Erstmals seit 1919: Erneuerbare überholten Kohle
2025 hat die Sonne allein drei Viertel des weltweiten Stromnachfragewachstums gedeckt. Solar, Wind und Wasserkraft zusammen deckten es vollständig, während fossile Kraftwerke zum ersten Mal in der modernen Industriegeschichte ohne äußere Krise netto weniger Strom lieferten als im Vorjahr. Das Analysehaus Ember hält nach der Auswertung von Stromdaten aus 215 Ländern fest: Erneuerbare haben die Kohle im globalen Strommix überholt, zum ersten Mal seit mehr als hundert Jahren.
Ein Jahrhundert Kohlestrom
Die Schwelle war zuletzt vor der Massenelektrifizierung unterschritten, ungefähr im Jahr 1919. Damals dominierten Wassermühlen und frühe Windanlagen, bevor die Kohlegiganten der Industriegesellschaft übernahmen. Das stellt das Analysehaus Ember im Global Electricity Review 2026 fest, für den Stromdaten aus 215 Ländern ausgewertet wurden. Es ist die umfassendste Messung des globalen Strommix überhaupt.

Kohlestrom hatte zu Beginn des laufenden Jahrzehnts einen Anteil von 38,7 Prozent an der globalen Stromerzeugung. Er ist seitdem um fast sechs Prozentpunkte gesunken und liegt nun erstmals in der modernen Industriegeschichte unter einem Drittel. Die Erneuerbaren liegen mit 33,8 Prozent (10.730 Terawattstunden) knapp darüber, Kohle kommt auf 33,0 Prozent (10.476 Terawattstunden). Vor einem Jahrzehnt war der Abstand noch fast zwölf Prozentpunkte zugunsten der Kohle.
Solar als Wachstumsmotor
Der entscheidende Treiber ist Photovoltaik. Solarstrom wuchs 2025 laut Ember um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr und lieferte 636 Terawattstunden neu ins Netz; insgesamt produzierte Solar 2.778 TWh. Im Jahr 2020 trug Solarstrom noch rund drei Prozent zum Weltstrom bei, inzwischen sind es 8,7 Prozent.
Aussagekräftiger als der Anteil ist die Wachstumsverteilung: Solar allein deckte 75 Prozent des gesamten Zuwachses an Weltstromverbrauch ab. Solar und Wind gemeinsam deckten 99 Prozent. Weltweit wurden 2025 nach Daten der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) rund 670 Gigawatt neue Solarkapazität und Windkapazität ans Netz gebracht, 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Batteriespeicher wuchsen um 46 Prozent auf 250 Gigawattstunden, bei gleichzeitigem Kostenrückgang von 45 Prozent.
Die Kohlenstoffintensität des globalen Stroms sank 2025 um 2,7 Prozent auf 458 Gramm CO₂ je Kilowattstunde, den niedrigsten je gemessenen Wert. Saubere Stromerzeugung übertraf erstmals die gesamte globale Nachfragesteigerung: Sie wuchs um 887 TWh, die Nachfrage um 849 TWh.
China und Indien drehen die Kurve
Aditya Lolla, Geschäftsführer von Ember, hält fest: "Wir sind fest ins Zeitalter sauberen Wachstums eingetreten. Saubere Energie skaliert jetzt schnell genug, um steigende globale Stromnachfrage aufzusaugen." Fossile Stromerzeugung sank 2025 weltweit um 0,2 Prozent, der erste strukturelle Rückgang ohne eine Wirtschaftskrise oder Pandemie als Auslöser. Erdgas war dabei das einzige fossile Segment, das noch wuchs, aber 18 Mal langsamer als Solar.
Besonders bedeutsam ist die Entwicklung in China und Indien. Beide Länder verzeichneten 2025 erstmals in diesem Jahrhundert einen Rückgang ihrer fossilen Stromerzeugung und das zum ersten Mal seit 1973 gleichzeitig. In China sank die fossile Erzeugung um 0,9 Prozent (56 TWh), in Indien um 3,3 Prozent (52 TWh). Beide Länder gehören zu den weltgrößten Emittenten. Dass die Kurve auch dort dreht, ist für die globale Klimabilanz entscheidend.

Der Ember-Bericht benennt zugleich die nächste Herausforderung: Die Übertragungsinfrastruktur hält nicht mit dem Ausbau Schritt. In Wirtschaftszentren wie Frankfurt, London und Dublin stauen sich Netzanschlusskandidaten in Wartelisten von sieben bis zehn Jahren. Ohne Netzausbau lässt sich neu installierte Kapazität nicht nutzen.
Im Vergleich: Lange Wellen der Energiewende
Der Rückgang der Solarpreise illustriert die Dynamik: 1976 kostete ein Watt Photovoltaikleistung nach LCOE-Daten von Lazard rund 100 Dollar, 2024 unter 0,30 Dollar. Ein Rückgang um Faktor 333 in fünfzig Jahren. Kein Energieträger hat eine vergleichbare Kostenkurve hinter sich. Solarstrom ist heute die günstigste neue Stromquelle der Geschichte.
Dänemark und Deutschland zeigen, wie schnell nationale Energiesysteme kippen können. In Dänemark kam Strom in den 1980er Jahren fast ausschließlich aus Öl und Kohle, 2024 stammten über 80 Prozent aus Erneuerbaren, hauptsächlich Wind. Deutschland steigerte seinen Erneuerbaren-Anteil von sechs Prozent im Jahr 2000 auf über 65 Prozent 2025. Costa Rica zeigt, wohin die Reise gehen kann: Das Land deckt seinen Strom seit Jahren zu über 99 Prozent aus Erneuerbaren, hauptsächlich Wasserkraft und Geothermiekraft.
Ein strukturelles Vorbild für koordinierte Übergänge ist das Montrealer Protokoll von 1987. Als die Welt damals schrittweise aus fluorchlorkohlenwasserstoffhaltigen Substanzen ausstieg, galt das technisch und wirtschaftlich als kaum zu stemmen. Heute schließt sich das Ozonloch messbar, prognostiziert bis 2066 vollständig regeneriert.
Das nächste Kipppunkt: Erdgas
Wenn das aktuelle Tempo anhält, könnten Erneuerbare nach Ember-Prognosen um 2030 einen Anteil von über 50 Prozent am Weltstrom erreichen. Solar dürfte allein 2026 erneut um rund 25 Prozent wachsen. Entscheidend ist nicht mehr die Erzeugungskapazität, sondern das Netz. Ohne massiven Ausbau von Übertragungsleitungen und Speichern verpufft neu installierte Kapazität in Anschlusswarteschlangen.
Das verbliebene fossile Standbein im Stromsektor ist Erdgas, flexibler und weniger emissionsintensiv als Kohle, aber kein dauerhafter Ausweg. Ob es dem Kohlekurs folgt und in den 2030er Jahren strukturell sinkt, hängt davon ab, ob Netze und Speicher schnell genug ausgebaut werden. Der Meilenstein von 2025 ist ein Wendepunkt. Er löst sein Versprechen erst ein, wenn die Infrastruktur nachzieht.
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