IBM gegen Google: Das Rennen um Quantenvorteil 2026
Jay Gambetta, IBMs Director of IBM Research und IBM Fellow, hat eine ungewöhnlich präzise Vorhersage gemacht: Noch 2026 werde Quantencomputing zum ersten Mal bei einem realen Problem nachweislich schneller sein als jeder klassische Supercomputer. IBM setzt auf diese Prognose 10 Milliarden Dollar. Google beantwortet sie mit 230 Millionen für den Konkurrenten QuEra Computing. Deutsche Unternehmen wie BMW, BASF und Siemens beobachten das Rennen nicht aus der Ferne: Sie haben im QUTAC-Konsortium bereits Milliarden positioniert und warten auf die Einlösung eines Versprechens, das die Industrie seit Jahren beschäftigt.
Was Quantenvorteil wirklich bedeutet
Ein Quantencomputer hat dann einen Vorteil, wenn er ein relevantes reales Problem nachweislich schneller löst als der leistungsfähigste verfügbare klassische Rechner. Das klingt einfach, ist aber ein hohes Kriterium. Bisherige Demonstrationen zeigten Quantenvorteil nur bei künstlich konstruierten Problemen ohne praktischen Nutzen. IBMs Nighthawk-Prozessor mit 120 Qubits und bis zu 5.000 Zwei-Qubit-Operationen ist die Architektur, mit der IBM diesen Sprung 2026 schaffen will. Bis Ende des Jahres soll die Anlage auf 7.500 Operationen ausgebaut werden.
IBM arbeitet mit der Cleveland Clinic an einem konkreten Anwendungsfall: Im Frühjahr 2026 simulierten sie gemeinsam ein molekulares System mit 303 Atomen auf IBM-Quantenhardware, ein Schritt für die Entwicklung photoaktivierter Krebsmedikamente. Die Simulation ist noch nicht groß genug um klassische Supercomputer zu übertreffen. Unabhängige Analysten, zitiert vom Fachportal IntuitionLabs, schätzen, dass kommerziell nutzbare Molekülsimulationen in der Pharmaindustrie noch fünf bis zehn Jahre entfernt sind: Dafür wären Systeme mit Hunderten fehlerkorrigierter logischer Qubits nötig, die noch nicht existieren.
Das ist kein Widerspruch zu IBMs Ankündigung, sondern eine Präzisierung. Wenn Gambetta 2026 Quantenvorteil verspricht, meint er einen ersten verifizierten Fall bei einem spezifischen wissenschaftlichen Problem, keinen allgemeinen Werkzeugkasten für Unternehmen.
Warum 2026 das Entscheidungsjahr ist
Drei gleichzeitige Entwicklungen machen 2026 zum ersten Wendepunkt des Felds.
IBM hat am 2. Juni 2026 offiziell mehr als 10 Milliarden Dollar über fünf Jahre für Quantencomputing zugesagt, die bisher größte Einzelinvestition eines Unternehmens in diese Technologie. Die Mittel fließen in Forschung, Fertigung und Ökosystempartnerschaften. IBM plant fehlertolerantes Quantencomputing für 2029 als Hauptziel; Quantenvorteil 2026 ist das Zwischenziel das die Richtigkeit der Roadmap belegen soll.
QuEra sammelte im Februar 2025 über Google Quantum AI, SoftBank Vision Fund 2 und weitere Investoren 230 Millionen Dollar ein, ein Unternehmen aus Boston, das auf neutrale Atome statt auf supraleitende Qubits setzt. QuEra demonstrierte im Januar 2026 in der Fachzeitschrift Nature 96 logische Qubits aus 448 physikalischen Atomen. Ziel ist 100 logische Qubits bis 2026 oder 2027, mit 10.000 physikalischen Atomen als Basis. Logische Qubits sind fehlerkorrigiert und damit stabiler als physikalische Qubits, was für längere Berechnungen entscheidend ist.
Und die Finanzierungsseite: Private Risikokapitalgeber steckten 2025 rund 4,9 Milliarden Dollar in Quantencomputing-Startups, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Das ist kein Forschungsfeld mehr, sondern ein Markt mit Wettbewerbsdruck.
BMW, BASF und das QUTAC-Konsortium
Deutsche Unternehmen haben sich früh positioniert. Das Quantum Technology & Application Consortium (QUTAC) vereint BASF, BMW, Boehringer Ingelheim, Bosch, Infineon, Merck, Munich Re, SAP, Siemens und Volkswagen. Deutsche Telekom und Lufthansa Industry Solutions kamen hinzu. Deutschland hat über sein Aktionsprogramm Quantentechnologien drei Milliarden Euro bis 2026 zugesagt.
BMW und das britisch-amerikanische Unternehmen Quantinuum schlossen im Mai 2026 eine mehrjährige Partnerschaft für Materialwissenschaften. Ziel ist, Quantenalgorithmen zur Simulation neuer Batterie- und Leichtbaumaterialien einzusetzen. BASF erforscht Quantenalgorithmen für Katalyseprozesse und chemische Optimierungen, die klassische Supercomputer bereits für mittelkomplexe Moleküle an ihre Grenzen bringen.
Deutsche Telekom demonstrierte im Februar 2026 erstmals live Quantenteleportation in einem Berliner Glasfasernetz, in Zusammenarbeit mit dem US-Unternehmen Qunnect. Das ist für Quantencomputing selbst kein direkter Meilenstein, aber für abhörsichere Quantenkommunikation relevant: ein Anwendungsfall, der schneller reif sein könnte als fehlertolerante Computer.
2029: Was nach dem Rennen kommt
IBM unterscheidet selbst scharf zwischen zwei Meilensteinen. Quantenvorteil 2026 bedeutet einen verifizierten, wissenschaftlich anerkannten Fall. Fehlertoleranz 2029 bedeutet ein System, das zuverlässig für eine breite Klasse industrieller Probleme nutzbar ist, ohne von einzelnen Qubit-Fehlern aus dem Takt gebracht zu werden. Der Unterschied ist für die Erwartungssteuerung entscheidend.
Selbst wenn IBM 2026 Quantenvorteil demonstriert, beginnt damit noch keine breite kommerzielle Nutzung. Die Unternehmen im QUTAC-Konsortium planen ihre Quantum-Roadmaps deshalb auf zwei Horizonte: erste Pilotanwendungen bis 2027 und strategisch relevante Einsätze ab 2029. Wer zu früh zu viel investiert, verbrennt Budget für noch nicht ausgereifte Systeme. Wer zu spät kommt, verliert technologischen Anschluss.
Das Rennen zwischen IBM, Google/QuEra und Microsoft mit seinem Majorana 2, den das Unternehmen im Juni 2026 vorstellte, ist deshalb nicht nur eine akademische Debatte. Es entscheidet, welche Technologiearchitektur am Ende die deutschen Industriepartner bedient und wer das Ökosystem kontrolliert, auf das Pharmafirmen, Banken und Autohersteller in einem Jahrzehnt angewiesen sein könnten.
Aktualisierungen
Update 14. Juli, 01:11 Uhr: Zwei Entwicklungen aus dem Frühjahr 2026 verdichten das Bild. Am 21. Mai vergab das US-Handelsministerium im Rahmen des CHIPS and Science Act rund 2 Milliarden Dollar an neun Quantenunternehmen; IBM erhält davon eine Milliarde Dollar für den Aufbau von Anderon, Amerikas erster reiner Produktionsanlage für Quantenchips in Albany, New York. IBM investiert zusätzlich eine Milliarde Dollar Eigenkapital in das neue Tochterunternehmen; gemeinsam soll Anderon supraleitende 300-Millimeter-Wafer für Quantenprozessoren in industriellem Maßstab fertigen. Am 4. Juni 2026 debütierte Quantinuum an der Nasdaq: Das Unternehmen, das seit Mai 2026 mit BMW in einer mehrjährigen Forschungspartnerschaft für Materialwissenschaften kooperiert, nahm beim Börsengang 1,68 Milliarden Dollar ein und schloss den ersten Handelstag mit rund 15,7 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung, dem größten Börsengang im Quantencomputing aller Zeiten.
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