
Sachsen-Anhalt: CDU kämpft ohne Merz um Regierungsmehrheit
Quellen (7)
- Wahlrecht.de: Umfragen Sachsen-Anhalt Landtagswahl 2026wahlrecht.de
- t-online: Sachsen-Anhalt Wahl Wahlumfrage Trendt-online.de
- Berliner Zeitung: CDU-Landesparteitag ohne den Kanzler, Schulze startet Wahlkampfberliner-zeitung.de
- t-online: CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze Sachsen-Anhaltt-online.de
- taz: Landtagswahl in Sachsen-Anhalttaz.de
- CDU.de: Merz für Sachsen-Anhaltcdu.de
- Handelsblatt: AfD Sachsen-Anhalt und Fachkräftemangelhandelsblatt.com
Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt. Die aktuellste Infratest-dimap-Umfrage vom 26. August weist die AfD bei 42 Prozent aus, die CDU bei 22, die Linke bei 11, die SPD bei 8 und die Grünen bei 6 Prozent. Zwanzig Prozentpunkte Abstand. Kanzler Friedrich Merz erscheint in den letzten Wochen des Wahlkampfs nicht auf den Bühnen in Sachsen-Anhalt. Das ist kein Terminzufall. Der CDU-Landesparteitag hat Merz' Angebote zur Kampagnenunterstützung abgelehnt. Die Botschaft vom Parteitag war nach Berliner-Zeitung-Berichten sinngemäß: Bitte vergessen Sie, dass Merz aus unserer Partei kommt.
Schulze ohne Merz: eine taktische Entscheidung
Sven Schulze ist seit dem 28. Januar 2026 Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, als jüngster Ministerpräsident Deutschlands. Er übernahm nach dem überraschenden Rückzug von Reiner Haseloff, der das Land seit 2011 regiert hatte. Schulze ist CDU-Landesvorsitzender und führt die Union als Spitzenkandidat in die Landtagswahl.
Seine Distanz zu Merz ist öffentlich. Schulze nannte Merz' Kabinettsumbildung im Sommer „sehr unglücklich“, weil sie die Kampagne in Sachsen-Anhalt erschwert habe. Die Entlassung des sachsen-anhaltinischen CDU-Bundestagsabgeordneten Tino Sorge als Parlamentarischer Staatssekretär hatte kurz vor der Wahl in der Partei Unmut ausgelöst. Sorge war einer der mobilisierungsstärksten CDU-Politiker der Region.
Merz lobte Schulzes Arbeit in Sachsen-Anhalt. Aber er erscheint nicht. Das ist die sachsen-anhaltinische CDU-Strategie in ihrer konzentrierten Form: Wer von der Bundes-CDU profitieren will, muss zunächst zeigen, dass die Bundes-CDU kein Handicap ist.
Die Rechenlogik: Wer über fünf Prozent kommt, entscheidet alles
Bei 42 Prozent für die AfD könnte die Ausgangslage klarer scheinen, als sie ist. Der entscheidende Mechanismus ist die Fünf-Prozent-Hürde. Im Magdeburger Landtag werden Mandate nur unter den Parteien verteilt, die in den Landtag einziehen. Wenn kleinere Parteien scheitern, verteilen sich alle Sitze nur auf die verbliebenen Fraktionen. Mit 42 Prozent der abgegebenen Stimmen kann die AfD je nach Konstellation eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze erringen.
Das Szenario einer AfD-Alleinregierung ist rechnerisch möglich. Es hängt davon ab, wie viele Parteien die Fünf-Prozent-Hürde schaffen. Die Grünen liegen bei 6 Prozent: Das ist nah an der Grenze. Die SPD liegt bei 8 Prozent, die Linke bei 11. Wenn alle fünf Parteien einziehen, verteilen sich die Mandate auf fünf Fraktionen. Wenn eine scheitert, ändert sich die Mathematik.
Eine Koalition ohne AfD aus CDU, Linken, SPD und Grünen hätte in diesem Szenario zusammen 47 Prozent der Stimmen. Bei gleicher Stimmenverteilung in Mandaten würde das kaum für eine Mehrheit reichen. Schulze selbst hat eine Koalition mit der Linken bisher nicht ausgeschlossen; er hat sie auch nicht angeboten. Das ist der Stand fünf Tage vor der Wahl.
Was eine AfD-Regierung bedeuten würde
Der Landesverfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft die AfD seit November 2023 als gesichert rechtsextremistisch ein. Eine Alleinregierung dieser Partei wäre ein historischer Präzedenzfall: Noch nie hat in der Geschichte der Bundesrepublik eine als verfassungsfeindlich eingestufte Partei die Exekutive eines Flächenbundeslandes geführt.
Was das konkret bedeuten würde, ist nicht vollständig vorhersagbar. Die AfD Sachsen-Anhalt hat in ihrem Wahlprogramm Maßnahmen zur Remigration und Aberkennung des Schutzstatus für ukrainische Kriegsflüchtlinge angekündigt. Für die rund 36.000 Menschen, die aus der Ukraine nach Sachsen-Anhalt geflohen sind und dort aktuell leben, würde das unmittelbare Konsequenzen haben. Der Wirtschaftsverband des Landes hat vor Instabilität gewarnt: Sachsen-Anhalt hat einen erheblichen Fachkräftemangel, den das AfD-Wahlprogramm durch restriktive Migrationspolitik weiter verschärfen würde.
Für die anderen Bundesländer und für Berlin würde ein solches Ergebnis Fragen aufwerfen, auf die es keine klare verfassungsrechtliche Antwort gibt. Wie der Bund mit einem Bundesland umgeht, das von einer im Verfassungsschutzbericht als rechtsextrem eingestuften Partei regiert wird, ist in der juristischen Literatur offen.
Am Sonntag, 20 Uhr: erste Hochrechnungen
Am 6. September schließen die Wahllokale um 18 Uhr. Die erste Prognose kommt um 18 Uhr, Hochrechnungen folgen kurz darauf. Die CDU hofft, dass die Mobilisierung ihrer Stammwähler und Schulzes regionaler Amtsbonus den Abstand zur AfD kleiner machen, als die Umfragen es zeigen. Die Mathematik ist gegen sie. Die Fünf-Prozent-Hürde arbeitet für die AfD, wenn kleinere Parteien scheitern.
Sven Schulze kämpft ohne die Bundespolitik. Er kämpft mit dem, was er in acht Monaten als Ministerpräsident vorzuweisen hat. Ob das reicht, um eine historisch beispiellose Konstellation zu verhindern, entscheidet Sachsen-Anhalt am Sonntag.
Aktualisierungen
Korrektur 17. September, 19:43 Uhr: Drei Angaben berichtigt. Der Landesverfassungsschutz stuft die AfD seit November 2023 als gesichert rechtsextremistisch ein, zuvor galt sie seit 2021 als Verdachtsfall. In Sachsen-Anhalt leben rund 36.000 ukrainische Geflüchtete; insgesamt aufgenommen wurden gut 45.000. Und erste Prognosen erscheinen mit Schliessung der Wahllokale um 18 Uhr, nicht erst um 20 Uhr.
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