Pakistan greift Afghanistan an: Kabul spricht von Zivilisten
Informationsminister Attaullah Tarar gab bekannt, 29 Kämpfer der Terrororganisation Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) seien getötet worden. Die pakistanische Armee hatte in der Nacht auf Sonntag Luftangriffe und eine Bodenoperation entlang der Grenze zu Afghanistan durchgeführt. Kabuls Außenminister hingegen verurteilte die Angriffe als "feigen Akt der Aggression" und berichtete von zivilen Opfern in den östlichen Provinzen Paktika, Paktia und Kunar. Es ist die zweite größere Militäroperation Pakistans in weniger als drei Wochen in einem Konflikt, der seit Februar 2026 als offener Krieg gilt.
Der Krieg der zwei Talibans
Um zu verstehen, warum Pakistan und Afghanistan sich im Krieg befinden, muss man zwischen zwei Organisationen unterscheiden, die denselben Namen tragen. Die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP, auch "Pakistanische Taliban") ist eine bewaffnete Gruppe, die Pakistan mit Anschlägen überzieht und die Errichtung eines islamischen Emirats in Pakistan anstrebt. Die Islamische Emirat Afghanistan, also die Afghan Taliban unter Führung von Amir Hibatullah Akhundzada, regiert seit 2021 in Kabul. Obwohl beide Gruppen ideologisch verwandt sind und historisch enge Verbindungen pflegten, sind sie formal getrennte Organisationen.
Das Kernproblem: Die TTP operiert von Basen auf afghanischem Territorium aus. Pakistan fordert von den Afghan Taliban, diese Stellungen zu schließen und TTP-Kämpfer auszuweisen. Die Afghan Taliban weigern sich, mit dem Verweis auf staatliche Souveränität und interne Stammesbindungen. Islamabad sieht darin entweder Duldung oder aktive Unterstützung seiner Feinde. Das ist der Widerspruch im Herzen dieser Krise: Pakistan half den Afghan Taliban maßgeblich dabei, 2021 wieder an die Macht zu kommen und kämpft jetzt gegen Kämpfer, die dieselbe Ideologie teilen und von denselben Rückzugsgebieten profitieren.
Der Auslöser: Karachi, dann Luftangriffe
Den unmittelbaren Anlass für die jüngste Operation nannte Attaullah Tarar: die Häufung von Anschlägen auf pakistanische Sicherheitskräfte in den Wochen zuvor. Konkret hatte einen Tag vor der Operation die Jamaat-ul-Ahrar, eine TTP-nahe Gruppe, einen Angriff auf das Rangers-Hauptquartier in Karachi übernommen, bei dem drei Soldaten getötet wurden. Laut Informationsminister war die Operation eine Reaktion auf "multiple militant attacks across the country".
Der Beginn des Krieges liegt vier Monate zurück. Am 21. Februar 2026 führte Pakistan erstmals Luftangriffe auf Ziele in den afghanischen Provinzen Nangarhar, Paktika und Khost durch. Auslöser war damals unter anderem ein Selbstmordanschlag auf eine Moschee in Islamabad, bei dem 31 Menschen starben und den pakistanische Behörden TTP-Planern zuschrieben. Die Afghan Taliban antworteten am 26. Februar mit einer eigenen Vergeltungsoperation, woraufhin Pakistan das Geschehen öffentlich als "offenen Krieg" bezeichnete.
Widersprüchliche Zahlen, keine Wahrheit
Die Opferzahlen des Konflikts seit Februar sind massiv umstritten. Pakistan behauptet, mehr als 663 Taliban-Operatoren getötet und 887 verletzt zu haben. Afghanistan gibt an, mehr als 327 pakistanische Soldaten seien gefallen. Die Vereinten Nationen zählten bis Ende Mai 358 getötete afghanische Zivilisten und rund 115.000 Vertriebene. Alle drei Zahlenreihen sind unabhängig kaum überprüfbar: Unabhängige Journalisten haben keinen Zugang zu den Kampfgebieten in den östlichen Grenzprovinzen.
Auch bei der jüngsten Operation bleiben die Darstellungen unvereinbar. Pakistan meldet 29 getötete TTP-Kämpfer und bezeichnet die Ziele als "Verstecke und sichere Häuser" der Terrororganisation. Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid sprach von Dutzenden ziviler Opfer in Paktika, Paktia und Kunar. Wer recht hat, lässt sich von außen nicht feststellen. Was feststeht: Es ist die zweite derartige Operation Pakistans in weniger als drei Wochen, was auf eine Intensivierung der Kampagne hindeutet.
Internationales Schweigen
Auffällig ist die internationale Reaktionslosigkeit. Die Vereinten Nationen haben bislang keine eigene Untersuchungsmission für den Konflikt eingesetzt. Die USA, die zwei Jahrzehnte lang in Afghanistan kämpften und nach dem Abzug 2021 diplomatische Distanz zu Kabul hielten, haben keine Vermittlerrolle übernommen. China, das als einzige Großmacht enge Beziehungen zu beiden Seiten pflegt und zu den wenigen Ländern gehört, die überhaupt Botschaftspersonal in Kabul haben, hält sich ebenfalls bedeckt. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) warnte bereits im März, dass ohne externe Vermittlung der Eskalationszyklus zwischen Pakistan und Afghanistan sich selbst verstärkt, weil beide Seiten innenpolitisch unter Druck stehen, Stärke zu zeigen.
Wohin der Kreislauf führt
Für den weiteren Verlauf gibt es zwei Dynamiken, die einander verstärken. Erstens: Pakistan kann den TTP-Beschuss seiner Städte innenpolitisch nicht ignorieren und wird auf weitere Anschläge militärisch reagieren. Zweitens: Die Afghan Taliban können TTP-Kämpfer nicht ausweisen, ohne interne Stammeskoalitionen zu gefährden, auf die sie als Regierung angewiesen sind. Diese Struktur erzeugt fortlaufende Vergeltungsoperationen ohne politischen Ausweg. Das Middle East Institute in Washington beschreibt den Konflikt als "gefährliche Eskalationsspirale, die sich ohne Außendruck nicht von selbst deeskaliert". Pakistan hat seit Februar Dutzende Militäroperationen durchgeführt. Jede davon hat die Taliban-Forderung nach Rückzug der Truppen und Entschädigungen verstärkt, ohne die TTP-Bedrohung spürbar zu reduzieren.
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