Waldbrandfläche könnte sich in Europa fast verdreifachen
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Waldbrandfläche könnte sich in Europa fast verdreifachen

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung warnt: Die jährlich verbrannte Waldfläche in Europa könnte bis 2100 um bis zu 192 Prozent steigen. Im laufenden Jahr brannten bis Mitte August bereits 616.000 Hektar, mehr als doppelt so viel wie der langjährige Schnitt.

Quellen (11)
  1. PIK Pressemitteilungpik-potsdam.de
  2. Global Change Biology (Studie)onlinelibrary.wiley.com
  3. Tagesspiegeltagesspiegel.de
  4. tagesschautagesschau.de
  5. Deutsche Welledw.com
  6. Sonnenseitesonnenseite.com
  7. WZwz.de
  8. Nord24nord24.de
  9. Waldbrand Hürtgenwald 2026 (Wikipedia)de.wikipedia.org
  10. Großbrand Aragón 17.500 Hektar (Spanienpress)spanienpress.com
  11. Euronews: Waldbrände Spanien und Frankreicheuronews.com
23. August 2026, 10:12 Uhr795 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Selbst bei weiter steigendem CO2-Ausstoß könnte besseres Brandmanagement die jährlich verbrannte Waldfläche in Europa um bis zu 72 Prozent reduzieren. Das ist die eigentliche Botschaft einer Studie, die das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung am 20. August im Fachjournal Global Change Biology veröffentlicht hat. Sie modelliert zwei Szenarien für 2100 und kommt zum Schluss: Ohne Gegensteuern könnte die Brandfläche um bis zu 192 Prozent steigen, mit konsequentem Brandmanagement ließe sich der Anstieg erheblich dämpfen. Was das 2026er Rekordjahr zeigt, mit rund 616.000 Hektar verbrannter EU-Fläche bis Mitte August, mehr als doppelt so viel wie der 20-Jahres-Schnitt, ist ein Vorgeschmack darauf, was ohne Gegenmaßnahmen zur neuen Normalität wird.

Was das PIK-Team berechnet hat

Maik Billing vom PIK hat gemeinsam mit Kirsten Thonicke (PIK) und Thomas Hickler vom Senckenberg Biodiversity and Climate Research Centre zwei Klimaszenarien für die Entwicklung bis 2100 modelliert. Im niedrigen Emissionsszenario (SSP1-2.6, Erwärmung rund 1,8 Grad Celsius) würde die jährlich verbrannte Fläche in Europa um 39 Prozent zunehmen. Im hohen Emissionsszenario (SSP3-7.0, Erwärmung 3,6 Grad) käme die Studie auf 192 Prozent. Billing erklärte dazu: Der Klimawandel führe zu einer Zunahme der Brandaktivität in ganz Europa, da sich heiße, trockene und windige Bedingungen verschärfen.

Besonders betroffen wären dem Modell zufolge der Mittelmeerraum sowie Westeuropa und Mitteleuropa, letztere Regionen, die bislang als weniger brandgefährdet galten als der Süden des Kontinents. Das ist die eigentlich brisante Aussage der Studie: Der Feuerdruck verlagert sich nicht nur nach Norden, er wächst überall.

Was 192 Prozent in der Praxis bedeuten

Der langjährige EU-Schnitt für jährlich durch Feuer betroffene Flächen liegt bei rund 280.000 Hektar. 192 Prozent mehr entsprächen rechnerisch einer Gesamtbrandfläche von knapp 820.000 Hektar pro Jahr, nicht als seltenes Extremereignis, sondern als Durchschnittsjahr. Zum Vergleich: Das Saarland hat eine Fläche von rund 257.000 Hektar. Im Hochszenario würde Europa jedes Jahr mehr als das Dreifache des Saarlandes durch Brände verlieren.

Die Folgen sind nicht nur ökologischer Natur. Wälder sind Kohlenstoffspeicher. Wenn sie brennen, setzen sie CO2 frei, das die Erwärmung weiter antreibt. Das macht Klimaschutz und Waldbrandschutz zu zwei Seiten derselben Aufgabe.

2026: Der Rekord, der kein Ausreißer ist

Die aktuellen Zahlen aus 2026 geben den PIK-Modellen eine erschreckende Plausibilität. Das Europäische Waldbrandinformationssystem (EFFIS) verzeichnete bis zum 19. August rund 616.000 Hektar verbrannte EU-Fläche. Das ist nicht das Ergebnis eines singulären Katastrophenereignisses, sondern die kumulative Bilanz eines langen, heißen Sommers mit Bränden in Spanien, Portugal, Frankreich und Teilen Mitteleuropas.

Das Megafeuer bei Bordeaux im Juli trieb 220.000 Menschen in die Flucht. Korsika und Spanien erlebten eine zweite Hitzewelle. Deutschland registrierte zahlreiche Waldbrände mit hoher Gefahrenlage. Die PIK-Studie liefert dazu den wissenschaftlichen Rahmen: Was 2026 geschieht, entspricht in etwa dem, was die Modelle im hohen Emissionsszenario für Ende des Jahrhunderts als Normalfall ausweisen. Das reale Jahr 2026 liegt bereits im Bereich der projizierten Zukunft.

Gegensteuern ist möglich, wenn jetzt investiert wird

Die Studie enthält eine wichtige Gegenbotschaft. Besseres Brandmanagement könnte die Brandfläche erheblich eindämmen, selbst ohne weitere Klimapolitik. Im niedrigen Emissionsszenario wäre eine Reduktion um bis zu 92 Prozent durch verbesserte Prävention, Früherkennung und Bekämpfung möglich. Im hohen Szenario immerhin noch 72 Prozent.

Thomas Hickler vom Senckenberg Biodiversity and Climate Research Centre betonte, man müsse mehr investieren: in Ausbildung von Feuerwehrleuten, in geeignete Ausrüstung und in die Koordination zwischen Forstwirtschaft, Naturschutz und Brandbekämpfungsdiensten. Das bedeutet: Klimaschutz und Brandschutz sind keine Alternativen, sie sind komplementär. Wer nur auf besseres Management setzt, ohne die Emissionen zu senken, kämpft gegen eine sich ständig verschlechternde Ausgangslage. Wer nur auf Klimapolitik setzt, ohne das Management zu skalieren, hat für die nächsten Jahrzehnte keinen Puffer.

Die Emissionsentscheidungen der nächsten zehn Jahre

Der Abstand zwischen 39 und 192 Prozent mehr verbrannter Fläche, zwischen schlimm und katastrophal, entscheidet sich in den Emissionsentscheidungen der kommenden zwei Jahrzehnte. Politisch rückt damit das Handlungsfenster der nächsten Jahre in den Mittelpunkt.

Europa läuft derzeit auf einem Pfad, der eher dem mittleren als dem niedrigen Szenario entspricht. Das im Pariser Abkommen angestrebte Ziel von 1,5 Grad gilt dem Weltklimarat IPCC als nahezu verfehlt. Das 1,8-Grad-Szenario der PIK-Studie setzt eine deutliche Verschärfung der Klimapolitik voraus, die über bisherige Zusagen hinausgeht. Billing und seine Mitautorinnen liefern damit nicht nur eine Projektion für 2100. Sie liefern auch eine Diagnose für 2026: Was wir gerade erleben, ist kein Ausreißer. Es ist die Gegenwart der projizierten Zukunft.

Update 22. August, 21:08 Uhr: Zwei Großbrände der vergangenen Tage illustrieren, was die PIK-Studie als künftige Normalität beschreibt. Im nordrhein-westfälischen Hürtgenwald bei Gey brach am 13. August der größte Waldbrand in NRW seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen 1991 aus. Auf rund 300 Hektar brannte der Wald nieder, rund 1.800 Einwohner wurden evakuiert. Über 1.400 Einsatzkräfte mit elf Hubschraubern und vier gepanzerten Bundeswehrfahrzeugen kämpften gegen die Flammen. Am 15. August war das Feuer weitgehend unter Kontrolle. Parallel fraß sich ein Feuer nahe Las Peñas de Riglos im spanischen Aragón durch rund 17.500 Hektar Wald und Buschland. Rund 1.050 Menschen wurden evakuiert, ein Soldat der militärischen Notfalleinheit UME kam ums Leben. Erst Regenfälle halfen, den Brand am 18. August einzudämmen. Beide Feuer treffen Regionen, die PIK-Studie als künftig besonders gefährdet ausweist: Deutschland und Westeuropa, die bislang als weniger brandgefährdet galten als der Süden des Kontinents.

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