Nordkoreas Boom: Waffen, Krypto und Putins Krieg
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Nordkoreas Boom: Waffen, Krypto und Putins Krieg

Kim Jong-uns Regime verdient an Putins Krieg Milliarden: durch Waffenlieferungen, Kryptodiebstähle und den Einsatz zehntausender Soldaten in der Ukraine. Heute feuerte Nordkorea die zweite Rakete in einer Woche ab.

Quellen (12)
  1. Handelsblatthandelsblatt.com
  2. KyivPostkyivpost.com
  3. Maritime Executivemaritime-executive.com
  4. Asia Timesasiatimes.com
  5. Eurasian Timeseurasiantimes.com
  6. Börse Expressboerse-express.com
  7. Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
  8. Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
  9. France 24france24.com
  10. Spiegel Auslandspiegel.de
  11. Ukrinform: Südkorea verweigert Waffenlieferungenukrinform.de
  12. Tagesspiegel: elfter Nordkorea-Raketentest 2026tagesspiegel.de
12. August 2026, 7:22 Uhr893 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Heute Morgen um sechs Uhr feuerte Nordkorea seine zweite ballistische Rakete innerhalb von sechs Tagen ab. Das Geschoss flog rund 700 Kilometer und landete im Meer zwischen der koreanischen Halbinsel und Japan. Diesmal war der Zeitpunkt kein Zufall: Die Vereinigten Staaten und Südkorea planen für den 17. August die jährlichen Ulchi-Freedom-Shield-Manöver, die Pjöngjang regelmäßig als Invasion auf Probe bezeichnet. Was der Test zeigt: Nordkorea kann sich diese Provokationen mittlerweile leisten, weil das Regime seit drei Jahren so viel Geld verdient wie noch nie.

Drei Jahre Wachstum trotz Sanktionen

Im Jahr 2024 wuchs die nordkoreanische Wirtschaft nach Einschätzung der südkoreanischen Zentralbank um 3,7 Prozent. Für ein Land, das seit Jahrzehnten unter UN-Sanktionen steht und dessen Bevölkerung außerhalb der Hauptstadt Pjöngjang von extremer Armut geprägt ist, ist das ein beachtlicher Wert. Der US-amerikanische Nordkorea-Experte Martyn Williams beobachtete bei einem Besuch in Pjöngjang 24 verschiedene Smartphonemarken und sechs bargeldlose Zahlungssysteme, darunter Geräte im Wert von 500 bis 2.000 US-Dollar. Das Wall Street Journal bezeichnete Nordkorea kürzlich als überraschendste wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre.

Der Widerspruch ist offensichtlich: Außerhalb von Pjöngjang leiden Millionen Menschen an Hunger und Unterversorgung. Doch das Regime verdient tatsächlich und es verdient an drei klar erkennbaren Quellen.

Das Dreisäulen-Modell der Kriegsfinanzierung

Die erste und lukrativste Säule sind Waffenlieferungen an Russland. Von August 2023 bis März 2025 schickte Nordkorea mindestens 15.809 Container nach Russland. Analysten schätzen deren Inhalt auf 4,2 bis 5,8 Millionen Artillerierunden des Kalibers 122mm und 152mm, was bis zu 50 Prozent von Russlands Gesamtbedarf an diesen Munitionstypen deckt. Dazu kommen 120 Koksan-Artilleriesysteme, 120 Mehrfachraketenwerfersysteme verschiedener Typen sowie 148 ballistische Kurzstreckenraketen der Typen KN-23 und KN-24. Die Gesamteinnahmen aus Waffenlieferungen und Truppeneinsatz schätzen westliche Analysten auf bis zu 22 Milliarden US-Dollar zwischen 2022 und 2025, andere Hochrechnungen liegen bei 7,67 bis 14,4 Milliarden US-Dollar.

Die zweite Säule ist Kryptodiebstahl. Die staatlich gelenkte Lazarus-Gruppe nordkoreanischer Geheimdienste stahl im Jahr 2025 Kryptowährungen im Wert von rund zwei Milliarden US-Dollar. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen auf nordkoreanische Akteure nach Angaben des Sicherheitsdienstleisters TRM Labs 643 Millionen Euro, was rund 66 Prozent aller weltweiten Kryptohackverluste entspricht. Allein zwei Operationen, auf die DeFi-Plattformen Drift (285 Millionen Euro) und KelpDAO (292 Millionen Euro), wurden der Lazarus-Gruppe zugeschrieben. Die Vereinten Nationen haben bestätigt, dass die gestohlenen Mittel direkt in das nordkoreanische Raketen- und Atomprogramm fließen. Kumuliert seit 2017 liegt die Beute bei rund 6,75 Milliarden US-Dollar.

Die dritte Säule ist der menschliche Einsatz selbst. Derzeit kämpfen nach Schätzungen westlicher Geheimdienste zwischen 10.000 und 22.000 nordkoreanische Spezialkräfte auf russischer Seite in der Ukraine. Russland zahlt nach Berechnungen der Kyjiw-Schule für Wirtschaft rund 2.000 US-Dollar pro Monat und Soldat an das nordkoreanische Regime, das den Großteil davon einbehält. Staatspräsident Selenskyj warnte am Dienstag, Russland plane, weitere 30.000 nordkoreanische Soldaten anzufordern.

Was Moskau im Gegenzug gibt

Nordkorea liefert nicht umsonst. Im Gegenzug erhält Pjöngjang nach Erkenntnissen südkoreanischer und amerikanischer Dienste Technologie, die das Regime seit Jahrzehnten anstrebt: Unterstützung bei der Entwicklung militärischer Satelliten, russische Expertise beim U-Boot-Bau sowie die Ausbildung nordkoreanischer Piloten an modernen Kampfflugzeugen. Moskau hat das in UN-Gremien bislang bestritten, aber China enthielt sich bei mehreren Abstimmungen über entsprechende Sanktionsverschärfungen. Das Vetorecht Pekings und Moskaus im UN-Sicherheitsrat macht neue Sanktionen auf absehbare Zeit unmöglich.

Für Deutschland und Europa hat das direkte Konsequenzen: Dieselben Raketen, die Nordkorea an Russland liefert, treffen ukrainische Städte. Die Rüstungsdividende, die Kim Jong-un einstreicht, verlängert den Krieg an der europäischen Ostflanke. Der Bundesaußenminister Johann Wadephul hat bei mehreren G7-Gesprächen auf eine schärfere Überwachung nordkoreanischer Schiffstransporte gedrungen, bisher ohne greifbare Ergebnisse.

Der heutige Test und die nächste Eskalationsstufe

Selenskyj hat gewarnt, Russland baue aktiv auf mehr nordkoreanische Soldaten und Raketen. Der heutige Raketentest war der zweite in sechs Tagen. Das südkoreanische Militär meldete den Start gegen sechs Uhr aus der Region Wonsan an der Ostküste, das japanische Verteidigungsministerium bestätigte den Einschlag außerhalb der japanischen Ausschließlichen Wirtschaftszone. Beide Tests erfolgten kurz vor den Ulchi-Freedom-Shield-Übungen, die Washington und Seoul jährlich abhalten und die Pjöngjang als Anlass für Protestaktionen nutzt.

Rund 40 Staaten haben in einer gemeinsamen Erklärung vor den Risiken unangekündigter Raketentests gewarnt. Ob das Konsequenzen hat, ist zweifelhaft: Nordkorea hat unter dem Deckmantel von Putins Krieg eine Finanzierungsbasis aufgebaut, die von westlichem Wohlwollen weitgehend unabhängig ist. Drei Säulen, alle profitabel. Und alle funktionieren ohne den Segen des UN-Sicherheitsrats.

Update 12. August, 19:05 Uhr: Südkorea hat am 10. August die ukrainische Anfrage nach Luftabwehrsystemen offiziell abgelehnt. Das Außenministerium in Seoul teilte mit, die Regierung leiste der Ukraine weiterhin humanitäre Hilfe, liefere aber keine tödlichen Waffen oder Rüstungsgüter. Die Entscheidung fiel zeitgleich mit Selenskyjs Warnung, Russland könnte bis zu 50.000 nordkoreanische Soldaten anfordern. Damit entsteht eine bemerkenswerte Asymmetrie: Während Kim Jong-un Russland mit Soldaten, Artillerie und Raketen versorgt, die an der ukrainischen Front eingesetzt werden, verweigert Seoul jede Militärhilfe an Kiew und verweist auf sein nationales Recht, das Waffenlieferungen an Konfliktparteien reglementiert. Der heutige Test ist laut südkoreanischem Generalstab der elfte ballistische Raketenstart Nordkoreas im Jahr 2026.

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