtige Präparat in der richtigen Dosis gefunden ist, kann es Wochen oder Monate dauern.
Bayerns Umgang mit Transparenz
Der Umgang des FC Bayern mit Musialas Erkrankung verdient Beachtung. Profifußball ist eine Industrie, in der medizinische Informationen zu Spielern in der Regel hermetisch abgeschirmt werden, solange es rechtlich und sportlich möglich ist. Bayern hätte die Zusammenbrüche als Kreislaufprobleme oder Unwohlsein kommunizieren können, ohne direkt zu lügen.
Musiala selbst machte die Diagnose über soziale Medien öffentlich; Sportvorstand Max Eberl bestätigte sie und äußerte sich mit menschlicher Anteilnahme. Musialas Entscheidung zur Transparenz hatte vermutlich mehrere Motive: Sie schützt Musiala davor, von der Öffentlichkeit mit Spekulationen konfrontiert zu werden; sie ermöglicht eine informierte Debatte über Epilepsie im Sport; und sie zeigt Verantwortungsbewusstsein gegenüber einem Spieler, den Bayern als Systemspieler der nächsten Jahre betrachtet.
Für Musiala selbst ist die öffentliche Diagnose zweischneidig. Epilepsie ist in der Gesellschaft nach wie vor mit Stigma behaftet. Gleichzeitig trägt sein Bekanntheitsgrad dazu bei, dieses Stigma zu verringern. Dass der vielleicht beste deutsche Fußballer seiner Generation mit der Erkrankung offen umgeht, hat einen Aufklärungswert, den keine Kampagne ersetzen könnte.
Wann Musiala zurückkehren kann
Trainer Vincent Kompany gab sich nach dem Supercup-Ausfall zuversichtlich, ließ aber keine konkreten Termine für eine Rückkehr nennen. Medizinisch wird die Rückkehrentscheidung davon abhängen, ob die neue Medikationseinstellung stabil ist und keine weiteren unerwarteten Episoden auftreten. Für die Nationalmannschaft und den DFB ist die Situation ebenfalls relevant: Musiala gilt als unverzichtbar für Deutschlands Kader.
Prof. Kleinschnitz betonte, dass Epilepsie eine dauerhafte Therapie erfordere, aber bei guter Einstellung keine dauerhafte Einschränkung der Lebensqualität bedeuten müsse. Die Prognose ist gut, sofern die Einstellungsphase erfolgreich verläuft. Die ersten Bundesligaspieltage der Saison 2026/27 könnten für Musiala je nach Verlauf bereits wieder möglich sein oder noch ohne ihn stattfinden. Der FC Bayern wird keine Risiken eingehen, solange die Einstellung nicht als stabil gilt.
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