Nach dem Hai: Australien zwischen Schutz und Sicherheit
Dreißig Meter vom Ufer entfernt griff am 13. Juni ein Weißer Hai die 34-jährige Lehrerin Leah Stewart am Coogee Beach in Sydney an. Der Angriff kostete ihr einen Arm, mehrere Knochen wurden gebrochen. Wochenlang lag sie im künstlichen Koma. In dieser Woche sprach sie erstmals wieder, drei Worte: „I love you.“ Die Worte galten ihrer Mutter und ihrem Partner. Die Genesung verfolgte die Welt über ein GoFundMe-Konto, das knapp 500.000 australische Dollar einsammelte. Australien verfolgte unterdessen etwas anderes: eine Debatte, die im Land seit Jahrzehnten geführt wird und die kein klares Ende findet.
Hochburg der Haibegegnung
Australien verzeichnete in diesem Jahr bisher neun Haiangriffe, vier davon tödlich. Allein in New South Wales, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat, wurden fünf Angriffe registriert, einer endete tödlich. Im Januar 2026 ereigneten sich innerhalb von 48 Stunden vier Angriffe an der Küste von New South Wales, darunter ein tödlicher Angriff auf Nico Antic bei Vaucluse im Sydneyer Osten. Medien und Politiker reagierten mit Ausrufezeichen. Dann beruhigten sich die Wogen, bis Leah Stewart an den Coogee Beach schwamm.
Die Angriffszahlen folgen keinem einfachen Populationstrend. Meeresökologen weisen darauf hin, dass die Bestände des Weißen Hais an australischen Küsten nicht messbar gewachsen sind. Was gewachsen ist: die Zahl der Menschen, die Strände und Wasserwege nutzen und die Bebauung, die immer weiter in den Lebensraum der Tiere eingreift. Mehr Menschen im gleichen Gewässer ergibt schlicht mehr Begegnungen. Dazu kommt ein klimabedingter Faktor: Starkregen erhöht den Trübungsgrad küstennaher Gewässer und lockt Bullenhaie in Flussmündungen und Stadtstränden an, weil dort Fische konzentriert auftreten.
Drohnen, Netze, verbotene Schüsse
New South Wales gibt jährlich rund 30 Millionen australische Dollar für Haiabwehr aus. Das Programm umfasst traditionelle Haifangnetze, sogenannte SMART-Drumlines (überwachte Köderleinen, die Haie fangen, orten und freilassen), Echtzeitverfolgung markierter Tiere und Drohnenüberwachung. Rund 80 Strände stehen unter Drohnenbeobachtung. Am Coogee Beach waren am Wochenende des Angriffs auf Leah Stewart keine Drohnen im Einsatz. Der Grund war bürokratischer Natur: Flugbeschränkungen wegen der Nähe zum Flughafen Sydney verboten den Betrieb.
Steven Pearce, Geschäftsführer von Surf Life Saving NSW, bezeichnete Drohnen als „deutlich überlegen gegenüber Haifangnetzen“, weil sie frühzeitig warnen können, ohne Tiere zu schädigen. Gleichzeitig machte der Coogee-Vorfall die Schwachstelle des Systems sichtbar: Ein teures Schutzprogramm versagt genau dort, wo eine Behörde Prioritäten gesetzt hat, die nichts mit Haischutz zu tun haben. Haifangnetze, die seit den 1930er Jahren eingesetzt werden, töten einer Analyse von Shark Citizens aus dem Jahr 2020 zufolge pro Hai deutlich mehr Nichtzielarten, darunter Delphine, Meeresschildkröten und Rochen.
Auf die Frage, ob die Regierung weitergehende Maßnahmen erwägt, antwortete Landwirtschaftsministerin Tara Moriarty, sie schließe „nichts aus“. Premier Chris Minns präzisierte: Weiße Haie werden nicht getötet. Für Bullenhaie, die ebenfalls für Angriffe verantwortlich sind und keinen gleichwertigen Schutzstatus genießen, ließ Minns die Frage offen.
Warum Australien den Weißen Hai nicht töten darf
Der Weiße Hai steht in Australien seit 1997 unter strengem Schutz. Begründet wurde das Verbot damals mit dem dramatischen Rückgang der Population durch gezielte Bejagung und Beifang. In New South Wales macht das Fischereigesetz eine Ausnahme nur in unmittelbarer Notwehr. Abschussprogramme zur Prävention sind rechtlich ausgeschlossen.
Meeresökologen unterstützen diese Regelung auch aus wissenschaftlichen Gründen. Der Haupteinwand gegen Keulung: Haie sind hochmobile Wanderer, getötete Tiere werden rasch durch andere ersetzt. Queensland betrieb bis 2019 großflächige Abschussprogramme mit Köderleinen. Sie zeigten keinen messbaren Rückgang der Angriffszahlen, töteten aber laut Umweltbehörde Queensland Tausende anderer Meerestiere. Die Australian Marine Conservation Society hat wiederholt gefordert, die Haifangnetze vollständig durch Drohnen und Drumlines zu ersetzen.
Auf der anderen Seite steht die Erfahrung der Angehörigen. Stewarts Bruder Josh schrieb auf der GoFundMe-Seite, seine Schwester werde „ihr Leben für immer als das Vorher und das Nachher betrachten“. Australische Strandgemeinden wissen, was das bedeutet: Angriffe hinterlassen nicht nur Verletzte, sie beschädigen auch den Tourismus und das Sicherheitsgefühl ganzer Küstenregionen, dauerhaft.
Was nach dem Coogee-Angriff entschieden werden muss
Die unmittelbare Konsequenz zeichnet sich ab: Die Regierung von New South Wales muss mit der australischen Luftfahrtbehörde CASA über Ausnahmeregelungen verhandeln, die Drohnenflüge in der Nähe von Flughäfen für Strandbewachung erlauben. Dieser strukturelle Fehler hätte vor dem Angriff auf Leah Stewart bekannt sein müssen. Der Coogee Beach liegt im Einflugbereich des Flughafens Sydney, war aber nicht als Problemzone im Schutzprogramm eingestuft.
Die grundsätzliche Spannung wird durch keine Drohne und kein Gesetz aufgelöst: Australien hat sich entschieden, einen der effektivsten Meeresräuber der Evolutionsgeschichte zu schützen, weil die Art in einem schlechten Zustand ist und weil Wissenschaft und Ethik dafür sprechen. Gleichzeitig schwimmen täglich Millionen Menschen in denselben Gewässern. Das sind zwei Ziele, die sich nicht vollständig versöhnen lassen. Was bleibt, ist die Frage, wie gut der Staat das Risiko verwaltet, das er durch die Schutzentscheidung eingeht. Der Coogee Beach hat eine Antwort darauf gegeben: nicht gut genug.
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