23 Kälber: Nordatlantischer Glattwal erholt sich
Ghost ist etwa 50 Jahre alt und hat am 30. Januar 2026 ihr neuntes Kalb zur Welt gebracht. Das Tier trägt die Forschungsnummer #1515 und ist damit die produktivste bekannte Mutter beim Nordatlantischen Glattwal. Was wie eine Einzelgeschichte klingt, ist ein Signal für eine gesamte Art: In der Kalbesaison 2025/2026 zählten Forscher laut NOAA Fisheries 23 Neugeborene, die höchste Zahl seit 2009 und das dritte Jahr in Folge mit Populationswachstum. Die Gesamtzahl liegt bei etwa 380 Individuen.
Vom Rand des Aussterbens
Nordatlantische Glattwale (Eubalaena glacialis) gelten als die am stärksten bedrohten Großwale der Erde. Die Art wurde in der Zeit des kommerziellen Walfangs fast vollständig dezimiert. Nach dem Walfangverbot erholte sie sich zunächst langsam, bevor ein zweites strukturelles Problem sichtbar wurde: Die Wanderrouten der Wale verlaufen entlang der US-amerikanischen Ostküste, einer der meistbefahrenen Schifffahrtsregionen der Welt.

2017 starben 17 Tiere in einem einzigen Jahr, mehr als fünf Prozent der damaligen Population. Zwölf davon verendeten in kanadischen Gewässern durch Verwicklungen in Fischereitaue oder Schiffskollisionen. NOAA Fisheries stufte den Bestand Ende der 2010er Jahre auf unter 340 Individuen ab, mit weniger als 90 reproduktiv aktiven Weibchen. Der Bestand galt damit als funktional gefährdet.
Was die Wende gebracht hat
Zwei Maßnahmen haben nach Einschätzung von NOAA Fisheries entschieden zur Erholung beigetragen.
Die wichtigere ist die Geschwindigkeitsbegrenzung für Handelsschiffe: In ausgewiesenen saisonalen Gebieten entlang der US-Ostküste dürfen Schiffe ab einer Länge von rund 20 Metern nicht schneller als zehn Knoten fahren. NOAA Fisheries beziffert die Wirkung: Tödliche Schiffskollisionen gingen um etwa 90 Prozent zurück.
Die zweite Maßnahme betrifft Fischereiausrüstung. Seit 2022 gelten verschärfte Vorschriften für die Stärke von Fangleinen in der Hummer- und Krabbenfischerei entlang der Neuengland-Küste. Verwicklungen in solche Leinen sind die häufigste Todesursache für die Art.
Das Ergebnis in der Saison 2025/2026: Mehr als 500 Sichtungen von 129 identifizierten Walen, 29 Prozent mehr als im Vorjahr, wie das New England Aquarium berichtete. Alle 23 Kälber überlebten bis zum Ende der Kalbesaison. Ghost (#1515) steht dabei für die Resilienz der Population: Ihr neuntes Kalb macht sie zur produktivsten Mutter der Art, von der Daten vorliegen. Ihre verkürzten Geburtsintervalle, laut New England Aquarium deutlich kürzer als die zuletzt durchschnittlichen sieben bis zehn Jahre bei der Art, deuten auf verbesserte Nahrungsbedingungen hin.
Im Vergleich: Andere Walarten nach dem Tiefpunkt
Die Geschichte des Nordatlantischen Glattwals lässt sich mit zwei anderen Walrettungen vergleichen.

Der Buckelwal gilt als Symbol des modernen Walschutzes: Vor dem internationalen Walfangmoratorium von 1986 hatte die globale Population auf einige Zehntausend Tiere geschrumpft. Die Weltnaturschutzunion IUCN zählt heute rund 135.000 Buckelwale, die Art wird als wenig besorgniserregend eingestuft.
Beim Grauen Wal (Eschrichtius robustus) im östlichen Nordpazifik sind aus einem tiefen Bestand der Nachkriegszeit rund 13.000 Tiere geworden, die Art gilt nach IUCN als nicht gefährdet.
Der entscheidende Unterschied beim Nordatlantischen Glattwal liegt in der Reproduktionsrate: Weibchen gebären alle drei bis fünf Jahre ein einzelnes Kalb, seltener früher. Das macht die Art anfälliger für Verluste. 17 tote Tiere in einem Jahr entsprechen fünf Prozent der Gesamtpopulation und ein erheblicher Teil dieser Tiere war reproduktiv aktiv. Beim Buckelwal oder Grauen Wal wäre derselbe absolute Verlust ein Bruchteil der Population.
Die 70 Weibchen als Nadelöhr
Von den 380 Nordatlantischen Glattwalen sind rund 70 reproduktiv aktive Weibchen. Das ist das entscheidende Nadelöhr für die weitere Erholung.
NOAA Fisheries nennt drei Faktoren, die den Trend gefährden könnten. Die Geschwindigkeitsregel für Schiffe steht unter dauerhaftem Druck aus der Schifffahrtsindustrie und musste bereits gerichtlich verteidigt werden. Kanadische Gewässer, in denen die Wale einen Teil ihres Jahres verbringen, haben eigenständige Regelungen, deren Wirksamkeit noch nicht vollständig bewertet ist.
Gravierender auf lange Sicht: Die Klimaerwärmung verändert die Verbreitung der Ruderfußkrebse (Calanus finmarchicus), der Hauptnahrungsquelle der Wale. Diese kleinen Krebstiere driften mit steigenden Temperaturen polwärts. Ob die Wale folgen können und dabei in neue Schifffahrtskorridore und Fischereizonen geraten, ist eine offene Frage.
Wenn die 70 aktiven Weibchen im Schnitt ein Kalb alle drei bis vier Jahre gebären, würde das die Population rechnerisch in Richtung 400 drücken, die höchste Zahl seit Beginn systematischer Zählungen. Ausreichend für eine gesicherte Erholung ist das noch nicht. Aber das Vorzeichen hat sich geändert.
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