Lufthansa: 20.000 gestrichene Flüge sind erst der Anfang
20.000 gestrichene Flüge bis Oktober reichen nicht. Das ist die Kernbotschaft, die Konzernvorstand Dieter Vranckx von Lufthansa im Handelsblatt-Interview formuliert hat. Seit dem Irankrieg hat sich der Kerosinpreis mehr als verdoppelt, auf über 170 Dollar je Barrel. Die Folge: Kurzstreckenflüge mit niedrigem Auslastungsgrad sind für Lufthansa nicht mehr quersubventionierbar. Die Konsolidierung des europäischen Streckennetzes soll bis 2028 weitergehen, mit weiteren Einschnitten, die Vranckx bewusst vage lässt.
Was Lufthansa konkret streicht
Bis Oktober 2026 werden 20.000 Flüge aus dem Kurzstreckennetz der Lufthansa-Gruppe gestrichen, was einer Einsparung von rund 40.000 Tonnen Kerosin entspricht. Drei Ziele werden vollständig aus dem Frankfurter Flugplan herausgenommen: Bydgoszcz und Rzeszów in Polen sowie Stavanger in Norwegen. Zehn weitere Verbindungen werden innerhalb der Gruppe auf andere Drehkreuze verlagert, vorwiegend nach Wien, Zürich und Brüssel. Das klingt nach Netto-Kapazitätsabbau, ist in Sitzkilometern gemessen aber weniger als ein Prozent Rückgang, weil die Langstrecke gleichzeitig um sechs Prozent wächst.
Im April hatte Lufthansa bereits die Regionaltochter Cityline stillgelegt. Cityline betrieb rund 460 Kurzstreckenverbindungen zu europäischen Zielen. Die Schließung war die erste Konsequenz aus der Kerosinpreiskrise und der direkteste Einschnitt ins Streckennetz seit der Coronapandemie. Täglich über ein Dutzend innerdeutsche Verbindungen entfallen seither. Vranckx sagt nun: Das war erst der Anfang.
Warum Kurzstrecke und Kerosin nicht mehr zusammenpassen
Das Geschäftsmodell der europäischen Kurzstrecke war bereits vor dem Irankrieg unter Druck. Günstfluggesellschaften wie Ryanair und EasyJet fliegen mit geringeren Kosten, weil sie einheitliche Flotten ohne Feeder-Netzwerk betreiben. Für einen Netzwerkcarrier wie Lufthansa haben Kurzstrecken eine andere Funktion: Sie speisen Passagiere in die profitablen Langstreckenflüge ein. Dieses Zubringer-Modell funktioniert, solange die Kurzstrecke nicht zu viel Geld kostet.
Der Kerosinpreisschock hat dieses Kalkül verändert. „Verluste auf der Kurzstrecke untergraben die Gewinne, die wir auf der Langstrecke erzielen. Das ist nicht tragbar“, sagte Vranckx. Auf Verbindungen mit unter 65 Prozent Auslastung kostet ein geflogener Sitz mehr, als Lufthansa dafür einnimmt, selbst nach Einrechnung des Zubringerwerts. Die Airline reagiert mit selektivem Rückzug: Strecken, bei denen die Nachfrage ausreicht, um Kosten zu decken, bleiben; solche, bei denen sie es nicht tut, werden auf Partner verlagert oder gestrichen.
Was Vranckx mit „wirtschaftlich geboten“ meint
Die Formulierung, Kapazitäten würden reduziert, „wenn es wirtschaftlich geboten ist“, klingt nach einem Blankoscheck für weitere Streichungen. Auf konkrete Zahlen für die Zeit nach Oktober 2026 hat sich Vranckx nicht festgelegt. Der Konsolidierungsplan soll bis 2028 abgeschlossen sein, aber mit welchem Ergebnis, lässt er offen. Was er klar sagt: Die Verbindungsqualität für Passagiere soll erhalten bleiben. Strecken, die gestrichen werden, sollen über Partner oder Codeshares weiterhin angeboten werden, nur eben nicht mehr mit eigenen Lufthansa-Maschinen.
Für Reisende in Deutschland bedeutet das konkret: Wer in Zukunft von Frankfurt nach Stavanger oder ins polnische Rzeszów will, muss einen Umstieg einplanen oder auf eine andere Airline ausweichen. Welche weiteren Strecken nach Oktober folgen, hängt nach Angaben des Konzerns davon ab, wie sich die Energiepreise entwickeln und ob das Waffenstillstandsabkommen zwischen Iran und den USA bis August hält. Bleibt der Kerosinpreis auf dem aktuellen Niveau, sind weitere Streichungen wahrscheinlicher als eine Erholung des Netzes.
Herbst 2026: Wenn das MoU-Fenster schließt
Die Langstrecke wächst trotzdem. Auf interkontinentalen Verbindungen nach Nordamerika, Asien und dem Nahen Osten plant Lufthansa ein Kapazitätsplus von sechs Prozent. Hier sind die Margen auch bei hohem Kerosinpreis positiv, weil Ticketpreise entsprechend angepasst wurden und Geschäftsreisende weniger preiselastisch sind. Die Quersubventionierung von Kurzstrecken durch Langstreckengewinne hat ein Ende: Das Netz der Gruppe wird schlanker, aber nach eigenem Anspruch fokussierter.
Der entscheidende Preisindikator für den Herbst ist das Islamabad Memorandum: Wenn USA und Iran bis zum 17. August kein endgültiges Abkommen unterzeichnen, könnte der Kerosinpreis erneut steigen. Vranckx hat in diesem Fall weitere Einschnitte nicht ausgeschlossen. Die Gewerkschaft Verdi hat die Umstrukturierung bisher nicht öffentlich kritisiert, aber darauf bestanden, dass Entlassungen nur im Rahmen tarifvertraglicher Abfindungsregelungen erfolgen. Wie viele der betroffenen Cityline-Stellen innerhalb des Konzerns aufgefangen wurden, ist bisher nicht kommuniziert worden.
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