Ohne Zuwanderung: Osten verliert bis 2045 jeden Fünften
Wirtschaft

Ohne Zuwanderung: Osten verliert bis 2045 jeden Fünften

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt: Ohne Zuwanderung würde die Zahl der Erwerbsfähigen in Ostdeutschland bis 2045 um mehr als ein Fünftel sinken. Am stärksten betroffen wäre Mecklenburg-Vorpommern; Sachsen-Anhalt liegt mit gut 24 Prozent Rückgang knapp dahinter und wählte am 6. September einen neuen Landtag.

Quellen (13)
  1. IW Köln Pressemitteilung (Geis-Thöne/Deschermeier)iwkoeln.de
  2. ZEIT Onlinezeit.de
  3. Tagesspiegeltagesspiegel.de
  4. n-tvn-tv.de
  5. Die Weltwelt.de
  6. taztaz.de
  7. Handelsblatthandelsblatt.com
  8. IW-Studie Wertschöpfung August 2026onvista.de
  9. DIW Berlin: AfD-Paradox Sachsen-Anhaltdiw.de
  10. t-onlinet-online.de
  11. IW Studie September 2026 (Semsarha/Kunath/Malin)iwkoeln.de
  12. IW Pressemitteilung: 160.000 Ausländer in Engpassberufeniwkoeln.de
  13. Berliner Zeitung: Fast jeder vierte LKW-Fahrer im Osten ist Ausländerberliner-zeitung.de
15. September 2026, 3:49 Uhr828 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Sachsen-Anhalt wählte am 6. September 2026 und das Bundesland ist in einer ungewöhnlichen demografischen Lage: Ausländische Beschäftigte trugen im vergangenen Jahr rund 68,3 Milliarden Euro oder 10,5 Prozent zur Wertschöpfung in den ostdeutschen Bundesländern bei. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) macht jetzt deutlich, was passieren würde, wenn diese Zuwanderung ausbleibt: Ostdeutschland verlöre bis 2045 mehr als jeden fünften Erwerbsfähigen. Am stärksten betroffen wäre Mecklenburg-Vorpommern mit einem projektierten Rückgang von fast 25 Prozent. Sachsen-Anhalt, das am 6. September wählte, folgt mit gut 24 Prozent.

Drei Jahrzehnte Aderlass

Die Ausgangslage ist bereits angespannt. Zwischen Ende 1995 und Ende 2025 sank die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 66 Jahren in den ostdeutschen Flächenländern von 10,05 Millionen auf 7,74 Millionen, ein Rückgang um 23 Prozent. Gleichzeitig wuchs die Gruppe der 67-Jährigen und Älteren von 1,82 auf 3,06 Millionen. Der Anteil der Erwerbsfähigen an der Gesamtbevölkerung fiel von 70,9 auf 62,7 Prozent.

Treiber waren Jahrzehnte der Abwanderung. Nach der Wiedervereinigung zogen vor allem junge Menschen in die alten Bundesländer, wo Löhne und Arbeitsmöglichkeiten besser waren. Gleichzeitig brachen Geburtenraten ein, während in Westdeutschland die Demografie stabiler blieb. Was die ostdeutschen Länder vor dem schlimmsten Szenario bewahrte: Zuwanderung aus dem Ausland. Seit 2012 verzeichnen die Ostländer wieder Wanderungsgewinne. Die Zahl der 15- bis 66-jährigen Ausländer stieg von 265.000 im Jahr 2010 auf 765.000 Ende 2025, von 3,1 auf 9,9 Prozent der Erwerbsfähigen.

Was die IW-Projektionen zeigen

Die IW-Ökonomen Wido Geis-Thöne und Philipp Deschermeier haben zwei Szenarien durchgerechnet: mit und ohne Zuwanderung. Im Migrationsstoppszenario würde die Zahl der Erwerbsfähigen in den ostdeutschen Flächenländern bis 2035 um 13 Prozent auf 6,78 Millionen sinken, bis 2045 um mehr als ein Fünftel auf rund 6 Millionen. Bei anhaltender Zuwanderung fiele der Rückgang deutlich geringer aus.

Geis-Thöne benennt, welche Berufe nicht durch KI oder Automatisierung ersetzt werden können: Pflegekräfte, Handwerker, Friseure und Ärzte müssen vor Ort sein. Gerade diese Berufe sind in strukturschwachen ländlichen Regionen Ostdeutschlands schon heute oft nicht besetzt. Ein weiterer Bevölkerungsrückgang würde die Versorgungslage verschärfen: weniger Ärzte in der Fläche, längere Wartezeiten in Pflegeheimen, Handwerkermangel bei notwendigen Sanierungen.

Die wirtschaftliche Bedeutung ausländischer Beschäftigter ist bereits heute erheblich: 68,3 Milliarden Euro Wertschöpfung in den ostdeutschen Bundesländern, 10,5 Prozent des Gesamtvolumens. Die Forscher schlussfolgern, dass die wirtschaftliche Lage im Osten, insbesondere hinsichtlich der Daseinsvorsorge, ohne Zuwanderung kaum aufrechtzuerhalten wäre.

Das Paradox der AfD-Hochburgen

Genau hier stößt die Studie auf ein politisches Problem. Sachsen-Anhalt ist eine AfD-Hochburg. Die Partei gewann die Landtagswahl am 6. September mit 43,8 Prozent und tritt für eine drastische Begrenzung der Zuwanderung ein. In ihrem Programm finden sich Forderungen nach Rückführungsprogrammen für bereits in Deutschland lebende Ausländer.

Das Berliner Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat im Juli 2026 in einer eigenen Analyse das vorgerechnet, was es das "AfD-Paradox" nennt: Strukturschwache Regionen mit besonders hohem AfD-Wähleranteil würden unter einer AfD-geführten Politik am stärksten leiden. Für Sachsen-Anhalt berechnet das DIW im Szenario einer vollständigen AfD-Politik (Euro- und EU-Austritt, Grenzschließung, Migrationsstopp, massiver Staatsabbau) einen durchschnittlichen Einkommensverlust von rund 1.600 Euro pro Kopf jährlich und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um rund 10.000 Personen.

Gegen solche Modellrechnungen gibt es berechtigte Einwände: Sie modellieren extreme Szenarien, keine tatsächliche Politik. Außerdem ist das IW arbeitgebernah und hat ein institutionelles Interesse an offenen Arbeitsmärkten. Beide Institute haben Interessen, die ihre Forschungsfragen prägen. Die demografischen Grundzahlen sind davon jedoch weitgehend unabhängig: Die Zahl der Erwerbsfähigen in Ostdeutschland ist nachweislich gesunken und dieser Trend wird sich fortsetzen, die Frage ist nur, in welchem Ausmaß.

16 Tage bis zum Wahltag

Die IW-Studie erschien kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September. Für das Wahlergebnis selbst ändert sie wahrscheinlich wenig: Wählerinnen und Wähler reagieren auf gelebte Erfahrungen und aktuelle Themen, nicht auf wirtschaftswissenschaftliche Projektionen.

Die wirtschaftspolitische Realität, die neue Landesregierung nach dem 6. September vorfindet, ist davon unberührt. Sachsen-Anhalt muss ausländische Fachkräfte anziehen und halten, wenn es seinen Pflegesektor, seine Handwerksbetriebe und die ärztliche Versorgung in der Fläche langfristig sichern will. Wie die neue Landesregierung diese strukturelle Abhängigkeit mit der politischen Nachfrage nach restriktiverer Einwanderungspolitik vereinbart, wird zu einem der zentralen Widersprüche der kommenden Legislaturperiode.

Update 13. September, 06:06 Uhr: Eine neue Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft vom 4. September zeigt, was die Projektionen in konkreten Berufen bedeuten. Fabian Semsarha, Gero Kunath und Lydia Malin haben die in Ostdeutschland tätigen internationalen Arbeitskräfte nach Engpassberufen aufgeschlüsselt: Rund 160.000 Beschäftigte ohne deutschen Pass arbeiten in Berufen, für die Unternehmen dringend Personal suchen, darunter Berufskraftfahrer, Ärzte, Pflegepersonal und Köche. Fast jeder vierte Lkw-Fahrer in den ostdeutschen Flächenländern hält keinen deutschen Pass. Gleichzeitig weist die Studie auf eine strukturelle Verschiebung hin: Seit 2024 verlassen mehr Bürger aus den neuen EU-Mitgliedstaaten Deutschland, als einwandern. Der demografische Puffer aus den Nachbarländern schwindet. IW-Forscher Gero Kunath formuliert die Konsequenz zugespitzt: „Gelingt es Ostdeutschland nicht, Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu gewinnen und zu halten, bleiben Waren liegen, bleiben Patienten unbehandelt und schließen Restaurants." Nach der Landtagswahl vom 6. September steht die neue Landesregierung vor der Aufgabe, diesen strukturellen Bedarf mit dem migrationspolitischen Profil der stärksten Partei in Einklang zu bringen.

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