
Eine Baumschnecke kehrt auf Moorea in die Wildnis zurück
Quellen (8)
- Gerlach et al.: Wiederansiedlung von Partula tohiveana, Oryxcambridge.org
- IUCN: Konferenz zu Wiederansiedlungen, 9. September 2026iucn.org
- IUCN Red List: Statusänderungen 2025, Tabelle 7nc.iucnredlist.org
- Zoological Society of London: Partula-Zucht und Auswilderungzsl.org
- IUCN/SSC: Guidelines for Reintroductions and Other Conservation Translocations, 2013iucn.org
- Gerlach et al.: Partula tree snail conservation back on track, Oryx 2023cambridge.org
- Outerbridge et al.: Wiederansiedlung von Poecilozonites bermudensis, Oryx 2026cambridge.org
- US Fish and Wildlife Service: Sihek auf Palmyra, 23. September 2024fws.gov
Auf Moorea in Französisch-Polynesien hat eine Baumschneckenart einen entscheidenden Schritt zurück in die Wildnis geschafft. Ein Forschungsteam dokumentiert in Oryx, dass Partula tohiveana dort nach Auswilderungen wieder Nachwuchs hervorbringt. Bei Erhebungen im September 2024 wurden vier erwachsene und 13 junge Tiere gefunden, alle unmarkiert. Die Beobachtung belegt mehr als das Überleben freigelassener Zuchttiere: Es gibt eine neue, in Freiheit geborene Generation.
Die Weltnaturschutzunion IUCN griff solche Erfolge bei einer Konferenz im September 2026 auf. In ihrem Bericht vom 9. September zählt sie die Rückkehr der Partula-Schnecken zu den Beispielen dafür, dass gezielte Wiederansiedlungen Arten helfen können. Die Nachricht ist also keine erst jetzt erfolgte Freilassung. Sie lenkt den Blick auf einen über Jahre erreichten Fortschritt und die Frage, wie daraus ein dauerhaft tragfähiger Bestand wird.

Wieder wild lebend, weiterhin stark gefährdet
Die Veränderung ist auch formal dokumentiert: Die IUCN-Tabelle der Statusänderungen 2025 führt Partula tohiveana mit dem Wechsel von „Extinct in the Wild“ zu „Critically Endangered“. Auf Deutsch bedeutet das: von „in der Natur ausgestorben“ zu „vom Aussterben bedroht“. Der Wechsel ist als tatsächliche Verbesserung ausgewiesen. Er bedeutet jedoch weder Entwarnung noch, dass die Art nun häufig wäre. Sie befindet sich weiterhin in einer sehr hohen Gefährdungskategorie.
Für das Verständnis ist die frühere Einstufung entscheidend. „In der Natur ausgestorben“ lässt einen überlebenden Bestand in menschlicher Obhut zu. Es wurde deshalb keine vollständig ausgestorbene Art wiedererschaffen. Vielmehr konnten lebende Tiere über lange Zeit erhalten und vermehrt werden, bis eine Rückkehr möglich erschien. Die Zoological Society of London beschreibt dafür die Zusammenarbeit mehrerer Zoos und die anschließende Beobachtung freigelassener Populationen.
Ein Schädlingsbekämpfer wurde selbst zur Gefahr
Der Zusammenbruch der Partula-Bestände war eng mit eingeschleppten Räubern verbunden. Wie die Zoological Society of London erläutert, wurde eine räuberische Schnecke eingeführt, um zuvor eingeführte große Landschnecken zu bekämpfen. Statt das vorgesehene Problem zu lösen, machte sie vor allem Jagd auf die einheimischen Partula-Arten: Sie fraß diese deutlich lieber als die größeren Zielschnecken. Die Geschichte zeigt eine konkrete Gefahr solcher Eingriffe: Ein neu eingesetzter Organismus hält sich nicht zwangsläufig an die Rolle, die Menschen ihm zugedacht haben.
Die Zucht allein genügte deshalb nicht. Es mussten auch Bedingungen gefunden werden, unter denen Tiere draußen überleben und sich vermehren konnten. Das Oryx-Forschungsteam warnt selbst, dass der Nachweis mehrerer wild geborener Erwachsener noch keine langfristig lebensfähige Population beweist. Räuberische Plattwürmer kommen am Standort weiterhin vor. Ob die komplexe Vegetation den Schnecken ausreichend Schutz bietet, ist eine Erklärungshypothese, kein abgeschlossener experimenteller Nachweis.
Was zwischen Zucht und Freiheit liegen muss
Die IUCN-Leitlinien für Wiederansiedlungen verlangen eine Prüfung von Lebensraum, Bedrohungen, genetischen Fragen und möglichen Krankheitsrisiken. Auch Auswirkungen auf andere Arten und auf Menschen gehören dazu. Eine möglichst große Zahl freizulassen, ist demnach kein ausreichendes Erfolgskriterium. Sinnvoller ist ein vorab definiertes Ziel, verbunden mit Beobachtung und der Möglichkeit, das Vorgehen an neue Erkenntnisse anzupassen.

Wie verletzlich eine solche Arbeit organisatorisch bleibt, dokumentiert ein Oryx-Bericht von 2023. Während der Pandemie wurden Freilassungen unterbrochen, die Beobachtung im Gelände war stark eingeschränkt und für bereits gezüchtete Tiere mussten zusätzliche Kapazitäten gefunden werden. Der Bericht beschreibt auch die verstärkte Überwachung durch die Umweltverwaltung Französisch-Polynesiens bei der Wiederaufnahme. Artenschutz braucht hier nicht nur Tiere und geeignete Bäume, sondern Menschen, Zeit und eine über Jahre funktionierende Zusammenarbeit.
Im Vergleich
Auf Bermuda untersuchte ein 2026 veröffentlichtes Forschungsteam die Rückkehr der Landschnecke Poecilozonites bermudensis. Ein 2016 auf Nonsuch Island freigelassener Bestand hatte bis Mai 2022 eine Fläche von 6.849 Quadratmetern besiedelt, also knapp 0,7 Hektar. Andere Ansiedlungen auf der Hauptinsel scheiterten. Die Autoren sehen unter anderem stärkeren Räuberdruck als mögliche Erklärung. Gerade dieser Unterschied macht den Vergleich nützlich: Dass Erhaltungszucht funktioniert, garantiert noch keinen geeigneten Freilassungsort.
Beim Sihek, dem Guam-Liest, meldete die US-Naturschutzbehörde im September 2024 neun freigelassene Tiere, von denen zunächst sechs im Freiland nachgewiesen wurden. Der Ort war Palmyra, nicht die ursprüngliche Heimat Guam. Auf Guam hatte eine eingeschleppte Schlange wesentlich zum Verschwinden beigetragen. Eine solche Ansiedlung außerhalb des früheren Verbreitungsgebiets wirft andere ökologische Fragen auf als die Rückkehr der Schnecke nach Moorea. Auch ist eine erfolgreiche Freilassung noch nicht derselbe Nachweis wie später beobachteter Nachwuchs.
Von vier Zuchttieren zu Nachwuchs auf der Heimatinsel
Zeitweise bestand die Zuchtpopulation von Partula tohiveana aus nur vier Tieren. Ab 2016 wurde die Art wieder im untersuchten Tal freigelassen. Die Chronologie der Originaluntersuchung beschreibt damit einen Weg vom extremen Engpass bis zum Nachwuchs auf der Heimatinsel.
Mit dem Statuswechsel im Jahr 2025 ist diese Entwicklung auch auf der Roten Liste angekommen. Für die weitere Bewertung sollte nun zählen, ob die Population über längere Zeit bestehen bleibt und sich ausbreitet. Die Rückkehr zeigt, dass langjährige Erhaltungszucht eine verschwundene Wildpopulation wieder möglich machen kann. Sie zeigt ebenso, wie viel Arbeit nötig wird, wenn eingeführte Arten erst einmal Teil eines Inselökosystems geworden sind.
Aktualisierungen
Korrektur 17. September, 19:41 Uhr: Zwei Angaben berichtigt. Die zur Schädlingsbekämpfung eingeführte Raubschnecke traf die einheimischen Partula-Arten nicht nebenbei - sie bevorzugte sie laut der Zoological Society of London deutlich gegenüber den eigentlichen Zielschnecken. Beim Guam-Liest wurden alle neun Tiere freigelassen; die Zahl sechs bezeichnet die anschließend im Freiland nachgewiesenen Vögel.
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