Kein Schutz über Kiew: 29 Raketen, kein Abfangschuss
Keine einzige der 29 ballistischen Raketen, die Russland in der Nacht zum Montag auf Kiew schoss, wurde abgefangen. Mindestens 9 Menschen starben, mehr als 40 wurden verletzt. Der NATO-Gipfel beginnt heute in Ankara, Selenskyj reist mit einer Forderung: erschöpfte Abfangraketen-Lager müssen aufgefüllt werden.
Was in der Nacht auf Kiew fiel
Neben den 29 ballistischen Raketen griffen in derselben Nacht Drohnen und Marschflugkörper die Stadt an. Im Bezirk Podilskyi wurde ein Wohngebäude zwischen dem fünften und neunten Stockwerk teilweise zerstört. Bürgermeister Vitali Klitschko koordinierte die Rettungsarbeiten in der Früh, die städtischen Dienste arbeiteten in mehreren Stadtteilen gleichzeitig. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte kurz danach auf X, die Ukraine brauche dringend mehr Luftverteidigung: Das werde das zentrale Thema der Woche in Ankara sein.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Russland setzt Großangriffe regelmäßig unmittelbar vor wichtigen westlichen Treffen ein. Der Angriff vom 2. Juli, bei dem 574 Flugkörper auf Kiew abgefeuert wurden, fand zwei Tage vor den Beratungen über das NATO-Militärhilfepaket statt. Der Angriff in der Nacht zum Montag trifft 24 Stunden vor dem Gipfelbeginn in Ankara. Das Muster: Verhandlungsgrundlagen verschieben, bevor die westliche Seite sie neu definieren kann.
Warum ballistische Raketen nicht abgefangen wurden
Gegen Drohnen und Marschflugkörper ist die ukrainische Luftverteidigung effektiv: Stinger-Raketen, Gepard-Flugabwehrkanonen und elektronische Störsysteme bilden eine funktionsfähige Schicht. Ballistische Raketen fallen in eine andere Kategorie. Sie fliegen auf Höhen über 80 Kilometer, erreichen beim Wiedereintritt Geschwindigkeiten von Mach 8 bis Mach 20 und geben der Luftverteidigung nur Sekunden zur Reaktion.
Das einzige System, das die Ukraine gegen ballistische Raketen wirksam eingesetzt hat, ist das US-amerikanische Patriot PAC-3. Die ukrainische Luftwaffe bestätigte am Montag, dass die Bestände an Abfangraketen auf einem kritisch niedrigen Stand liegen. Selenskyj formulierte es öffentlich: Die Vorräte an Abfangraketen seien unzureichend, das sei der Grund dafür, dass kein einziger ballistischer Abschuss gelang. Die Nachlieferung hinkt der Verbrauchsrate seit Monaten hinterher, gleichzeitig haben Kampfhandlungen im Iran-Konflikt westliche Lagerbestände weiter dezimiert.
Die europäischen NATO-Mitglieder haben ihre Patriot-Vorräte durch frühere Lieferungen an die Ukraine bereits reduziert. Was beim Gipfel verhandelt wird, ist deshalb keine Ergänzung zu ausreichenden Beständen, sondern der Versuch, eine Grundversorgung wiederherzustellen.
Was die 140 Milliarden bedeuten und was sie nicht lösen
Vor dem Gipfel verständigten sich die 32 NATO-Mitglieder in einem schriftlichen Verfahren auf 140 Milliarden Euro Militärhilfe für die Ukraine für 2026 und 2027. Zwei Einschränkungen trüben das Bild: Erstens fehlen die USA vollständig, die Summe besteht ausschließlich aus europäischen Beiträgen, darunter erhebliche Anteile aus bereits laufenden EU-Krediten. Zweitens deckt der Betrag nicht den spezifischsten Engpass: Abfangraketen für ballistische Bedrohungen.
NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat für den Gipfel drei Kernprioritäten definiert: Luftverteidigung für die Ukraine, transatlantische Rüstungsproduktion und dauerhafte Unterstützung des Bündnisses. Luftverteidigung steht an erster Stelle, was angesichts der Nacht auf Montag nicht überrascht. Das Bündnis hat zudem eine fünffache Steigerung der eigenen Luftverteidigungskapazitäten als Ziel festgelegt.
Trumps Spielraum am Mittwoch
US-Präsident Donald Trump trifft Selenskyj am Mittwoch am Rande des Gipfels bilateral. Trump hat seit Monaten signalisiert, den Krieg beenden zu wollen, ohne dass konkrete Bedingungen formuliert wurden, die Russland akzeptiert und die Ukraine abgelehnt hätte oder umgekehrt. Aus dem Weißen Haus kamen vor dem Gipfel keine Ankündigungen zu neuen Luftabwehr-Lieferungen.
Was Trump theoretisch zusagen könnte: die Freigabe weiterer Patriot-Batterien aus amerikanischen Depots sowie eine Erhöhung der Produktionsverträge für PAC-3-Abfangraketen. Was ihn innenpolitisch zurückhält: der Widerstand innerhalb der Republikanischen Partei gegen weitere Ukraine-Ausgaben sowie Trumps Narrativ, er wolle als Friedensstifter auftreten, nicht als Waffenlieferant. Die Carnegie Endowment for International Peace stellte vor dem Gipfel fest, dass sich die Stimmung innerhalb der NATO verändert habe, aber unklar sei, in welche Richtung.
Was die Abschlusserklärung nicht festlegen wird
Der Gipfel endet am Mittwochabend. Eine vorbereitete Abschlusserklärung bekräftigt die eiserne Verpflichtung der 32 Mitglieder zur kollektiven Verteidigung. Das sind diplomatische Formeln. Die konkrete Frage lautet: Wird beim bilateralen Treffen Trump-Selenskyj eine Entscheidung fallen, die das Abfangraketen-Problem strukturell angeht?
Selenskyj hat die Forderung klar formuliert: Die ukrainischen Kinder seien vor russischem ballistischen Terror zu schützen. Die Nacht auf Montag ist sein Argument. 29 Raketen, keine abgefangen, 9 Tote. Ob Trump darauf antwortet, entscheidet nicht nur über die Luftverteidigung Kiews, sondern darüber, wie ernst das Bündnis die konkrete Deckungslücke nimmt, die Russland seit Monaten systematisch ausweitet.
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