
Be My Eyes: NatWest hilft blinden Bankkunden
Quellen (6)
- Be My Eyes: NatWest Partnership Announcementbemyeyes.com
- Be My Eyes: 1 Million Users and 10 Million Volunteersbemyeyes.com
- Be My Eyes Business Blog: Future of AI in accessible customer servicebemyeyes.com
- NatWest: Online Accessibilitynatwest.com
- Be My Eyes: Banking Accessibilitybemyeyes.com
- Wikipedia: Be My Eyesen.wikipedia.org
Für blinde und sehbehinderte Menschen gehört Bankgeschäfte erledigen zu den Alltagsaufgaben, bei denen Unabhängigkeit oft schwer erreichbar ist: Formulare lesen, Kontoauszüge prüfen, Überweisungen kontrollieren. Seit dem 21. August 2026 bietet die britische Bank NatWest dafür eine neue Lösung an. Über die App Be My Eyes können Kundinnen und Kunden innerhalb von Sekunden einen Video-Call mit einem geschulten NatWest-Mitarbeiter starten, dessen Augen die Smartphone-Kamera des Kunden werden. NatWest ist damit die erste britische Bank, die dem Be My Eyes Service Connect beitritt.
Wie das Programm in der Praxis funktioniert
Der Ablauf ist nach Angaben von Be My Eyes bewusst einfach gehalten. Ein Kunde oder eine Kundin öffnet die Be My Eyes App, wählt NatWest aus einem Service-Verzeichnis aus und wird binnen Sekunden mit einem verfügbaren, geschulten NatWest-Mitarbeiter verbunden. Die Verbindung ist verschlüsselt; Finanzdaten werden laut NatWest geschützt behandelt.
Was die Methode von früheren Barrierefreiheitslösungen wie Kontoauszügen in Großdruck oder Braille unterscheidet: Sie ist synchron. Der Mitarbeiter kann in Echtzeit durch eine Aufgabe führen, nachfragen und reagieren. Wer beispielsweise einen Brief von der Bank nicht lesen kann oder unsicher ist, ob eine Überweisung korrekt ausgefüllt ist, bekommt unmittelbare Rückmeldung statt eine Telefonnummer für einen Rückruf.
Derzeit läuft das Programm als Pilot mit einer ausgewählten Gruppe von Kunden. Interessierte können sich per E-Mail für die Teilnahme anmelden. NatWest plant, die Lösung nach Auswertung des Pilots später in 2026 einer breiteren Gruppe zugänglich zu machen.
Der Bedarf ist konkret. Bankbriefe, PIN-Mitteilungen, Vertragsunterlagen, Online-Banking-Formulare: Die meisten Banking-Schnittstellen setzen Sehvermögen voraus. Audio-Geldautomaten, Telefonbanking und Kontoauszüge in Braille gehören seit Jahren zum Mindeststandard, den britische Banken unter dem Equality Act 2010 erfüllen müssen. Was diese Lösungen nicht abdecken, ist der situative Bedarf: eine Überweisung, bei der man unsicher ist; ein Brief, dessen Inhalt sich nicht einordnen lässt; ein Formular, das man ausgefüllt glaubt, aber nicht selbst kontrollieren kann. Genau dort setzt die Be My Eyes Integration an.
Im Vergleich: Be My Eyes und die Entwicklung der visuellen Assistenz
Be My Eyes wurde 2015 in Dänemark von Hans Jørgen Wiberg gegründet, der selbst sehbehindert ist. Die ursprüngliche Idee war einfach: Blinde Menschen können Freiwillige per Video-Call um Hilfe bitten, die dann mit ihrer Smartphone-Kamera beschreiben, was sie sehen. Das Prinzip funktionierte. Bis März 2026 hatte Be My Eyes über eine Million blinde Nutzerinnen und Nutzer sowie zehn Millionen Freiwillige in mehr als 150 Ländern und 180 Sprachen.
Bereits 2018 gewann Be My Eyes mit Microsoft den ersten Unternehmenspartner; 2021 baute es dieses Geschäft aus: Service Connect ermöglicht es Firmen, das Netzwerk für ihren Kundensupport zu nutzen, mit eigenen geschulten Mitarbeitern statt anonymer Freiwilliger. Microsoft, Samsung und Google gehören zu den frühen Unternehmenspartnern im Technologiebereich. NatWest ist die erste britische Bank, die dem Netzwerk beitritt und damit ein Vorreiter in einer Branche, in der digitale Barrierefreiheit bislang häufig bei Audio-Geldautomaten und Großdruckformularen gestoppt hat.
Welche Banken als Nächstes folgen könnten
Die Frage ist berechtigt: Wenn NatWest es kann, warum nicht andere? Der EU Accessibility Act, der seit 2025 in Kraft ist, verpflichtet Banken und andere Finanzdienstleister in der Europäischen Union, ihre digitalen Dienste barrierefrei zu gestalten. Für Länder wie Deutschland bedeutet das, dass Sparkassen, Volksbanken und Großbanken unter zunehmendem regulatorischen Druck stehen, echte Lösungen für blinde Kundschaft zu entwickeln.
Be My Eyes hat sein Business-Modell gezielt so aufgebaut, dass der Einstieg für Unternehmen niedrigschwellig ist: Keine eigene App, keine eigene Infrastruktur, nur geschultes Personal und eine Integration in das bestehende Netzwerk. Das macht Nachahmung einfacher als bei maßgeschneiderten Lösungen. Ob der Finanzsektor den Schritt in der Breite vollzieht, wird davon abhängen, wie der NatWest-Pilot bewertet wird und ob regulatorischer Druck irgendwann ausreicht, um freiwillige Piloten zur Standardpraxis zu machen.
Aktualisierungen
Korrektur 17. September, 19:43 Uhr: Eine Angabe berichtigt. Be My Eyes arbeitete schon seit Februar 2018 mit Microsoft als erstem Unternehmenspartner zusammen; 2021 wurde dieses Angebot ausgebaut, nicht begonnen.
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